Riniken, 24. August 2020
Liebe Sabine
Wie schön, deine Postkarten. Und ja, das Bild vom Sonntagabend ist wunderbar ....
Dem Regen sind wir entronnen, Claudia, Ena und ich ....
Und nein, ein Tag, an dem ich weine. Fast den ganzen Tag. Innerlich und es fällt mir enorm schwer, die Haltung aufrecht zu halten.
Wir hatten ein Gespräch am Ausbildungsplatz von unserer Pflegetochter. Sie haben ihre Geschichte mit der verstorbenen Mutter und dem Vater und ihrem Bruder das erste Mal gehört. Und sie hörten zu. Und die Pflegetochter weinte. Und Claudia sprach und eigentlich, so habe ich mir gedacht, hätte man das ganze aufnehmen sollen für Schulungszwecke. Souverän, klar und hoch professionell.
Ich hing dem nach. Ich hatte schon kurz nach sechs Uhr heute Morgen ein Telefonat mit einer Mutter von einer traumatisierten Tochter. Und immer dasselbe. Ich sehe es, ich spüre es, aber oft ist es schwerer, in den Schmerz zu gehen, als eine Figur aufrecht zu halten.
Ich hänge an Beethoven, ich hänge an der 9.ten. Und ich empfinde denselben Schmerz in ihr, wie ich heute im Gespräch mit unserer Pflegetochter empfand. Keine Minute für mich, von morgen früh bis Abend spät. Die Mutter, unsere anderen Pflegetochter hatte mit unserem Kleinsten ein tolles Wochenende mit ihrem Vater, welcher in der Schweiz in den Ferien weilt. Gespräche, Nachtessen, kochen ....
Wir haben Montag und ich habe den Eindruck, eine Woche gearbeitet zu haben. Tränen laufen und ich bin komplett unfähig nur einen geraden Gedanken zu formulieren. Man holt mit Musik Bewunderung, aber keine Liebe. Ein Gespräch mit unserer Pflegetochter von vorhin, nach ihrem schweren Tag heute. Und ich musste ihr sagen, dass es erst der Anfang ist. Sich einer Welt zu stellen, welche unheimlich schmerzt. Und der Lehrbetrieb und wir werden sie auffangen.
Und einmal mehr wird mir bewusst, wie traumatisiert Beethoven war. Die Sehnsucht nach Liebe und das Weghaben nach dem permanenten "Aber" oder dem Vorbehalt, welche man ihm das Leben lang entgegenbrachte. Machmal, so scheint mir, habe ich den Eindruck, dass ich Beethoven ganz schön nah auf den Leib rücke. Und manchmal muss ich dabei schmunzeln und ich höre mich sagen: auch Du kannst mir nichts vormachen ....
Und manchmal, nein, immer, aber heute ganz besonders, auch wenn das Bild von gestern ist, Coquine. Diese Ruhe, welche ich nicht finde ....
Herzlich. Sam