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Die Menschen früher hatten wohl wenig Zeit, so wie ich, auf Steinen herumzuklettern und mir Bilder auszusuchen. Von morgen früh bis abends spät wurde gearbeitet. Insbesondere in den wärmeren Jahreszeiten. Was wir heute in den Tiefkühltruhen haben, musste selbst erarbeitet werden ....
Aber ich war immer wieder beeindruckt, wie sich mir Motive zeigten. Unscheinbar, intensiv und manchmal beängstigend. Ich erwiderte solche Begegnungen immer mit Respekt.
Und wünschte ich mir auch, dass wenn wir in diese Täler gehen, wir mit allen und allem viel respektvoller umgehen. Das gilt nicht nur für die Täler. Das gilt auch im im Hier und Jetzt. Im Alltag.
Und so lasse ich für den Moment wieder los mit diesem Bild. Das Wasser fliesst, das Leben auch ....
Darum steigt man ein, in diese Welt. Es ist jedes Mal ein freundliches, leises Bitten. Nicht unterwürfig, aber ein respektvolles Bitten. Mit dieser Bitte anerkennt man auch die Machtverteilung, und den eigenen Status als Gast. Bestimmen tue ich hier nichts. Wenn ich mich hierhin, nach emotionsgeladenen Wochen zurückzog, dann verging keine Minute, und ich fühlte mich freier.
Sie verpuffen hier wie durch Zauberhand und sind nicht mehr auffindbar. Am Anfang dachte ich, dass ich mir das nur einbilde. Aber als ich las, welches Energiefeld von der Kirche von Sonogno durch das Redortatal bis auf das Maiensäss aktiv ist, dann verstand ich es.
Bis nach Sonogno und etwas weiter hinten, bis zum Wasserfall, findet man auch die Turnschuh- und Strandschlarpentouristen. Sie haben immer ihr „Badzimmerplättli“ dabei. Wichtig ist, das Selfi mit dem Wasserfall. Und dann findet man die Naturfreaks welche hie und da wild campieren und dann nackig ein kühles Bad im Becken unter dem Wasserfall nehmen. Das gehört alles zum Bild, auch hierhin. Ohne Touristen wäre das Verzascatal tot, oder ein einziges Heimatmuseum.
Längst sind die Zeiten vorbei, wo noch jeder Flecken grün an den unmöglichsten Orten gemäht werden musste, um die paar Ziegen oder die einzige Kuh über den Winter zu bringen. Die Logistik und die Direktzahlungen des Bundes ermöglichen den Bauern hier nicht ein Luxusleben, aber zumindest ein sicheres Einkommen. Feriengäste oder Tagesausflügler steuern den Rest dazu bei. Wer Ziegenkäse oder Gämssalamie, der kommt hier auf seine Kosten.
Die meisten Wege in und aus den Nordtälern, sind uralt. Sie wurden schon früh für den Handel, den Schmuggel und das Pilgern gepfadet. Manche Wege wurden für das Vieh erstellt, um die Tiere einigermassen sicher von Alp zu Alp zu bringen. Wenn man sich der Tälergeschichten hingibt, dann wird man sich bewusst, welche Privilegien einem selbst widerfahren. Abgestürzte Menschen und Tiere gehörten hier zum Alltag. Das nahm man hin, genauso wie die hohe Kindersterblichkeit oder die geringe Lebenserwartung. Die Natur hier, fordert alles von einem.
Und weit bis ins 20ste Jahrhundert gab es Menschen, welche zeitlebens nie aus den Tälern gingen. Ein Leben ausserhalb der Täler, in der Stadt, konnten sie sich nicht vorstellen. Und oft scheiterte es am Geld. Irgendwo ohne Geld eine neue Existenz aufzubauen, erschien vielen Menschen nicht umsetzbar.
Die Bäckersfrau im Dorf kann immer noch kein Deutsch. Und sie verkauft seit ewiger Zeit fast immer die gleichen Produkte wie seit eh und je. Ein paar mehr sind dazugekommen. Den Hundeliebhabern wird mit Hundefutter Rechnung getragen. Auf der Gemeindehomepage wird Sonogno auch als Winterferienort angepriesen. Nur weiss keiner, dass kein Restaurant, bis auf eines, durchgehend offen hat.
Die mit Solarstrom versorgten Rustici bringt man für ein Wochenende auch mit einem Holzofen nicht warm. Und die allermeisten wissen nicht, dass je nach Standort, zuhinterst im Valle Verzasca, man die Sonne für Wochen nicht sieht. Hier, im Haus zur Buche, mag sie zwischen November und Ende Februar ihre Strahlen nicht über die Bergkette werfen.
Wenn es regnet und stürmt, der Talwind aufkommt, dann ist es oft furchterregend. Hie und da hört man Steine den Hang hinunter rollen. Der Donner hört man immer mehrmals, weil sich der Schall von Hang zu Hang arbeitet. Und bis er endlich verpufft ist, ist der nächste Donner schon im Anmarsch.
Ich habe über die Jahre im Forum viel über das Tessin geschrieben und viele Bilder gezeigt. Manch ein Aufenthalt hat mich zu literarischen Exzessen verleitet. Oft waren es Komponisten, welchen ich mich hier widmete. Oft schrieb ich auch über die Geschichten dieser Täler.
Musik ist nie vergänglich, der Mensch schon. Hier haben die Töne von Mozart wie Bach und Beethoven und vielen anderen Platz. Die Töne reihen sich ein in das Rauschen des Baches und enden irgendwann wieder. Das Rauschen hingegen bleibt.
Wir drehen dem Tessin nicht den Rücken. Aber in dieser Intensität werden wir es wohl nicht mehr so schnell erleben. Das Haus zur Buche ist definitiv weg. Der neue Besitzer will es ausschliesslich zum Eigenbedarf nutzen und es nicht vermieten. Dennoch haben wir vor, mindestens einmal im Jahr ein Wochenende im Tessin zu verbringen.
Die letzten zwei Jahre haben uns wertvolle Erkenntnisse ermöglicht. Da wie bei jedem Menschen der Jahrgang stehen bleibt, sehen wir uns nach einem kleinen Haus, in welches wir uns jederzeit aus dem Alltag zurückziehen können. Es wird die Zeit kommen, wo wir die steilen Wege hier nicht mehr gehen können. Und so wird die Suche an einem Rückzugsort nicht mehr das Tessin sein, sondern eine flachere Gegend. Und vor allem auch eine Gegend, wo die Anreise nicht mehr so lange ist.
So nehmen wir nicht leidend Abschied von diesem Ort. Mit grossem Dank mit grossem Respekt und einer gehörigen Portion Demut wenden wir uns einem neuen Abenteuer zu. Dieses Jahr ist speziell. Sehr speziell. Ein Haus haben wir schon in Aussicht. Aber das gehört nicht hierhin.
Dich, meine lieben Nordtäler, werden ich immer wieder besuchen. Anders. Aber was sage ich da. Es war immer anders. Nah und gleichzeitig fremd und neu. Und ich freue mich auf das derste «Bundi», oder «Salve». Bis dahin sage ich «Ciao».