Gut gesprochen, eigentlich kann ich damit mehr anfangen als mit dem kompletten Vergleichstest.
Das ist ja auch - zumindet aus meiner Sicht - kein Wunder. Denn für einen
Anwender ist ja nicht die in Lp/PH etc. gemessene Abbildungs
leistung eines bestimmten Objektivs von Interesse, sondern sein Abbildungs
charakter. Und zum Beispiel die "Schärfe" eines Objektivs in der Mitte und in der Ecke ist ja nur
ein Aspekt seines Abbildungs
charakters.
Daher sind meines Erachtens
sowohl diese ganzen "Messdaten",
als auch diese ganzen "100%-Bildertests" doch bestenfalls für Anwender informativ, die sehr erfahren darin sind, aus ihnen auf den jeweiligen Abbildungs
charakter eines Objektivs zu schließen, und daraus dann weiter darauf, ob der jeweilige Abbildungs
charakter besser oder schlechter zum persönlichen Geschmack und zu den persönlichen Zielvorstellungen oder denen des jeweiligen Kunden passt. Fotos, die Menschen informieren, erfreuen, berühren, oder sie an Geschehenes erinnern sollen, sind doch keine Röntgenaufnahmen, bei denen es in der Tat nahezu
auschließlich darauf ankommt, dass der Tumor oder die Fraktur mit einem für die Diagnose bestmöglichen Kontrast abgebildet wird.
"Die Fotografie" sollte es sich meiner Meinung nach sowieso vielleicht besser noch einmal überlegen, ob sie sich tatsächlich in einen Wettbewerb mit ihrer Schwester CGI ausgerechnet auf einem Feld begeben will, in welchem die heute am Computer generierten Bilder kaum zu schlagen sein werden – nämlich auf dem Feld "Schärfe" auch bis ganz oben rechts in der letzten Ecke. Sonst fragen sich nämlich vielleicht bald auch noch andere Kunden als Ikea, wozu man eigentlich für einen Katalog noch einen Fotografen beschäftigen soll, wenn man doch sowieso für jedes in ihm abgebildete Produkt schon über ein 3D-Modell verfügt. Es hat aus meiner Sicht ja schon fast etwas Skurriles, dass man im Bereich CGI in den letzten Jahren händeringend (und durchaus recht erfolgreich) nach Algorithmen gefahndet hat, welche die am Computer generierten Bilder so aussehen lassen sollen, als wären sie mit einem Noct-Nikkor 1,2/58 oder Leica Noctilux 1/50 aufgenommene Fotos, während man in der Fotografie händeringend nach Mitteln und Wegen hin zu noch mehr Schärfe auch noch bis in die hinterletzte Ecke fahndet.
Dass Objektivtests sich zunehmend auf reine Zahlenspiele und die "mikroskopische" Untersuchung einzelner Pixel bei 100%-Ansicht verlegen, die dann in einem völlig inhaltsleeren "18, 20, 22, 23," und solch dürren Abstraktionen wie "besser" und "schlechter" resultieren, lässt ihren Informationswert für Anwender aus meiner Sicht zunehmend gegen Null tendieren.
Für Anwender halte ich persönlich selbst die ganz ohne MTF-Kurven und 100%-Ansichten auskommenden sprachlichen Beschreibungen der dann auch in Bildbeispielen veranschaulichten unterschiedlichen Abbildungs
charakteristiken verschiedener Objektive, wie zum Beispiel in den Büchern von Günter Osterloh zum Leica-System, oder auch die Objektivbesprechungen von zum Beispiel Geoffrey Crawley in seinen Büchern zum Nikon-System, für um Längen informativer, als Testergebnisse von der Art, wie sie derzeit von DxO etc., aber auch in "100%-Bildertests" veröffentlicht werden. Denn dass die in solchen "100%-Bildertests" in der Regel gezeigten Motive dazu geeignet sind, Anwendern den sich im normalen fotografischen Alltag zeigenden Abbildungs
charakter eines Objektivs auf repräsentative Weise zu veranschaulichen, halte ich für eher zweifelhaft.