Ein kurzer Einschub, bevor ich dann wieder bei den Bildern bin ... Ich bin diese Woche leider sehr stark eingebunden ... aber ich tue was ich kann ....
Der nicht perfekte Schnappschuss
Aus Eigennutz, aber vielleicht auch für Euch zum Überlegen widme ich mich kurz (oder eben auch nicht...) dem Begriff des «nicht perfekten Schnappschusses».
Denn was in diesem Thread als «chaotisch» wahrgenommen werden kann, hat durchaus mit diesem Titel, respektive mit der Bezeichnung «nicht perfekter Schnappschuss».
Ich gehe vom Feiningers Definition aus:
- Aufmerksamkeit erregen
- Absicht und Sinn offenbaren
- gefühlsmäßig wirken
- grafische Gestaltung besitzen
1. Grundlage
Grundsätzlich gehe ich in der Literatur, der Malerei, der Fotografie, der Musik und der bildenden Kunst von einem Kommunikationsprozess aus, welcher grundsätzlich in zwei Phasen abläuft:
- Mensch - Motiv - Resultat (Fotograf - Blume - Foto)
- Resultat - Motiv - Mensch (Foto - Blume - Betrachter)
Ich erweitere nun erst einmal Feiningers Definition mit kommunikationstheoretischen Aspekten von Schulz von Thun und der Transaktionsanalyse. Ihr müsst darüber nicht Bescheid wissen, ich erkläre es nachfolgend.
Kommunikation ist nicht nur aufs Sprechen und Hören reduziert. Sämtliche menschliche Sinne sind unter diesem Aspekt zu betrachten, also auch das Riechen, das Schmecken, das Tasten usw.
Kommunikation heisst nichts anderes, als der Prozess zwischen dem menschlichen «Innen» und dem Aussen, wer und was das auch immer ist. Der menschliche Organismus ist so gebaut, dass er verschiedene «Kontaktmöglichkeiten» besitzt, die Aussenwelt wahrzunehmen. Der sogenannte «Abspeicherungsprozess» ist zwar biologisch bei allen gleich, aber halt individuell verschieden. Beim Hören spielen Nerven im Ohr eine Rolle, beim Sehen ist es die Netzhaut (ein Teil des Gehirns), welche eine zentrale Rolle spielt.
So oder «filtern» wir die Wahrnehmung auf folgenden Begebenheiten:
- Der eigenen persönlichen Entwicklung
- Den eigenen Fähigkeiten (intellektuell und emotional)
- Der Erziehung
- Den kulturellen und ethischen Werten
- Den eigenen Vorstellungen und Wünschen
- Den bisher gemachten Erfahrungen
Es gibt ein sogenannter «Wahrnehmungszyklus», welcher immer spielt, ganz egal was wir von der Aussenwelt wahrnehmen:
- Das Schema leitet die Erkundung
Weil wir es so erwarten und schon oft bestätigt bekommen haben, erwarten wir es beim nächsten Mal auch so.
Ein etwas extremes Beispiel: Regenbogen haben grundsätzlich farbig abgebildet zu sein. Weil wir das so erwarten.
- Die Erkundung wählt aus
Wir ignorieren das nicht erwartete Verhalten in der Situation, weil es nicht zu unserer Erwartung passt.
Beispiel: ein Regenbogenbild in monochrom würden wir schon zu Beginn weg ablehnen.
- Verfügbare Information bestätigt Schema
Wir finden oder beobachten eine Situation, bei dem unser Schema wiederum bestätigt wird
Beispiel: Wir suchen in den Bildern nach farbigen Regebogen und meiden die monochromen.
Und nun wären wir bei der Kommunikation:
Sender/Fotograf – Codierung – Kanal – Signal – Decodierung – Empfänger/Betrachter
Mensch - Motiv - Resultat (Fotograf - Blume - Foto)
Zwischen dem Fotografen und dem Motiv passiert primär der Wahrnehmungsprozess:
Nebst der eigentlichen Entscheidung des Fotografen,
dieses Motiv zu fotografieren, beginnt derselbe Wahrnehmungsprozess, welcher abhängt von:
- Der eigenen persönlichen Entwicklung
- Den eigenen Fähigkeiten (intellektuell und emotional)
- Der Erziehung
- Den kulturellen und ethischen Werten
- Den eigenen Vorstellungen und Wünschen
- Den bisher gemachten Erfahrungen
Und beim «Präsentieren» des Resultats folgendes:
Resultat - Motiv - Mensch (Foto - Blume - Betrachter)
Sender/Fotograf – Codierung – Kanal – Signal – Decodierung – Empfänger/Betrachter
- Sender/Fotograf: Nachricht wird zusammengestellt:
Werte, Lerngeschichte, Erziehung und Kultur
Denken, Idee, Botschaft (Absicht)
Formulierung, Codierung
- Empfänger/Betrachter: Nachricht wird empfangen:
Werte, Lerngeschichte, Erziehung und Kultur
Denken, Idee, Botschaft (Absicht)
Interpretieren, Decodierung
- Es folgt eine Antwort: Empfänger wird zu Sender
Nun spielen ja noch rein biologische Prozesse mit: da wären das Funktionieren der biologischen Prozesse bei der Wahrnehmung:
- Beim Sehen die Sehfähigkeit, die Netzhaut, der Informationstransfer
- Beim Hören die Hörfähigkeit, die Gehörnerven usw.
