Ein Koffer für die Ewigkeit ...

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Dasselbe Bild heute Morgen. Ich stand früh auf, ging mit unseren Hunden auf einen langen Spaziergang...

Ich habe mich mittlerweile an den Nebel gewöhnt. Auch an das, dass er mich dauernd spiegelt.

Nie war mir so bewusst wie jetzt, dass Fotografieren sich ausschliesslich mit der Gegenwart beschäftigt - bis ich ausgelöst habe. Das Betrachten des Bildes auf dem Display der Kamera ist aber schon wieder Vergangenheit. Wenn ich diese Zeilen schreiben, das Bild einstelle, dann beschäftige ich mich ebenfalls mit meiner Vergangenheit.

Vergangenheit war für meinen Vater keine Nostalgie. Vergangenheit diente ihm zum Lernen. Manchmal gelang es ihm gut, manchmal weniger gut...

Das Pflegeheim ist angesagt nun, für den Rest. Und mir macht es Mühe. Aber es ist so, dass es für uns und auch unsere Mutter nicht möglich ist, ihn zu Hause zu pflegen....

Und so verabschiedete ich mich auch heute Morgen von diesem Baum, der sich mir nur ganz kurz in seinen Umrissen präsentierte ...


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Irgendwie geniesse ich es mit der Kamera umherzugehen und mich wie fast immer fangen zu lassen von Motiven.

Ich muss mich selten anstrengen, in einem Motiv einen Sinn oder eine Geschichte zu sehen. Oft hab ich sogar den Eindruck, die Motive werden wir serviert, und ich darf nur noch zulangen...

Aber es gibt auch Momente, wo ich mich schnell abwenden muss von Motiven. Weil sie zu deutlich werden. Zu direkt. Oder eben das Gegenteil. Lange hinschauen, lange betrachten, lange überlegen. So auch bei diesem Baum. Noch lebt er ...


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Hallo Sam,

ich habe erst heute Deinen Thread entdeckt und er berührt mich ganz tief im Innersten.

Deine offenen Worte, Dein Umgang mit Deinen Gefühlen, Deine Gedanken berühren mich sehr.

Ein sehr schöner Weg, wie Du ihn gehst, Dein Vater wird sehr stolz auf Dich sein, Du zeigst hier eine große Liebe, eine große Verbundenheit, das ist ein großes Glück.

Ich wünsche Dir noch intensive, schöne Momente mit Deinem Vater, aber auch weitere intensive und schöne Momente in Deiner inneren Zwiesprache.

Eine sehr kostbare Zeit, die Du gerade erlebst...
 
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Lieber Sam,
der Nebel gibt nur preis was Du sehen sollst oder verbirgt das was Du nicht sehen sollst.
Ja wie Du schon einmal geschrieben ist die Gegenwart im nächsten Moment Vergangeneheit und auch der morgige Tag der heute Zukunft ,morgen Gegenwart ist wird übermorgen auch Vergangenheit sein ,doch eine Gegenwart wir nie Vergangenheit sein und das sind die schönen Momente aus der Vergangenheit die man sich immer vergegenwärtigen kann und im Herzen eine dauerhaften gegenwärtigen Bestand haben.
Ich werde Dich weiter begleiten.
 
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Laut hörte ich dieses Stück. Das Rondo für Klavier und Orchester von W.A. Mozart.

Ein Stück, das mein Vater auswendig kannte. Und wenn er im Stuhl sass, dann immer mit dirigierte.

Ich bin kein Vogelfotograf. Das können die meisten von Euch viel besser als ich. Aber statt ins Auto zu sitzen und in den Jura zu fahren, schraubte ich mein 500mm an meine D4 und fotografierte die Vögel rund um unser Haus.

Und vielleicht ist es das, was was ich von meinem Vater gelernt habe. Das schätzen und an dem Freude haben, was man hat. Freude haben wo man ist. Und mit diesen Aussagen begannen wohl meine ersten Überlegungen über den Konjunktiv, welcher wir immer und immer wieder heranziehen, um dort unser Glück zu finden ...


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Lange hielt ich seine Hand gestern Abend. Er antwortet kaum mehr. Doch ein Satz blieb mir:

"Gö'mer hei" (gehen wir nach Hause / gehen wir heim). Heimat. Ich habe lange nicht verstanden was Heimat ist. Heimat, zu Hause, an einem Ort sein. Aber eben nicht, obwohl mein Vater sehr wohl Heimat auch mit dem verband, was sein örtliches zu Hause ist.

Aber auch auf Reisen habe ich ihn immer als "zu Hause" wahrgenommen. Bei sich, offen und fasziniert von dem, was das Leben ihm bietet.

Und vielleicht ist das das Geheimnis und das, was ich mitnehme von ihm: Heimat in sich selbst, wo man auch immer ist...

