FrankyG schrieb:
Hallo Andreas,
vielen Dank fuer Deinen ausfuerlichen Beitrag und die tollen Bilder. Dein Reisebericht liesst sich wie aus einem Neckermann-Katalog und ist mir, ganz ehrlich gesagt, ein bisschen einseitig. Bitte verstehe mich nicht falsch, ich moechte Dir in keinster Weise zu nahe treten und zweifele auch nicht daran, dass Du Deinen Urlaub wie beschrieben erlebt hast.
Nunja, ich habe doch kein Problem mit kritischen Stimmen, und in manchen Dingen gebe ich Dir Recht, allerdings kann ich nur das wiedergeben, was ich erlebte. Zwei Wochen genügen zum einen nicht, um alle gesellschaftlichen Tiefen zu ergründen und ich würde mich auch auf verdammt dünnes Eise begeben, da allzuviel zu orakeln. Die Art, wie ich reise gibt mir sicherlich mehr Möglichkeiten in die Hand, Land und Leute kennenzulernen, als den Cluburlauber, aber dennoch maß ich mir kein absolutes Urteil zu. Zum anderen war es auch ein Kurzbericht, der einige Sehenswürdigkeiten und Begebenheiten abdecken sollte, um andere zu informieren und Interesse zu wecken. Die Möglichkeit besteht natürlich, das der Bericht zu einseitig ist, doch ich habe auch versucht der Tatsache Rechnung zu tragen, dass wir in einem Fotoforum sind.
Es ist nur so, dass Gastfreundschaft mit Freundschaft, wie wir sie kennen, nicht das Geringste zu tun hat und spaetestens dann endet, wenn die eigenen Toechter eine Rolle spielen.
Gastfreundschaft hat natürlich nichts mit wahrer Freundschaft zu tun, was ja schon der Name impliziert. Wobei ich da mal anmerken muß, dass mir eine ehrliche Gastfreundschaft dort durchaus lieber ist als die manchmal oberflächliche Freundschaft, wie wir sie kennen. Letztlich ist ja niemand verpflichtet, gastfreundlich zu sein. Ich empfand das Interesse an meiner Person immer ehrlich und hatte nie das Gefühl, dass man einfach nur genervt einer beliebigen Tradition fröhnt.
Da ich nie der Begehrlichkeit Ausdruck verlieh, den Töchtern näher zu kommen, kann ich zu diesem Thema nicht so viel sagen.
Ich selbst war zwar noch nie in Jordanien, habe aber andere Laender dieser Region bereist und kann mir ums verrecken nicht vorstellen, dass es dort so wesentlich anders sein soll.
Hm, das wäre etwa so, als würde man als Araber Deutsche, Franzosen und Italiener in einen Topf werfen. Grosser Fehler! Während die einen Länder z.B. die Sharia als juristisch bindend sehen, tun es andere nicht. Allein das ändert schon mächtig die Sichtweisen des Strafrechtes und damit die gesellschaftlichen Gegebenheiten. Würde man die Länder des Orients nicht differenzierter betrachten, macht man wirklich einen großen Fehler. Und ich gebe zu bedenken, das auch die Türkei ein islamischer Staat ist und lediglich auf Grund seiner Nähe zu Europa und seiner miltärischen und wirtschaftlichen BEdeutung von den Medien positiver betrachtet wird.
Ich meine, deren Freund warst Du - als Unglaeubiger - jedenfalls nie und wirst es auch nie werden.
Ich werde Freundlichkeit und Freundschaft nicht verwechseln. Dennoch stehe ich nach wie vor in Kontakt mit einigen Jordaniern, sowohl christlicher als auch muslimischer Religion. Auch Emailkontakt ist keine Freundschaft, aber dennoch sollte man in Betracht ziehen, dass auch ein Muslim zwischenmenschliche Werte höher schätzt, als die religiöse Zugehörigkeit. Ich finde es auch etwas überheblich, uns Europäer da meschlich einen höheren Stellenwert beizumessen. Was berechtigt uns dazu? Die Geschichte sicher nicht.
Gastreundschaft hat in einigen Laendern einen so extrem hohen Stellenwert, dass es durchaus vorstellbar ist, das ein Moerder in der Familie des Opfers - das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen - am besten und sichersten aufgehoben ist, solange er denn deren Gastreundschaft geniesst. Endet diese, zoegert der eben noch freundliche Gastgeber keine Sekunde diesen abzumurksen, genau wie die eigenen Toechter oder andere Familienmitglieder, wenn es denn um die so genannte eigene Ehre geht.
Wir alle kennen solche Berichte nicht nur aus dem Fernsehen, Aehnliches ist auch schon in Deutschland geschehen.
Soweit ich weiß, hat auch die jordanische Justiz mit eben diesen Problemen zu kämpfen, wahrscheinlich wird sie sogar von juristischen Personen der jordanischen Justiz gedeckt. Selbst in Jordanien sollen sich Frauen in "Schutzhaft" befinden, die von "Ehrentaten" der Ehemänner oder Brüder bedroht sind, anstatt eben jene zu verhaften. Diese Dinge sind existent, gar keine Frage. Auch scheint mir gerade das Eherecht noch etwas traditionell behaftet. Wenngleich die Rechtssituation rein juristisch, also auf dem Papier mitunter durchaus modern ist, scheint auch in Jordanien die Umsetzung noch nicht sonderlich konsequent.
Nur was sagt uns das? Wollen wir deshalb alle Muslime oder Jordanier in einen Topf werfen? Möchten wir keine Unterschiede in Bildung und Gesinnung machen? Sollten denn wiklich alle Werte nur aus religiöser Tradion heras geschehen? Wenn wir mal das Familienrecht in Deutschland 50 Jahre zurückdrehen, dann wird dem heutigen Bürger auch anders zumute. Jordanien ist nun mal ein Schwellenland und wird mit vielen Problemen noch zu kämpfen haben. Ich halte es für sehr gefährlich, über die Menschen zu urteilen, ohne sich über die Hintergründe und die Entwicklung zu informieren, wozu wir alle ja manchmal tendieren. Entwicklung braucht Zeit und gerade Jordanien ist ein relativ junges Land. Und im Vergleich zu Saudi Arabien oder Syrien hat sich da in den letzten 50 Jahren eine deutliche Entwicklung vollzogen. Es gibt überall Licht und Schattenseiten, hier genauso wie dort. Man wird aber niemanden ändern können, den man nicht versteht. Und ich denke, mein vielleicht eher zu positiver Bericht ist dann halt mal ein Kontrast zu den Medienberichten, die ja stets dazu neigen, die Länder des Orients in einen Topf der Rückständigkeit zu werfen.
Grüße
Andreas