Riniken, 25. Februar 2022
Liebe Sabine
Darf ich Dir einen Brief schreiben und einfach eine Postkarte beilegen?
Und stell Dir einfach vor, wir würden gemeinsam auf dieser Bank im Valle Redorta sitzen. Schweigend dem Wasserfall zuschauen. Vielleicht würden wir noch Ziegen sehen ...
Vielleicht ist Frieden der grösste Irrtum der Menschen. Und doch glaube ich daran und bin verwöhnt, weil ich am eigenen Leibe nie etwas anderes kannte. Wenn ich aufgewühlt bin, dann muss ich schreiben oder fotografieren. Fotografieren ging nicht, so habe ich geschrieben.
Sandkastenträume ...
Menschen und ihre Sandkastenträume. Womit ich nichts gegen Träume sagen möchte. Aber so ist es nun mal. Irgendwann kommen sie dann wieder hoch, diese Träume, welche man sich als Kind im Sandkasten so schön visualisiert hat. Die gegnerische Burg hat man mit Sandböllern bombardiert und am Schluss gewonnen. Die eigene Burg reichte nicht, Territorialansprüche wurden schon im Sandkasten fleissig erprobt. Und das prägt immer noch.
Was sich auf der Welt zurzeit abspielt, geht dahin zurück. Geschichte wird zugunsten von Sandkastenträume umgeschrieben und umgedeutet. Das ist nicht neu, das war schon immer so, nicht nur bei diesen Menschen. Aber so deutlich wahrnehmbar für alle von uns, war es schon lange nicht mehr.
Sandkastenmenschen gibt es überall auf dieser Welt. Und in ihrer Welt gibt nur sie und die Traumlosen. Träumen ist etwas sehr Intimes. Und in Träumen finden sich ausschliesslich die eigenen Wahrheiten.
Die Welt gerät erneut in den Strudel von den Träumen dieser alten Sandkastenmenschen. Obschon wir Menschen wissen, wie es herauskommen könnte und man sich nach jedem Eklat wieder geschworen hat, dass solches nie mehr passieren darf. Aber die Menschen wählen sie. Einfach so. Tempi passati oder die eigene, alltägliche Bequemlichkeit. Eigenartig ist dies schon, dass solche Sandkastenmenschen immer gewählt werden. Nein, es gibt keine Schuldigen, nur Beteiligte. Und nein, es gibt keine Gewinner, nur Verlierer.
Es ist nicht anzunehmen, dass sich etwas ändert. Sandkastenmenschen schaffen immer ihre eigenen Fakten. Und Sandkastenmenschen handeln primär um ihren Eigenerhalt und den Erhalt ihrer Sandkastenträume. Vorbei sind die Zeiten, wo man sich sein Territorium noch mit Heirat erweitert hat. Bündnisse im Sandkasten standen für diese Menschen nicht zur Diskussion. Wenn es um Territorialansprüche ging, verliessen die Verlierer den Sandkasten.
Sandkastenmenschen sind einsame Menschen. Sie sind permanent im Kampfmodus und müssen sich gegen die Unwissenden und Traumlosen wehren. Und daher schotten sie sich ab. Ihr Traum ist wichtiger als die restliche Welt. Aus ihrer Sicht dürfen andere Menschen schon anderer Meinung sein. Solange sie dabeibleiben und sich ihren Träumen unterwerfen. Und so werden andere Menschen zu Statisten.
Ja, so sind sie dieses Sandkastenmenschen. Ihre Träume müssen einmal in die Wirklichkeit umgesetzt werden. Sonst wäre man ein schwacher, alter Mensch. Und man könnte sich am Morgen nicht mehr im Spiegel anschauen. Was für ein unwürdiger Umstand.
Ich traue alten Sandkastenmenschen und ihren Sandkastenträumen nicht. Auch dann nicht, wenn sie noch jung aussehen oder sich demokratisch geben. Nein, die Regeln im Sandkasten sind klar und fürs Leben prägend. Und für Sandkastenmenschen sind die Träume im Sandkasten kein Spiel. Träume gibt man nicht auf, egal wie hoch der Preis für sich selbst und die Traumlosen ist. Und das macht mir nach all den Jahren Angst, grosse Angst.
Ja, liebe Sabine, ich verabschiede mich traurig, aufgewühlt ins Wochenende. Wir verbringen es in unserem Ferienhaus mit lieben Freunden. Und ja, Claudia und ich haben entschieden, dass wenn wir einer Familie helfen können, wir auch unser Haus zur Verfügung stellen.
Ich lege die Postkarte bei. Pass auf Dich auf. Passt aufeinander auf. Und in diesem Sinne auch Sandra herzlich miteingeschlossen.
Herzlich. Sam