Christian, ich hoffe die Diskussion hier geht Dir nicht auf den Senkel...
Vom Grundsatz her gehe ich ziemlich mit Daniel konform.
Dieses Bild hat für mein Auge zu viel “Blingbling“.
Mein persönlicher Maßstab ist die “Glaubwürdigkeit“.
Es ist völlig klar und völlig legitim, dass kein Foto mehr unbearbeitet gedruckt oder präsentiert wird, wer das fordert, lebt in einer anderen Welt (auch ein ooc JPG ist bearbeitet! Nicht vom Fotografen, sondern von der Kamera). Ich halte es auch für legitim, technische Unzulänglichkeiten des Systems “Digitalkamera“ durch Bildbearbeitung auszugleichen.
Ich halte es im professionellen Umfeld auch für legitim, auf diesem Weg Szenen, Stimmungen oder Ergebnisse zu generieren, die vom Kunden gefordert werden (egal, ob das die Fernsehzeitschrift ist, die möchte, dass Senta Berger auf dem Titel aussieht, als wäre sie eine jung gebliebene Mittdreißigerin oder die Portraitkundin, die aussehen möchte, als wäre sie frisch geliftet oder der KFZ-Hersteller, der sein neues Modell vor beliebigen Landschafts- oder Architekturlocations möglichst dynamisch präsentieren möchte).
Aber:
Für mich persönlich (ich rede nur für mich!) wird es in dem Moment kritisch, wo man versucht, ein im Prinzip langweiliges Landschaftsfoto mit allen Tricks und jeder Menge “optischem Glutamat“ zu einer unglaubwürdigen Szene mit einzigartiger Stimmung zu machen, die in ihrer Irrealität einem Computerspiel entsprungen sein könnte.
Wo beginnt diese Unglaubwürdigkeit?
Schwer zu sagen... da ist viel persönlicher Geschmack dabei und deshalb gibt es mit Sicherheit keine allgemein gültigen Aussagen.
Aber je mehr Erfahrung jemand in der analogen Fotografie mitbringt, desto sensibler wird er auf solche Übertreibungen reagieren.
Warum nicht in dem Bild oben noch einen Vollmond und ein paar Sterne im Himmel, warum nicht auf der Wiese eine tanzende Elfe umschwirrt von seltenen Riesen-Schmetterlingen...?
Weil das zu viel wäre?
Der eine oder andere mag aber selbst das noch als “schön“ empfinden...
Landschaftsfotografie hat viel mit Gefühl für Licht, für Stimmungen, für Linienführung, für Tiefenwirkung etc. zu tun.
Das bedeutet, dass man sehr oft umsonst früh aufsteht und mit einigem Aufwand zu ausgewählten Motiv geht oder fährt.
Das bedeutet auch, dass man manchmal auch zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein kann und eine außergewöhnliche Stimmung an einem geeigneten Platz festhalten kann. Das bedeutet aber nicht, dass man aus jedem “Zufallsfoto“ den einzigartigen Moment zaubern kann.
Mein Respekt gilt denjenigen, die den Aufwand nicht scheuen und dennoch einzigartige Ergebnisse erzielen.
Ich gestehe, für mich persönlich ist das gezeigte Bild eine fotoähnliche Illustration mit realitätsferner Lichtstimmung und zu stark gesättigten Farben. Eine Spielerei. Für andere hat das aber durchaus seinen Zweck und seine Berechtigung, das erkenne ich an.
Mir fällt immer wieder auf, wie stark sich das allgemeine Sehen an solche extremen Übertreibungen gewöhnt hat.
Die Ursache ist eine immer weiter eskalierende Bilderflut in den Medien (Fernsehen, Kino, Werbung, Internet etc.) aus der nur noch herausstechen kann, was noch lauter, noch bunter und noch ungewöhnlicher ist. Ich für mich weigere mich, bei dieser “Aufrüstung“ mitzumachen, aber ich begegne ihr täglich in meinem beruflichen Umfeld.
Und nochmal der Vergleich zum Essen: Ein raffiniertes Gericht mit außergewöhnlichen und fein abgestimmten Gewürzen und Zutaten ist mir persönlich lieber, als Grillfleisch mit Ketchup.