Meine Blicke schweifen auf Nachbars Fenstersims. Ein Engel mit Noten. Ja, wenn Engel singen, dann wird mir warm ums Herz. Und irgend wie denke ich, dass mein Vater von einem Engelchor empfangen wird ...


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Nächste Woche beginnt der Alltag wieder. Und ich habe etwas Bedenken. Ich werde kaum noch zum Fotografieren kommen, obwohl ich das gerade jetzt brauche. Denn Bilder kommen ohnehin hoch. Und irgendwie müssen meine inneren Bilder immer in eine äussere Form.

Morgen verlegen wir unseren Vater ins Pflegeheim. Ich habe das Zimmer mit meiner Mutter eingerichtet. Und wir setzten uns auf die bequemen Stühle und schauten zum Fenster heraus. Langsam konnten wir auch diesem Umstand etwas Positives abgewinnen...

Auf dem Apfelbaum tauchte etwas Farbiges auf. Ein Rotbrüstchen. Vielleicht auch ein Hinweis. Manche Dinge brauchen Zeit. Wenn die Farben nicht von Aussen kommen, dann muss man sie selbst machen, dachte ich ...


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Hallo Sam,

das wird sicher nicht leicht für euch alle werden...

Ich hoffe, Dein Vater wird sich dort wohl fühlen und schnell heimisch werden.

Ich wünsche euch Mut, Kraft und Gelassenheit für den schweren Weg.

Liebe Grüße
 
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das wird sicher nicht leicht für euch alle werden...

Danke Gudrun und ja, das ist wohl das Schwierigste am Ganzen. Nicht loslassen, aber das letzte Stück, das wir ihm so nicht gewünscht hätten ...

Aber das "Davor" ist genau so unplan- und voraussehbar wie das "Danach".

Seit wir in unserem Haus wohnen, haben wir im Geissblatt-Gebüsch, welches sich die Hauswand hochzog und wir immer wieder abschneiden müssen, eine Spatzenkolonie.
Sie gehören zu unserer Familie wie alles andere auch. Am Morgen beginnen sie zu schwatzen mit einander, jetzt holen sie Futter, und am Abend ziehen sie sich wieder ins Gebüsch zurück und Schwatzen noch eine Runde ...

Familie, wie gross sie auch immer sein mag, ist immer auch ein Stück Heimat. Und dabei die verwandtschaftliche Verbindung nur ein Aspekt. Freunde können genau so zur Familie gehören...

Auch wenn dieser Spatz alleine auf dem Ast sitzt ... um ihn sind noch einige ...


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Wenn ich mich durch meine Bilder der letzten Tage und Wochen durchscrolle, dann kommt mir eine Arie in den Sinn aus der Zauberflöte von Mozart:

"Dies' Bildnis ist bezaubernd schön ...". Jene Szene, in welcher Tamina ein Bild von Pamina sah und entschied, der Liebe nach zu gehen ...

Die Szene kommt mir in den Sinn, nicht wegen der Qualität meiner Bilder. Ich denke an die doch wunderschöne und lehrreiche Zeit dieser Tage und welch' ein Glück ich habe, diesen Momenten eine Gestalt zu geben und sie zu teilen.

So mögen diese Tage immer wieder von schweren Momenten durchdrungen sein, nicht aber im Grundgefühl ...

Ein Herz, ein Tier, Essen ... oder wie sagte mein Vater: Dankbarkeit ...


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Ein Tag geht zu Ende. Kochen ist angesagt.

Wir, meine Frau und ich, hatten das Glück, meinen Vater über einen längeren Zeitraum einen Tag die Woche bei uns zu haben, als es ihm noch besser ging. Zur Entlastung meiner Mutter.

Er genoss es sehr bei uns. Und wir genossen ihn.

Johnny ist wohl mit seinen über 15 Jahren im Alter meines Vaters. Möglicherweise noch etwas jünger. Aber auch er war immer von der Partie. Die Hauptsache, er kann in der Küche helfen und den Menschen auf den Schoss sitzen. Meinem Vater ist er regelmässig auf den Schoss gesessen, und beide genossen es sichtlich.

Ein Tag geht zu Ende, das 500mm ist im Schrank zurück. In Gedanken war ich den ganzen Tag bei meinem Vater. Und wenn ich nun in die Küche gehe, dann wird Johnny dort sein. Und wird mich an die schöne Zeit erinnern.... Johnny ist immer ein Bild wert. Immer. So wie mein Vater immer ein Gedanke wert ist...immer ...

Das letzte Bild für heute ...


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Mein Vater war schon immer für Überraschungen gut. Vielleicht, aber auch das ist Interpretation, weiss er die Bemühungen von uns Kindern und seiner Frau zu schätzen. Und vielleicht weiss er auch, dass wir alles tun, dass es er sich wohl fühlt ...

