Hallo an alle,
ich bin beim Googeln zufällig auf diesen Thread gestoßen, und da ich der Autor des Mac-Life-Testberichts bin, auf den hier immer wieder Bezug genommen wurde, dachte ich, ich melde mich mal und erzähle ein wenig zu den Hintergründen in der Hoffnung, die offenbar herrschende Verwirrung etwas zu mindern. Ihr könnt mich natürlich gerne mit Fragen löchern, ich kann nur nicht versprechen, wie schnell/ausführlich ich darauf antworten kann.
Zunächst zur Frage, wie es passieren kann, dass ein Gerät, das bislang in Tests immer gute Wertungen bekam, plötzlich schlechte bekommt? Das liegt im Wesentlichen daran, wie Tests in unserer Medienlandschaft, insbesondere bei Nischenthemen, wie es Farbmanagement zumindest bis vor kurzem war, funktionieren. Im Regelfall kommt ein solches Nischenthema nur zur Sprache, wenn die Hersteller anlässlich einer Produktneueinführung Testgeräte an die einschlägigen Medien verschicken. Das Testgerät landet dann bei dem Redakteur, der am meisten Ahnung/Interesse hat. Was soll der bei einem Farbmessgerät jetzt tun? Referenzmessgeräte, die er zu einer ernsthaften Beurteilung bräuchte, wird er nicht herumstehen haben, denn die kosten vierstellige Beträge. Im schlimmsten Fall "bewertet" er das Gerät also einfach anhand der Feature-Liste. (Das war sehr schön zu sehen beim huey mit seinem "Feature" einer "Anpassung ans Umgebungslicht". Das ist zwar völliger Humbug, aber zusammen mit dem geringen Preis ließ sich von Autoren ohne Aufwand eine wunderbare "Produkt-Charakteristik" daraus stricken, die nach ernsthafter Beurteilung aussah, wie auch fast überall geschehen - Pantones Strategie hatte also funktioniert.) Im besten Fall macht er ein paar subjektive Tests ("Ich habe mir 10 meiner Fotos auf dem profilierten Bildschirm angesehen, und sie kamen alle gut.") und vielleicht noch ein paar mit bloßem Auge durchzuführende objektive Tests wie Clipping in hellen/dunklen Bereichen (Tests letzterer Art können praktisch immer nur die Qualität der Monitorkalibration, aber nicht die Qualität des Farbprofils bewerten). Einen ernsthaften Messtest kann das nicht ersetzen.
Gerade weil diese Nischentechnologie dabei ist, sich von einer reinen Pro- zu einer viel breiter eingesetzten "Prosumer"-Technologie zu wandeln, täte eine Durchleuchtung der Branche aber wirklich Not, denn im Moment kann man im Extremfall 5000 Euro für nicht funktionierende Software und einen Bruchteil davon für gute Software loswerden, aber für einen Außenstehenden ist das praktisch unmöglich zu beurteilen (nicht mal nach dem Kauf, denn wie soll er wissen, ob seine Farben jetzt stimmen? - das ist ja ganz anders als bei anderer Software/Hardware, wo man merkt, wenn sie nicht tut, was sie soll).
Eine solche Durchleuchtung ist aber nur mit einem systematischen, messtechnisch untermauerten Vergleichstest möglich, und den gab es bislang nirgendwo (sicher nicht in einer deutschsprachigen Publikumszeitschrift, aber in der Gründlichkeit des Mac-Life-Tests nach meiner Kenntnis weltweit nirgendwo). Das war die Motivation für den Mac-Life-Test. Wenn dieser Test, dessen Erarbeitung ein volles Jahr gedauert hat, nur die bisherigen Ergebnisse bestätigt hätte, wäre das eher erstaunlich gewesen.
