Huihuihui, hier ist ja inzwischen wieder eine recht rauhe Stimmung. Nach diesen Beiträgen möchte ich auch noch mal meinen Senf dazugeben...
Um das klarzustellen, ich möchte niemanden persönlich angreifen, auch nicht und schon gar nicht rico77. Und ich bitte Dich, trotz der aufgeheizten Stimmung das nicht anders zu verstehen. Ich beziehe mich auch explizit nicht auf Dich, auch wenn man das vielleicht so lesen kann.
Es sind nur Deine Beiträge, die mich daran
erinnert haben, wie so "Gerüchte" gepflegt werden, bzw. wie das normalerweise in Foren läuft, z.B. auch hier. Es sind genau diese Art von Urteilen, die ich schwierig finde und die ich versucht habe, in meinem Review zu vermeiden. Nämlich das Schema: "Schau mal hier, ich habe ein Bild gemacht, man sieht wie total [scharf, unscharf, kalt, warm, steril, romantisch, magisch, dreidimensional, harmonisch, flach, weich, hart, rund] Objektiv XYZ rendert."
Mit diesen Statements kommt man nicht weiter und es werden Dinge auf das Equipment geschoben, die damit nichts zu tun haben. So in etwa, wie wenn jemand ein Mikrofon beurteilt und sagt "Der Sänger klingt damit total schief!". Tja, dann muß man vielleicht mal einen nehmen, der singen kann.
Ein Faktor, den insbesondere Amateurfotografen häufig komplett außer acht lassen, ist das Licht. Da wird halt einfach irgendwovon ein Foto gemacht, das sieht geil oder scheiße aus und dann wird gesagt schau mal hier, was für ein tolles oder beschissenes Foto. Und dann wird das Ergebnis irgendworauf geschoben, ob positiv oder negativ, das ist austauschbar: Z.B. wird ein Bild als besonders "ausdrucksstark" oder als besonders "flach" beschrieben. In Wirklichkeit ist z.B. nur das Licht besonders schlecht oder besonders glücklich. Ich rede nicht von hell oder dunkel, ich rede von Richtung und Charakter der Lichtsetzung. In dem von rico77 geposteten Foto mit den beiden Trachtenjungs hätte ein anderes Objektiv das Licht auch nicht schöner gemacht.
Es ist allgemein akzeptiert und findet sofort überall Zustimmung, wenn jemand so abstrakte Attribute benutzt – das machen große Fotografen auch und dann muß da was dran sein bzw. es zeugt von besonderer Feinfühligkeit und Emotionalität, wenn man solche Attribute benutzt. Das ist zwar alles schön und gut, nur es gibt einen
GANZ, GANZ großen Unterschied zwischen etwas, was ein a)
Bild an sich gut oder schön macht, und dem, was b) ein Stück
Equipment dazu beiträgt:
a) Die Faktoren, die aus einem Bild an sich ein besonders schönes, bewundernswertes, einnehmendes, treffendes, überwältigendes, wertvolles Werk machen, die kann man nicht messen. Ja, es gibt ein paar Faktoren, die ein Bild allgemein gefälliger machen, z.B. der goldene Schnitt, eine bestimmte Komposition und Tiefenstaffelung, ein toller Unschärfeverlauf, eine bestimmte Lichtsetzung oder (bei available light) -situation, blablabla. Man kann über derlei explizierbare Faktoren natürlich reden und fragen, wie hat denn der das Licht so toll hinbekommen, und das ist auch legitim, aber: Aber es gibt genug Bilder, die genau das Gegenteil von "klassischen Regeln" machen und die trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb) atemberaubend gute Werke sind. Deshalb ist es bisweilen sinnlos, über diese Faktoren zu streiten und zu versuchen, das in Worte zu fassen. Das Feld ist zu weit.
b) Leider wird diese Diskussion häufig verwechselt mit der über Equipment. Denn: Mit diesem Faktor verhält es sich völlig anders. Ein gutes Bild macht man nicht kaputt dadurch, daß man nicht die teuerste Kamera hat. Oder umgekehrt: Bilder, die wirklich toll sind, sind das nicht deshalb, weil jemand eine Hassy benutzt hat oder eine Zeiss-Linse. Ja, Bilder werden
technisch hochwertig, wenn man technisch hochwertiges Equipment benutzt. Aber nicht
inhaltlich.
