Man kann zwar vorher mit allen möglichen Berechnungen das Optimum ermitteln ...
Genau
das ("mit allen möglichen Berechnungen das Optimum ermitteln") kann man in Bezug auf den visuellen Schärfentiefeeindruck eben
nicht. Denn neben den für diese Unmöglichkeit in meinem Beitrag #39 bereits erläuterten Gründen, ist laut dem derzeitigen Stand der Wahrnehmungsforschung der subjektive Schärfe(ntiefe)eindruck zum Beispiel nicht zuletzt auch vom jeweiligen Bild
inhalt abhängig.
Denn wir sehen und erkennen ("
Wahrnehmung") beim Betrachten von Bildern in aller Regel ja nicht
Abstraktionen wie "scharf" oder "unscharf", sondern
konkrete Bildinhalte - Katja im blauen Kleid beim Murmelspiel, die Sonnenblume in Evelyns Garten in der Mörgenröte, Philippe beim Bäcker in Avignon, Struppi im Tiefflug mit Ball in der Schnauze etc. Und einen zu geringen visuellen Schärfentiefeeindruck des jeweiligen Betrachters merkt man ja in der Regel auch - wenn er nicht per Zufall ein "an Fotografie interessierter" ist - an einer
inhaltlichen Frage, wie vielleicht "Ist der Berg im Hintergrund die Zugspitze oder das Matterhorn?", und einen zu großen an einer
inhaltlichen Frage, wie vielleicht "Wieso hat Opa ein kleines Haus auf dem Kopf?"
Für einen
Einzellfall der Bildbetrachtung die Blendenzahl für "das Optimum" in Sachen Schäfentiefeindruck rechnerisch vorhersagen zu wollen, halte ich also für ein Ding der Unmöglichkeit.
Aber für
sehr viele Fälle der Bildbetrachtung – also in einem
statistischen Sinne - geht das rechnerische Vorhersagen näherungsweise durchaus.
Denn ein großer Teil der Gesamtbevölkerung weist zum Beispiel bei Sehtests den Visuswert 1 auf. Und auch ein Betrachtungswinkel von 50° ist ein häufig vorkommender Betrachtungswinkel, da er ziemlich genau dem beidäugigen Sehfeld entspricht. Siehe hierzu den nachstehenden Link auf Tafel 14:
http://www.iwr.uni-heidelberg.de/groups/CoVis/Teaching/GWV_WS1213/vis1-3_Wahrnehmung1Resized.pdf
Und so verstehe ich soulbrothers Praxistipp: Man geht von einer begründeten Annahme in Bezug auf Visus, Betrachtungswinkel, Sujet, Medium und Druckauflösung etc. aus, und greift dann im Werkzeugkasten zum jeweils probaten Mittel, also einmal vielleicht zum Stacking, oder greift vielleicht ein anderes Mal - wie z. B. Flat D - meinen Vorschlag einer "Schärfentiefereihe" auf, also
durch mehrere Fotos eines Motivs mit unterschiedlichen Einstellungen zu spielen …
Geht es zum (konstruierten) Beispiel um ein
Foto für die Bravo, dann ist es vielleicht zielführender, von einem bei Jugendlichen häufig anzutreffenden
Visuswert von vielleicht 1,5 auszugehen, als zum Beispiel von 0,5. Und da die Bravo wohl oft im üblichen Leseabstand gelesen wird, kennt man ja zumindest so in etwa den Betrachtungs
abstand. Und wenn man dann noch weiß, dass das Foto ganzseitig veröffentlicht wird, dann kennt man so in etwa auch den Betrachtungs
winkel. Aber selbst bei einer derartigen Berücksichtigung der in Bezug auf die Schärfentiefe geltenden Zusammenhänge ergibt sich sicher auch nicht bei
jedem einzelnen Bravoleser der "optimale" - also jeweils beabsichtigte - Schärfentiefeeindruck, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit
bei einer großen Zahl von ihnen.