So, Achtung: jetzt wirds lang
Ich habe das erste Mal seit langem mal wieder komplett anhand der 5 Phasen geschrieben, die wir im Club erarbeitet haben und die Sam hier im Thread auch verwendet. Danke an alle, die sich das bis zum Ende durchlesen
Los gehts:
1. Bildbeschreibung
Ich sehe eine Schwarzweiß-Fotografie im Hochformat mit einem großzügigen weißen Rahmen. Im unteren Bilddrittel verläuft eine asphaltierte Straße mit einer Fahrbahnmarkierung oder -begrenzung. An bzw. auf dieser Markierung befindet sich unser Hauptmotiv: zwei weißgekleidete Nonnen mit flachen, bequemen Schuhen , nebeneinanderstehend, einander zugewandt. Die linke, etwas kräftigere Nonne ist Brillenträgerin. In der linken Hand hält sie einen Stoffbeutel. Sie trägt dunkle Schuhe mit Fersenriemen, vielleicht Sommersandalen. Ihre Weggefährtin ist ungefähr gleich groß, jedoch schlanker und trägt robust aussehende, hellere Schnürschuhe. Die beiden berühren sich an den Armen, beinahe eingehakt, so als ob sie einander ein wenig stützen. Vielleicht aber auch, wie man im Augenblick des lebhaften Erzählens jemanden an der Hand oder am Arm berührt, um dem Gesagten fröhlich Nachdruck zu verleihen: „Kannst Du Dir das vorstellen? Da hat er/sie doch tatsächlich gesagt…“ Die Mimik ist nicht eindeutig zu erkennen, aber die beiden wirken sehr vertraut und freundlich miteinander. Beide werfen dunkle Schatten über die Straße.
Die Bildmitte beginnt oberhalb der Köpfe der beiden Damen und zeigt ein Stück Wegrand mit Gräsern und Blumen. In diesem Grünstreifen steht ein Verkehrsschild „Durchfahrt verboten“ mit darunter einem weißen Schild, das die Ausnahmen regelt. Der Weg, der nicht befahren werden soll, liegt dahinter, jenseits des Wegrandes rechts im Hintergrund des Bildes und ist nur durch eine hölzerne Wegsperre zu erkennen. Offenbar ein Feldweg, der in den dann beginnenden Wald hineinführt.
Im oberen Bilddrittel dominieren die Bäume des Hintergrunds und etwa die obere Hälfte des runden Verkehrsschildes.
2. Persönlicher Eindruck, Gestaltung, Technik, Persönliche Wertung
Persönlicher Eindruck: ein berührendes Bild, eine Momentaufnahme. Mein spontaner erster Gedanke: „ach, wie schön!“ - ein friedliches, freundliches Bild, das Zuwendung und Miteinander ausstrahlt. Die beiden Nonnen wirken auf mich so wunderbar zufrieden, vielleicht sogar ein bisschen schelmisch, wie sie da so nebeneinanderstehen und sich unterhalten. Und komischerweise ist mir grad ganz egal, wo die beiden herkommen, was sie da wirklich tun und wohin sie warum unterwegs sind. Mir reicht völlig dieser eine, schöne Augenblick.
Gestaltung/Technik: Ich finde viele Gestaltungsmerkmale. So finden wir nach dem Goldenen Schnitt im unteren Drittel die linke Nonne ziemlich genau auf der linken Rasterlinie, ihr Kopf nur knapp neben einem Linienschnittpunkt (point of interest, POI). Kontrastierend dazu liegt das Verkehrsschild in der Bildmitte ziemlich auf der rechten Rasterlinie, das obere Teil des runden Verkehrsschildes liegt mit der Oberkante seines weißen Balkens auf der horizontalen Linie des oberen Drittels, auch hier ein POI.
Legt man statt Goldenem Schnitt ein Dreiecksraster an, haben wir die beiden Nonnen, den Verlauf der Straße und das Schild auch hier passgenau im Raster.
Die Schwarzweißkonvertierung hebt die Hell-Dunkel-Kontraste sehr gut hervor. Die dunklen Bereiche (Wald, Schatten der Nonnen, Schatten unten links im Bild) und die Helligkeit des Hauptmotivs, der Straße und des Straßenschilds wirken insgesamt sehr ausgewogen. Der Hell-Dunkel-Kontrast gipfelt natürlich in den weißgekleideten Nonnen und ihren schwarzen Schatten.
Ich finde auch schöne Formenkontraste: das runde Verkehrsschild mit seinem rechteckigen Begleiter darunter, die eckigen Formen, die durch die Straße und ihre Begrenzung gebildet werden, Linien (Schild, Wegsperre, Fahrbahnmarkierung), runde Formen (oberes Teil des Schildes, die Körper der Nonnen, ihre Köpfe).
Als Themenkontrast mag man die Natur und das Verkehrsschild (menschengemacht, regulierend) sehen.
Das Licht ist genau richtig, um die Schatten exakt so zu werfen. Die Sonne hat wohl eigens so für den Fotografen geschienen.
Die Schwarzweißkonvertierung ist sehr gut gelungen und wurde imho zu Recht gewählt - Farbe hätte dem Bild vermutlich etwas chaotisches gegeben und die Bildaussage damit konterkariert. Ich sehe keine „abgesoffenen“ Bereiche; wo Struktur drin ist, ist auch Struktur zu erkennen. Einzig bei der weißen Kleidung der Nonnen fehlt es ein bisschen, das reißt aber der Faltenwurf wieder raus.
Zur Technik kann ich wie immer wenig sagen
4. Persönliche Wertung / positive und negative konstruktive Kritik
Ein sehr gelungener Schnappschuss im wahrsten Sinne des Wortes: den Augenblick perfekt eingefangen. Ein Bild, an dem ich mich freuen kann. Einzig den großen weißen Rahmen hätte es für mich nicht gebraucht, aber das ist Geschmackssache, darüber lässt sich nicht streiten
Sam: Chapeau!