Sein Zimmer im Pflegeheim hat er auf seine Art mit grosser Freude aufgenommen. Und mit seiner bescheidenen Art, mit wachen, hellen Augen hat er uns das auch zu spüren gegeben.

Und so empfand ich auf dem kurzen Spaziergang heute Nachmittag, Licht. Licht und Zufriedenheit ...


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Danke Gudrun! :)

Es ist mein Glück, diesen Prozess so wahr zu nehmen. Es ist mein Glück, diesem Prozess auch Bilder zu geben.

Ich habe in der kurzen Zeit mit meiner Kamera nur den Himmel angeschaut. Und mich um mich selbst gedreht. Die dunklen Wolken waren aber nur ein Teil des Ganzen ...


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Mein Vater war schon immer für Überraschungen gut. Vielleicht, aber auch das ist Interpretation, weiss er die Bemühungen von uns Kindern und seiner Frau zu schätzen. Und vielleicht weiss er auch, dass wir alles tun, dass es er sich wohl fühlt ...

Sein Zimmer im Pflegeheim hat er auf seine Art mit grosser Freude aufgenommen. Und mit seiner bescheidenen Art, mit wachen, hellen Augen hat er uns das auch zu spüren gegeben.

Und so empfand ich auf dem kurzen Spaziergang heute Nachmittag, Licht. Licht und Zufriedenheit ...

Sam, da habt Ihr etwas geschaffen (ich sage extra nicht geschafft), was Deinem alten Herrn vermittelt, dass er nicht abgeschoben wird. Und das ist gut so.
Ich freue mich, dass Du wieder ein klein wenig Licht siehst und im Herzen ein klein wenig ruhiger wirst.
 
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Kein Besuch heute. Morgen wieder.

Ich werde meinem Vater eine kleine Musikanlage einrichten, wo er klassische Musik hören kann. Mozart mag er, Beethoven, die Sinfonien ....

Nur ein kleiner Moment heute. Ein Blick zum Dachfenster hinaus....es reicht für heute kurz aber intensiv an ihn zu denken ... die Verbindung klappt ...


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Lieber Sam,
die Liebe die Du Deinem Vater entgegenbringst berührt mich sehr tief ,jede Nuance seiner Person fühlst und beachtest Du und drückst dies fabelhaft in Bildern und Handlungen aus.
Deinem Vater wird die Musik gut tun, denn er wir sie sicher auf seine besondere Art wahrnehmen.
 
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Es mag aussergewöhnlich klingen, dass ich heute beim Hühnerstallausmisten das Gloria von Vivaldi gehört habe. Die Hühner und die Meerschweinchen und Kaninchen haben sich nicht daran gestört. Im Gegenteil. Wie immer haben sie sich um mich gescharrt und mir "geholfen".

Alltägliche Dinge zum "Fest machen". Man kann sich schon auf zwei Wochen Ferien freuen. Aber wenn es die einzige Freude ist im ganzen Jahr ....?

Das habe ich vom Vater gelernt. Und ich war überwältigt, von dieser Szenerie heute Nachmittag. Als ob gleich ein ganzes Orchester mit hundert Kinderstimmen ins Licht treten würden und das Gloria anstimmen würden ...


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Ich habe schon mehrfach über mein Inneres und Äusseres in der Fotografie nachgedacht.
So ergeht es mir, wenn ich meinen Vater im Pflegeheim besuche. Keine schöne Szene heute, wie meine Frau und ich den Vater angetroffen haben. Ich habe immer gehofft, dass ich das nicht sehe, obwohl ich es häufig gesehen habe, aber eben nicht bei meinem Vater.

Demenz kann ja zur Folge haben, dass man mitten in ganz alltäglichen Dingen, nicht mehr weiss wie weiter. Abläufe können nicht mehr koordiniert werden, so eben auch aufs Klo gehen ...

Meine wunderbare Frau und ich haben die Szene gut gemeistert. Zuerst wird begrüsst, und dann wird geholfen. Und doch, in den wenigen klaren Momenten realisiert er es.

Mein Inneres war aufgewühlt, mein Äusseres fand ich nicht. Bis vorhin. Ein Blick in mein Fotozimmer. Es gibt eine Verbindung und das ist meine Fotografie.

Und beim Abschied habe ich meinen Vater umarmt, wie immer und im einen Kuss auf die Wange gegeben. Normalerweise küsst er dann auch meine Wange. Diesmal nicht. Ich schaute ihm in die Augen und wies in lächelnd darauf hin, ob das nun alles gewesen sei ...

Er lächelte zurück, spitzte sein Mund und gab mir gleich drei Küsse ...

Wenn mein unbekanntes Inneres mit meinem unbekannten Äusseren sich vereint, oder zumindest nahezu, dann entsteht Nähe und Intimität. Manchmal ist das ein schwerer und schmerzhafter Prozess. Aber für die drei Küsse von meinem Vater nehme ich das sehr gerne in Kauf ...


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