Naja, da gibt´s ja mittlerweile so´ne Sonderregelung für Motorradfahrer über 70 Jahre..
Da ich ja vom Alter her mitreden kann, häng ich mal eine Kurzgeschichte dran, die ich im Januar für die Zeitschrift "Motorrad" geschrieben habe. Leider haben sie ohne Rücksprache darin rumgeändert, sodaß am Ende etwas heraus kam, was ich niemals genehmigt hätte. Entsprechenden Kommentar gabs dann auch in der Ausgabe 2/17.
Hier aber die Originalversion
Forever Young
Einer jener Morgen, an denen die alten Knochen weder liegen bleiben noch aufstehen wollen. Ich muss da wieder durch, wie schon so oft in letzter Zeit. Die Gelenke knacken, als ich mich in meine Pantoffeln schwinge, und die ersten Schritte Richtung Bad suchen die Gleichgewichtsorgane noch heftig nach der Ideallinie.
Vorletzte Woche bin ich 70 geworden. Eigentlich kein Grund zur Klage, denn ich bin groß, immer noch schlank, und wenn man von jenen kleinen, sich ständig um neue Baustellen vermehrenden Unpässlichkeiten dieses Alters absieht, eigentlich noch ganz gut beisammen.
Es wird weniger werden im Laufe des Tages. Die Gelenke werden sich wieder an Bewegung gewöhnen, die Muskeln an ihre Arbeit, der Kreislauf pendelt sich auf jene Dimension von Aktivität ein, die ich meinem Körper noch zumute. Mit anderen Worten, im Laufe des Tages werde ich immer jünger.
Mit einem „Vorkaffee“ in der Hand, meine Liebste schläft noch, stehe ich am Fenster und schaue hinaus in den neuen Tag. Es ist ein schöner Spätsommertag, und er verspricht warm, aber nicht zu warm zu werden. Unten auf dem Parkplatz leuchtet das Metallicrot meiner Medizin. Leicht geneigt steht die Yamaha auf ihrem Seitenständer und wirft mir Kußhändchen zu.
Dreispurig mündet die Kieler Straße in die Fruchtallee. Die Ampel steht auf Rot, und ich rolle langsam auf sie zu. Kein Grund zur Eile, denn ich kenne den Rhythmus. Auf der linken und der rechten Spur stehen zwei von jenen Gefährten, die man immer öfter in der Stadt sieht. Außen und Innen sehen sie alle gleich aus. Außen Weiße, heißgemachte Mercedes Sportlimousinen mit schwarzen Dächern und bedrohlich röhrenden Endrohren, Innen dunkelhäutige junge Männer mit kahlgeschorenen Köpfen, auf denen oben eine exakt abgezirkelte borstige Insel thront. Ihr Anliegen drücken sie mit nervösen Gasfüßen aus. Nein, aufheulen lassen sie ihre potenten Kraftwerke nicht. Sie vergewissern sich nur nur mit einem verhaltenen auf und ab des Grollens ihrer Bereitschaft, beim Umspringen der Ampel die vor ihnen liegende Strecke zur Startgeraden ihres persönlichen Formel 1 Erlebnisses zu machen. Als ich zwischen ihnen halte weiß ich, dass ich die Würze in diesem Menü bin. Meine Maschine ist eine alte 600er mit vier Zylindern, und in ihren Köpfen sieht man die Erwartung klicken, dass sie es jetzt endlich auch mal einem Motorradfahrer „zeigen“ können. Chancen hätten sie. Ruhig blubbert mein Motor vor sich hin, und ein etwas breites Grinsen macht sich auf meinem Gesicht breit, dass sie aber wegen des Integralhelmes nicht sehen können. Vielleicht sind ihre Motoren so weit getunt, dass sie tatsächlich meine Beschleunigung kontern könnten, aber ich weiß, sie werden den Start verlieren. Das Adrenalin schießt in meine Adern. Mein Herz pocht deutlich, meine Sinne sind zum zerreißen gespannt. Leicht verlagere ich mein Gewicht auf den rechten Fuß, während der linke mit einem deutlich hörbaren Klacken den ersten Gang einlegt. Die Spannung steigt, denn das Umspringen der Ampel steht jetzt kurz bevor. Immer noch lassen sie ihre Drehzahlen auf und ab pendeln. Eine Dummheit, denn eine runter fahrende Drehzahl lässt sich nur mit einer kurzen Verzögerung wieder auf hoch bringen. Physik halt!
Man darf nicht direkt auf die Ampel schauen, sondern muss sie in einem seitlichen Blickwinkel im Auge behalten. Das direkte Schauen lenkt zu viel Konzentration auf das Licht, was auf Kosten der motorisch notwendigen Reaktionen geht, auf die es ankommt! Gas geben, Kuppeln, Schalten. Mein Motor blubbert immer noch in Leerlaufdrehzahl. Würde ich ihn etwas höher drehen, wären sie aufmerksamer, aber so schläfere ich sie regelrecht ein. Als die Ampel umspringt, übernimmt der Körper. Der Kopf ist schon lange nicht mehr daran beteiligt, und die fließenden Bewegungen gehen zeitlos ineinander über. Das Vorderrad hebt sich leicht vom Asphalt und schwebt eine Weile in der Luft, um beim nächsten Schaltvorgang zurück aufs Pflaster zu Plumsen. In meinen beiden Rückspiegeln sehe ich formatfüllend die agressiven Fronten der beiden Mercedes, während ich den beiden Fahren einen ziemlich freien Blick in meine beiden Endrohre gewähre.
Gut, morgen früh werde ich wieder 70 sein und ein wenig kaputt, aber jetzt, ...jetzt bin ich 20!