Da tun sich Abgründe auf …
Werner, ich halte es mit [MENTION=18787]gin_able[/MENTION] ihr Signatur
und nehme auch härtere Anwürfe sportlich.
Nichtsdestotrotz denke ich seit über 30 Jahren
berufsbedingt immer wieder über das Wesen
von Kritik nach – allein schon, um mich und
mein Urteil selbst zu hinterfragen und ggf. neu
zu justieren.
Und eines ist mir im Laufe der Jahre immer
klarer geworden – Erfahrung, Du darfst es gern
auch Weltwissen nennen, ist unabdingbar für
jedes qualifizierte Urteil.
Im Bereich der Literatur spricht man von belesen;
ich bin in einem speziellen Musik-Genre "behört"
und "besehen" bin ich obendrein aufgrund meiner
diversen Interessen auch noch. Und ich lerne jeden
Tag, auch hier, freudig dazu …
Um mal auf ein anderes, dem Vernehmen nach Dir
wohlvertrautes Themenfeld zu wechseln:
Als ich vor vielen Jahren begann, mich mit Weinen
zu beschäftigen, da war ich völlig ahnungslos und
hatte genau ein einziges Bewertungskriterium (für
mich): "Schmeckt, schmeckt nicht …"
Ein bißchen arg dürftig, oder? Also erschloß ich mir
systematisch die Welt des Weins und sammelte
Erfahrungen ("Teuer angetrunken"). Heute kann ich
blind Rebsorten, Stilistiken und Anbaugebiete mit
einiger Sicherheit benennen, was die Qualität und
Relevanz meines Urteils unzweifelhaft steigert.
Statt des rein subjektiven "Schmeckt
mir nicht …",
das hermetisch und anderen nicht zugänglich ist,
kann ich heute für andere nachprüfbar feststellen:
"Schmeckt nicht,
weil … Tannine nicht sauber
eingebunden, zu holzbetont usw. …"
Erst solche objektiven Kriterien ermöglichen eine
Diskussion, die dem Thema gerecht wird. Jedoch
bedarf es dazu (auch) einer gemeinsamen Sprache
und Erfahrung. Wenn ich Dir die Nase eines Weines
als "der Duft frischer Eukalyptuszweige" beschreibe,
dann wird es Dir nur dienlich sein, wenn Du bereits
einmal diesen Duft gerochen, also erfahren hast.
Fehlt Dir diese Erfahrung und finde ich keine andere
Beschreibung, die Deiner Erfahrungswelt entspricht
(was in diesem Fall nahezu unmöglich sein dürfte),
dann werden wir uns zumindest über diesen Aspekt
des Weines nicht sachgerecht austauschen können.
Nun, mit Bild-Kritik ist es ganz genauso …
Mit der hier gern gepflegten Plümchen- und Hunde-
Fotografie habe ich nun wahrlich nichts am Hut,
aber ich bin sehr wohl in der Lage, gestalterische
Qualität zu erkennen, zu analysieren und in Worte
zu fassen. Unabhängig von meinen Vorlieben …
Dies halte ich übrigens für einen wichtigen Aspekt
guter Kritik: Man muß sich die Fähigkeit bewahren,
Neuem und Unbekannten gegenüber offen zu sein,
empathisch seinem Sujet begegnen und dabei die
eigenen Vorlieben und auch Vor-Urteile möglichst
weit nach hinten stellen, am besten: ausblenden.
Da wir aber Menschen sind, deren Tagesform ja
durchaus schwankend ist, gelingt dies mal besser,
mal schlechter – was man deshalb tunlichst vorab,
also vor dem Verfassen einer Kritik berücksichtigen
sollte.
Prosit, Werner!