Ich muß grad an eine -zugegeben höchstgradig unwissenschaftliche- Marktbeobachtung vom letzten Jahr denken. Einer meiner jüngeren Mitarbeiter wurde zum ersten Mal Vater und bat mich um Beratung beim Kamerakauf. Ich beschloß erstmal gar nichts weiter zu erläutern, sondern griff mir einiges aus meinm Fundus und ließ ihn damit "herumspielen". Das fanden auch zwei weitere junge Leute aus dem Büro recht spannend, sodaß sich also drei "Digital Natives" von 18-30, die zuvor nur mit Handies oder max. geliehenen Digi-Cams fotografiert hatten mit meinen Knipsen beschäftigten.
Zwei Kameras waren -aus verschiedenen Gründen bei allen dreien zuerst raus:
D700 mit MB-D10 und 28-70 2.8. Sie wurde sofort als "Profi-Kamera" identifiziert. Ich hatte sie sicherheitshalber gleich auf LV gestellt und der Azubine fiel sie um ein Haar runter, als sie die Kamera an beiden Seiten anfaßte und vor den Körper ziehen wollte. Ich habe die Kamera dann wiedr auf "normales" fotografieren umgestellt und ihnen erklärt, wie man sie richtig hält. Das Urteil dazu war genauso eindeutig wie vernichtend, von dem Monstergewicht mal abgesehen, wäre das ja wohl eine völlig unnatürlich Fotohaltung, nur mit einem Auge durch so ein Guckloch zu schauen und nichts mehr von der Umgebung mitzubekommen. Dazu noch bei dem Monster nur so ein Mini-Zoombereich, da würden ihre Handies ja besser zoomen können. Nee, das wäre ja wohl nur was für Profis, die ihr Geld damit verdienen müssen. Ich schätze meine Erläuterung, das sie mit dieser Knipse eine der beliebsten Amateur-DSLR aller Zeiten in Händen halten glauben sie mir bis heute nicht. Dazu noch die Erklärungen, das an mit der eigentlich keine schnell teilbaren Fotos macht, sondern sogenannte RAWs die man dann hinterher am Rehchner noch bearbeiten muß. Die D700 wurde jedenfalls sehr schnell als völlig kaufungeeignet wieder abgelegt.
Ähnlich erging es der Sony A7, das lag aber überwiegend daran, das ich für die seinerzeit nur manuelle Leica M-Linsen hatte. Kein Zoom? Kein Autofocus? Was macht man denn in 2015 mit sowas? Immerhin wurde ihr zumindest von den beiden Herren eine sehr hohe Ergonomie zugesprochen.
Als nächstes fiel die Nikon J1 mit dem 10-100 raus. Endlich eine Kamera mit vernünftigem Zoombereich, aber kein Klappdisplay, keine Touchbedienung und sehr kompliziert zu bedienende Menüs, auch bei der waren sich die drei recht schnell einig.
Ähnlich erging es der D5300 mit dem 18-55, die wurde als gehobene Amatuerklasse eingestuft und als durchaus spannend empfunden, bis die ersten Versuche mit dem LV stattfanden. Ich erläuterte nun, das sie ja alle vom Handy wüßten, das es manchmal kaum möglich wäre auf dem Screen etwas zu erkennen, und das so ein Sucher dann recht hilfreich wäre. Ja das sahen sie tlw. durchaus ein, aber dann wäre so ein Sucher doch nur ein Notbehelf, bei der Kamera käme es ihnen eher so vor als wäre die Displayfotografie nur der Notbehelf und das wäre ja wohl genau falsch rum. Zudem hat die auch wieder nur so einen kleinen Zoombereich und noch nichtmal ein Motorzoom.
Die Panasonic FZ1000 blieb von den bisherigen Kameras am längsten in der "Erprobung" besonders den Herren gefiel der Monster-Zoombereich und das es egal war, ob mit Sucher oder Display die Anzeigen und Bedienung war immer identisch. Die Azubine sah ein eher technisches Problem, da die große Kamera in keine ihrer Handtaschen passen würde. Hauptkritikpunkt war der fehlende Touchscreen
Sie wurde erst verworfen, als ich ihre "große Schwester" die Pana G6 mit dem 14-42 und 45-175 Motorzoom vorstellte. In der Bedienung praktisch identisch zur FZ1000, aber mit dem vorher vermissten Touchscreen ausgestattet war die schnell die Favoritin, besonders als ich noch erwähnte, das es noch eine Schwester ohne das überflüssige Guckloch (GF-6) gäbe.
