24_TD schrieb:
Moin!
Es hat was mit den Sehgewohnheiten und der Signalverarbeitung im Gehirn zu tun. Nach Merz / Baier "Schwarzweiß-Fotografie digital" ist das menschliche Auge an unregelmässige Strukturen gewöhnt; in der Natur sind solche Strukturen die Regel. Das Filmkorn ist chaotisch auf der Oberfläche des Bildes verteilt und somit wird Film vom Auge angenehmer empfunden als das unnatürlich gleichförmig geordnete Pixelbild.
Tim
Die Formulierung ist zwar etwas knapp, aber durchaus zutreffend. In der anspruchsvolleren Fachliteratur werden diese Aspekte schon seit längerer Zeit eingehend beschrieben (auch im Zusammenhang mit korrelierenden Effekten wie der Noniussehschärfe).
In Wissenschaft und Industrie sind zu diesen Phänomenen intensive Tests durchgeführt worden mit übereinstimmenden Ergebnissen: Für die überwiegende Mehrzahl der Betrachter wirken im Vergleich die mit Film aufgenommenen Bilder natürlicher und mehr dem Augeneindruck und persönlichen Sehempfinden entsprechend.
Die Industrie versucht auf diese Ergebnisse folgendermaßen zu reagieren:
1. Software Hersteller wie Dx0 + Co. versuchen mit Filmsimulationsprogrammen die natürlichere Bildanmutung des Films zu imitieren. Hier wurde damit geworben, Zitat:" Den Zauber des Films" zurückzuholen.
Nach meinen Erfahrungen kann man sich mit diesen Programmen den Filmergebnissen zwar etwas annähern, sie aber niemals vollständig erreichen. Film und Chip sind nun mal zwei physikalisch vollkommen unterschiedliche Aufzeichnungsverfahren, die zu unterschiedlichen Ergebnissen führen.
Wer den Filmlook bevorzugt, sollte konsequent zum Film greifen. Wer den Digitallook bevorzugt, sollte konsequent zum Sensor greifen.
Was einem besser gefällt, ist eben auch Geschmackssache.
2. Z.B. Nikon versucht bei seinen DSLRs, per Software das Rauschen dem Filmkorn möglichst ähnlich aussehen zu lassen (bei der D2H wurde damit explizit geworben, wie Tim auch schon erwähnte).
Diese intensiven Anstrengungen und millionenschweren Investitionen der Software- und Hardware Hersteller, die digitale Wiedergabe dem Filmlook anzunähern, zeigt sehr deutlich, dass es sich bei dieser Thematik eben nicht um ein "Kopfproblem" und die Einbildung von Film-Enthusiasten handelt, sondern um ganz reale Sachverhalte mit technischem Hintergrund.
DxO und Nikon kann man ja nun wirklich nicht als Hardcore-Analogiker bezeichnen.
Neben dem oben bereits erwähnten Effekt gibt es aber auch noch zahlreiche weitere, durch die sich analoge und digitale Bilder in ihrer Wirkung unterscheiden. Unter anderem:
- Das Problem des ausgeprägten Kanteneffekts, der zu einer unnatürlichen und nicht mehr dem menschlichen Sehen entsprechenden Schärfe führt, wurde bereits angesprochen.
- Das menschliche Auge kann sich sehr gut Helligkeitsschwankungen anpassen und sehr große Kontrastunterschiede bewältigen, weil es nichtlinear arbeitet. In dieser Form kann das kein künstliches Aufnahmemedium, weder Film noch Sensor.
Allerdings arbeitet der Film in Teilbereichen (am Fuß und in der Schulter der Schwärzungskurve) auch nichtlinear und dem Auge ähnlicher, während der Sensor über den gesamten Bereich linear arbeitet. Daraus resultiert das Problem der ausgebrannten Spitzlichter, mit dem Sensoren stärker zu kämpfen haben.
- Die Tonwertwiedergabe bei stärkeren Kontrasten ist bei Film dem Auge ebenfalls änlicher, sie erfolgt weicher und natürlicher als bei digitalen Sensoren (bei extremen Kontrastverhältnissen, z.B. Gegenlicht, kann es deshalb zum sehr unliebsamen Collage-Effekt bei digitalen Bildern kommen). Im englischsprachigen Teil des Leica-Forums war vor kurzem ein interessanter Test: Ein Fotograf hatte viele Bilder eingestellt, die teilweise analog, teilweise digital erstellt wurden. Die Aufforderung war, digitale und analoge Bilder zu identifizieren. Mark Anthony erzielte eine Trefferquote von 100 % und begründete dann, woran er die digitalen Bilder erkannte. Da am Bildschirm aufgrund seiner technischen Limitationen eine solche Unterscheidung anhand der sonst eher üblichen Korn/Rauschen/Natürlichkeit und Schärfe/Auflösung Kriterien nicht/kaum sinnvoll möglich ist, identifizierte er anhand der schlechteren Wiedergabe der Tonwertübergänge und Spitzlichter die digitalen Aufnahmen.
Viele Grüße,
Balou