Alle Auswirkungen, die das Equipment für ein Bild "produziert", sind aber nicht inhaltlicher Natur, sondern technischer. Und die lassen sich messen. Damit meine ich nicht, daß man für alles eine Maßeinheit hat (aber auch das ließe sich sicherlich mit viel Aufwand hindengeln, wenn man jemanden wie [MENTION=72609]Pesch[/MENTION] da ranläßt). Sondern daß alles, was man als abstrakten Eindruck hat, sich auf etwas zurückführen läßt, was man
konkret visuell erfaßt hat. Dieser Eindruck, der läßt sich auf ganz
konkrete Ursachen zurückführen, also
konkret begründen und beschreiben. Attribute wie "kalt" oder "steril", die haben eine konkrete Ursache, z.B. die Farben. Das Problem an der Sache ist nun, daß alle Faktoren, die auf einem Foto festgehalten werden, also z.B. auch die Farben, zunächst einmal im Motiv vorhanden sind. Und das hält man dann fest. ERST kommt das Motiv, mit allen seinen Einflußfaktoren. Auf einem Bild spielen für den Gesamteindruck einfach viel zu viele Faktoren eine Rolle, als daß man das anhand eines Fotos wie dem obigen auf ein bestimmtes Teil seines Equipments zurückführen kann. Das Bild mit den Trachtenjungs (
https://www.flickr.com/photos/enrico-heller/15033155785/ ) ist das perfekte Beispiel dafür.
Ja, das Bild ist relativ flach, kalt, ziemlich Snapshot-mäßig und wenig "episch". Schön abstrakt, diese Attribute, oder? Aber klingt alles toll, weil nach Gefühl und künstlerischem Verständnis. Man ist ja unter Fotografen, wir haben ja alle künstlerische Gefühle. Aber: Liegt das alles an dem Objektiv? Ich habe das Bild nicht gemacht und kann deswegen natürlich nicht sagen "nein". Ich bin mir aber zu 99,9% Prozent sicher, daß das nicht so ist. Die Hauttöne sind nicht schön balanciert, das Licht fällt nicht schön, die Lichtfarbbalance ist durch die ganzen grünen Blätter ohnehin sehr schwierig, egal wie gut Rico jetzt mit Farbkorrekturen ist.
Wäre das gleiche Bild mit einer hochfrontal positionierten 60er (plus X) Softbox jedweder Form geschossen und den Weißabgleich anders gesetzt, dann würden hier wahrscheinlich Leute über die "räumliche Zeichnung", den "3D-Effekt", die "Magie" oder den "natürliche, weichen Charakter" des Objektives reden, was Rico da benutzt hat. Egal ob's ein
Sigma gewesen wäre, ein 58G, ein Zeiss oder ein 53mm f/1.7 Exot von 1964. Ich übertreibe bewußt, aber ich denke es kommt rüber, was ich meine.
Es ist einfach extrem verführerisch, fehlende (oder auch vorhandene) Qualitäten auf irgendwelches Equipment zu schieben. Nur leider liegt man mit der Ursachenzuschreibung äußerst selten richtig. Um eine wirkliche Aussage darüber zu treffen, daß z.B. das Objektiv verantwortlich ist für einen Gesamteindruck, braucht man einen direkten Vergleich von dem gleichen Motiv mit gleicher Ausleuchtung. Es ist genau das, was ich mit meinem Review leisten wollte, und genau dieses abstrakte "Geschätze", was ich mit meinem Review vermeiden wollte. (Unabhängig von meinen Urteilen, die einige als sehr störend empfinden, kann in dem Review jeder einen A/B-Vergleich machen und sein eigenes Urteil fällen, das ist der Witz an der Sache.)
Wenn ein Bild scheiße aussieht, liegt es in den seltensten Fällen am Equipment.
Ein Bild wird nicht toll, nur weil man ein Zeiss verwendet. Und es wird nicht scheiße (oder kalt oder steril oder flach oder ausdruckslos oder whatever), nur weil man ein 50/1.8G statt eines Sigma Art verwendet oder ein Sigma Art statt ein 58G oder was auch immer.
Nur damit wir uns nicht falsch verstehen: Natürlich hat ein Objektiv z.B. ein weicheres Bokeh als ein anderes (siehe mein Review) und natürlich wird dadurch ein Bild weicher oder gefälliger, und natürlich kann man das dann z.B. als "steril" empfinden. Aber ein x-beliebiges einzelnes Bild zu posten, was man selbst als scheiße beurteilt, und dann die fehlende Qualität auf das Equipment zu schieben, das funktioniert leider nicht, und das ist genau das, was ich mit dem Review eben zur Abwechslung mal
nicht machen wollte.