- Beim Riechen die Riechfähgigkeit
- Usw.
2. Der fotografische Prozess
Nehmen wir die Aspekte der in Punkt 1 beschrieben Grundlagen, dann müssen wir zuerst auf den fotografischen Prozess eingehen:
Hier spielen wiederum die Wahrnehmungsaspekte eine Rolle, welcher abhängt von:
- Der eigenen persönlichen Entwicklung
- Den eigenen Fähigkeiten (intellektuell und emotional): Zugang zu Motiven, Ausdrucksfähigkeiten, technische Begabungen usw.
- Der Erziehung (Förderung von Wahrnehmung und Aspekte der Fähigkeiten, welche förderlich für die Fotografie sind)
- Den kulturellen und ethischen Werten (moralische Aspekte: trifft insbesondere auf Porträt oder Akt zu, Beziehung zu Kultur und Kunst usw.)
- Den eigenen Vorstellungen und Wünschen (die sich bei mir entwickelten Vorstellungen, wie ein „Foto/Bild“ zu sein hat usw., auch die Frage: was ist ein gutes Foto)
- Den bisher gemachten Erfahrungen (positive und negative Erfahrungen, also Zuspruch und Ablehnung)
Mit diesem persönlichen Rucksack, welcher natürlich nicht sehr bewusst präsent ist, gehe ich als Fotograf auf ein Motiv los. Grundsätzlich unterscheiden sich zwei Vorgehen:
- Auftragswerke
- Freie Gestaltung
Auftragswerke
Bei Auftragswerken bin ich zwar der Experte/Fotograf, aber richte mich nach den Wünschen. In jeder Ausdrucksform ist das so: in der Bildhauerei, in der Musik, in der Malerei, beim Texte schreiben.
Bei Auftragswerken bin ich in meinem Prozess zurückgebunden oder werden meine Grundvoraussetzungen um einen wichtigen Aspekt erweitert. Das Produkt wird also für einen oder mehrere Betrachter gefertigt.
Freie Gestaltung
Bei dieser Art bin ich frei und sämtliche Wahrnehmungsgrundsätze spielen. Natürlich auch immer abhängig von der «Tagesform». Ich bin aber nicht gezwungen, jemanden anders als mich als Betrachter zuzulassen. Das heisst, ich kann ein Leben lang fotografieren, ohne dass ich auch nur ein einziges Foto jemandem zeige.
Feininger vier Grundsätze spielen also dann, wenn ich, erstens Auftragswerke produziere und wenn ich mich in der freien Gestaltung entschliesse, andere Betrachter zuzulassen.
Nun wäre es an der Zeit, die Grundlagen und der Prozess in den Zusammenhang des «nicht perfekten Schnappschusses» zu stellen. Hier sind gleich zwei Widersprüche festzustellen, welche sich eigentlich mit den Grundlagenlagen des Wahrnehmungsprozesses nicht vereinen lassen:
- Nicht perfekt: widerspricht grundsätzlich dem Wahrnehmungsprozess. Grundsätzlich sind nach «Bestätigung» aus, nicht nach «Ablehnung». Heisst:
- Der Fotograf muss schon eine «Vorselektion» treffen und auf der Basis des Wahrnehmungsprozesses entscheiden, welches Foto nicht perfekt ist und warum ich Betrachter zulassen möchte.
- Schnappschuss: nicht definiert. Eine Annährung könnte sein, dass für einen Schnappschuss folgende Kriterien gelten könnten:
- Keine Vorbereitung
- Keine Vorstellung
- Wenig bis keine Intuition
- Zeitlich knapp, Motiv verändert sich schnell
- Keine Auswahl der technischen Mittel: wobei auch mit Stativ und langer Brennweite könnten Schnappschüsse entstehen.
- Aspekt der Zufälligkeit, das nicht geplante Motive, nicht geplante Reaktion
- Aspekt der Überraschung
3. Der Prozess des Betrachters
Sowohl der Sender/Fotograf wie auch der Empfänger/Betrachter machen denselben, individuellen Wahrnehmungsprozess durch.
Der Titel des «nicht perfekten Schnappschusses» impliziert ja schon eine gewisse Toleranz, respektive die Möglichkeit für ein gefahrloses Abweichen der individuellen Norm:
- Ich kann mich von meinen Kriterien der eigenen Wahrnehmung lösen.
- Ich kann mich überraschen lassen.
- Ich kann das «Nichtperfekte» bestätigen oder ablehnen.
- Ich bin frei(er) in der Intuition
- Ich kann mich aber auch aufhängen in der Definition (siehe Annährung zum Begriff «Schnappschuss»)
- Ich kann meine (fotografische) Regeln und Grundsätze verlassen
So, ein kurzes theoretisches Häufchen ....
Seit gestern weiss ich aber, woher ich ein Stück weit meine Begabung habe .... siehe mein Thread «Ausklang» ....
Ich werde dann wieder zur Bildbesprechung zurück kehren und stehe aber für Fragen gerne zur Verfügung.....