Mein kurzes Statement von gestern etwas zu verdeutlich ....:
Sebastião Salgado formulierte einen entscheiden Satz in der NZZ von diesem Wochenende: Das Bild entsteht zu 90% vor dem Auslösen (sinngemäss).
Zurück zu kommen auf das Gehirn, findet der fotografische Prozess ja nicht nur beim Produzenten statt sondern auch beim Betrachtenden. Wenn Salgado in Genesis die Erde in ihrer Schönheit präsentiert, dann kann das diametrale Gefühle bei den Betrachtenden auslösen. Stellt man "Genesis" die beiden andern Bücher "Gold" und "Africa" zu Seite, dann kann man sich der Zerrissenheit nicht widersetzen.
Zunehmende (technische) "Möglichkeiten" beeinflussen die Betrachtungsweise. Rauschen und Körnung in der Fotografie gehörte in den Anfängen einfach dazu, weil die technischen Möglichkeiten fehlten. Auf den ersten Portraits von Menschen schauten alle sehr ernst, weil sie für die Belichtung still halten mussten und nicht dauernd lachen konnten. Schnappschüsse und bewegte Bilder entstanden erst mit der Zeit.
Wenn ich heute ein Bild im Renaissance-Stil malen würde, dann würde sich kein Mensch dafür interessieren. Es kann technisch perfekt sein, aber es will es niemand. Die Fotografie hat sich im Verlaufe der Geschichte versucht, einen Rahmen zu geben. Genau so wie die Malerei, die Musik, usw. Innerhalb dieses Rahmens und immer zeitbezogen, kann man sich bewegen. Ausser man bricht aus und geht dabei das Risiko ein, dass man beachtet oder verteufelt wird. Manche Maler, Schriftsteller, Musiker usw. wurden nie berühmt, oder zumindest nicht zu Lebzeiten.
Und um wieder auf unser Gehirn zurück zu kommen: Wir sind permanent in der Reflektion, bewusst und unbewusst. Jede Information, ob Bild oder Ton oder was auch immer wird auf Autobahnen durch den Kopf geschickt, bis es irgendwo oder an mehreren Orten landet. Und irgendwie ziehen wir dann den "Schluss" daraus ....
Dabei spielt unsere Prägung mit allen Konsequenzen eine entscheidende Rolle: Zur Prägung gehört auch die Wertung, die Vorstellung, das Gut und das Böse, das Wichtige und das Unwichtige, unsere Ästhetik, unser Glauben usw.
Wahrnehmungen, ob wir wollen oder nicht, verschieben sich. Nicht die Zeit verändert sich, sondern wir Menschen verändern uns. Unser Hirn passt sich den Gegebenheiten an. Wir legen in der Fotografie heute Wert auf Schärfe und Farben und verknüpfen allzuoft bewusst oder unbewusst ein gutes Foto mit der Technik. Und doch, was ist dann das Geheimnis um ein Foto/Bild? Wann ist ein Buch ein gutes Buch? Wann ist Musik gute Musik?
Wir tun uns schwer mit Berührungen. Hinstehen und sagen, das berührt mich. Wenn man berührt ist, dann geschieht etwas in einem. Oft nicht fassbar, oft nicht beschreib- und erklärbar. Es sind Momente, welche auch Angst machen: sich berühren lassen, hat etwas Unkontrollierbares. Und das haben wir, hat unser Gehirn nicht unbedingt gerne. Sich berühren lassen kann also unangenehm sein, aber auch sehr angenehm.
Ich lese ein Buch und es kann mich berühren. Weil es so gut geschrieben ist, weil ich mich identifizieren kann mit ihm. Ein Bild, fotografiert oder gemahlen, kann mich berühren. Einfach, weil ich es schön finde, weil ich den Menschen dahinter spüre. Ein Bild kann mich berühren, weil er in mir ein Thema weckt, welches ich verdränge, mir Schwierigkeiten macht, oder weil es sich bestätigt. Und genau so ist es in der Musik. Bachs H-Moll Messe berührt mich unglaublich: ein fast testamentarisches Werk hat mich in der Phase des Abschieds meiner Eltern eingeholt.
Wir schaffen also mit unserem Reflektieren mit allen Sinnen immer wieder Parallelen zu uns selbst. Wir bilden innere Strukturen und Regeln, welche wir immer wieder mit dem Äusseren abgleichen (müssen), weil unser Gehirn so funktioniert. Und dann gibt es noch diesen Graubereich, jenen Bereich, der uns nicht klar ist, suspekt und nicht greifbar. Das macht unsicher und oder berührt.
Mein Fazit nach den Jahren in dem ich mich mit Musik, Literatur, Malerei und Fotografie beschäftige: Ich kann mittlerweile zurückstehen und sagen, das Bild ist irgendwie perfekt, aber es sagt mir nichts. Aber ich kann auch hin stehen und sagen, das Bild ist technisch nicht perfekt, aber es berührt mich. Selbstverständlich kann auch für mich ein Bild perfekt sein und mich berühren. Und ich glaube, dass wir uns mehr über die Entstehung unterhalten sollten: über das "wie etwas zustande kommt", über das "warum etwas zustande kommt". Die Zeit dafür einsetzen, was vor dem Auslösen passiert ...
In diesem Sinne ....