Bei den Erläuterungen zog ich dann die Sony 5R mit dem 16-50er Powerzoom aus der Jackentasche, die recht schnell die Herzen eroberte. Besonders das Klappdisplay punktete vor dem Schwenkdisplay der G6, da man mit dem nicht seitlich aus er optischen Achse schwenkt. Sie war den beiden Herren fast schon zu klein und alle vermuteten bei der kleinen Knipse nur eine miese Bildqualität. Als ich dann erklärte, das sie den gleichen Sensor wie die D5300 habe und damit nur knapp schlechter als die D700 und A7 wäre, legten sich alle drei auf ein Lastenheft für die "Vaterschaftskamera" fest:
- Wechseloptikkamera
- DX-Sensor
- kein Sucher
- mit Standardoptik möglichst Jackentaschentauglich
- Touchklappscreen
- schnelle Teilbarkeit der Fotos zu den Großeltern z.B.
Gekauft hat er sich dann letztendlich eine Samsung NX 300, da die im Vergleich zur Sony und den Fujis mehr Motivprogramme und eine schnellere/bessere "Bilderverteil-APP" hatte.
Völlig anders als hier im Forum war das OVF vs. EVF Thema dort überhuapt keines, alle drei hätten die Sucher der von mir vorgeschlagenen Sony A6000 und Fuji XE-1 (die beide wegen des fehlenden Touchscreen doch rausflogen) als halt montierten Notbehelf mitgenommen, für die Kaufentscheidung spielte VF vs. ohne Sucher nur insofern eine Rolle, als der "eh meist überflüssige" Sucher die G6 und FZ1000 nur unötig größer machen würde.
Ich habe es schon mehrfach geschrieben und bleibe dabei. Für mich ging es mit Nikon bergab als sie immer weiter versuchten den Käufer zu entmündigen. Statt parallel noch eine DX-Mirrorless Linie aufzubauen, die -wie auch bei Sony- über Adapter voll F-Bajonett tauglich ist, aber dank kleinem Auflagemaß auch mit eigenen Optiken Jackentaschentauglich wird; wurde -ist halt häufig das Problem in Konzernstrukturen- von einigen Vergangenheitsfanatikern, die den Untergang der D-SLR einfach nicht akzeptieren konnten, aber an den entsprechenden Hebeln im Konzern saßen, diese Zukunftschance komplett verspielt.
Was wäre schlimmstenfalls passiert, wenn es rechtzeitig die DX-Mirrorrless gegeben hätte? So Hinrnis wie ich hätten keine D-SLR mehr gekauft, sondern die Spielzeugknipse, dafür dann aber auch neue Objektive und das übrige Nikon-Objektivprogramm wäre dank der Adaptierung auch weiterhin interessant für mich geworden. Zu der oder den Nikon DX-mirrorless (Sonies habe ich aktuell 4) hätte ich z. B. auf jeden Fall auch noch das 300PF dazugekauft, bestimmt auch das neue 105er, und auch das zur Spiegellosen passende 18-200.
Stattdessen ist in den letzten Jahren ein kleines Vermögen zu Sony gewandert, noch nichtmal als bewußter Systemwechsel, ich habe einfach immer wieder nicht mehr genutztes Nikon-Equipment für Sony-Käufe verkauft/in Zahlung gegeben. Die paar Nikon-F-Linsen, die ich noch habe sind alles AF-S G, in der Hoffnung das der nächste Commlite Aapter die Schwächen des derzeitigen ausbügelt.
Ich habe es schon mehrfach geschrieben, es wäre für mich ganz klar ein Fehler gewesen die D-SLR Stammkundschaft zu verprellen und diese komplett durch mirrorless zu ersetzen, aber alle Kunden die weg von der D-SLR wollten, oder eine vernünftige Einsteigerkamera suchten komplett zu ignorieren/negieren bzw. mit den 1er zu veräppeln, war für mich der Kardinalfehler, der zu der jetzigen wirtschaftlichen Situation führte. Ohne Frage die D500/D5 sind ganz bestimmt tolle Kameras, die aber IMHO praktisch keinerlei Neukundengewinnung ermöglichen, sondern nur bei bestehenden Kunden die Vorgängermodelle substituieren und -da bleibe ich bei- wir Sucherfotografen (völlig egal ob optisch oder elektronisch) sterben aus und neue kommen nur marginal nach.
Wohin die Reise geht habe ich keine Ahnung, und vielleicht haut Nikon ja wirklich zum 100sten den totalen Oberhammer raus, was auch immer das sein mag. Fakt bleibt für mich aber, das sie sich durch dumme Kundengängelung (zur fehlenden spiegellosen kommen ja noch die inakzeptabelen Funktionskastrationen bei den 3xxx/5xxx) in eine schwierige Situation gebracht haben anstatt das Marktpotential auszuschöpfen und aus einer Position der Stärke angreifen zu können.