Nun zu dem Problem mit der (mangelnden) Qualität des i1 Display. Dazu ein paar Hintergründe. Dass der Markt für Farbmanagement sich vom Pro- zum Prosumermarkt wandelt, ist natürlich auch den Herstellern nicht verborgen geblieben. Der erste, der auf diese Karte gesetzt hat, war Datacolor mit den Spyder-Kolorimetern, die anfangs wirklich einfach "billig" waren. GretagMacbeth hingegen konzipierte das i1 Pro, preiswerter als alle bisherigen Spektralphotometer, in schickem Design und mit einer leicht zu nutzenden Software (i1 Match) mit System-Konzept (jegliche Art von Hardware mit einer Software aus einem Guss profilieren). Das Problem für GretagMacbeth: obwohl das i1 Pro wirklich preis-wert war, war es immer noch ein Vielfaches teurer als ein Spyder. Datacolor hockte sozusagen am Eingang zur Welt des Farbmanagements und schöpfte dort die Kunden ab, bevor GretagMacbeth ihrer habhaft werden konnte.
Also musste ein preisgünstiges Einstiegs-Kolorimeter her, aber zum Bau von Kolorimetern hatte GretagMacbeth nicht genug Know-How. Daher kauften sie mit Sequel Imaging einen Hersteller auf, der sich auf den Bau billiger, in Fernost gefertigter Kolorimeter spezialisiert hatte, setzten ein Design-Gehäuse im i1-Stil herum, und fertig war das i1 Display. (Die Sequel-Imaging-Division steckt auch hinter dem huey, das GretagMacbeth im Auftrag von Pantone konstruiert hat.)
Man muss klar sehen, dass für GretagMacbeth das i1 Display ein Lockvogel ist, der die Leute zum i1 Pro bringen soll. Die Software (i1 Match) ist bereits dieselbe, und, so die Hoffnung, wenn die Anwender erstmal mit dem i1 Display unzufrieden sind (was ja nicht schwerfällt), dann wechseln sie unter Beibehaltung der schon bekannten Software eben zum professionellen i1 Pro. Deswegen liegt jedem i1 Display ein "Upgrade-Gutschein" auf das i1 Pro bei, und die Geräte selbst werden den Besuchern von GretagMacbeth-"Schulungen" hinterhergeworfen.
Der Aufkauf von Sequel Imaging stellte für die Konkurrenz von GretagMacbeth allerdings ein Problem dar, denn auch die hatte Technologie von Sequel Imaging lizenziert und war somit nunmehr plötzlich Lizenznehmer bei ihrem Konkurrenten. Am konsequentesten versuchte X-Rite dieser Situation mit der Konstruktion des DTP94 zu entkommen, das eine vollständige X-Rite-Eigenentwicklung ist (einschließlich des Sensors, während zumindest die meisten anderen Kolorimeter damals einen Sensor von Texas Instruments verwendeten - die Auswahl an Kolorimeter-Sensoren auf dem Weltmarkt ist nicht gerade groß). X-Rite stellt hochwertige Industriemessgeräte her, und da sie aus diesem Technologiefundus schöpften, ist das in den USA gefertigte DTP94 "industrial strength" und spielt qualitativ in einer vollkommen anderen Liga als i1 Display und Spyder.
Genau das war aber auch X-Rites Problem. Ich habe die folgenden Zahlen über die Produktions-Stückkosten genannt bekommen, die ich zwar nicht 100% bestätigen kann, die mir aber nach Betrachten des Innenlebens der Geräte plausibel erscheinen:
huey 8$
i1 Display 30$
DTP94 90$
Da der Markt für Kolorimeter preislich bei etwa 200$ gedeckelt war, bekam X-Rite Probleme mit der Gewinnspanne, und als sie nach dem Aufkauf von GretagMacbeth plötzlich "ein Kolorimeter zu viel" im Angebot hatten, ließen sie daher (offiziell) das DTP94 über die Klinge springen.
Der große Haken am i1 Display sind die eingesetzten Gelatine-Farbfilter vor dem Sensor, die einfach nicht langzeitstabil genug sind. Das ist natürlich ein statistisches Phänomen; man kann auch Glück haben und ein i1 Display erwischen, das einigermaßen stimmt - das Problem ist, man kann sich dessen nie in vernünftigem Maße sicher sein. Übrigens hilft deswegen beim i1 Display auch das irgendwo in diesem Thread erwähnte, angekündigte Verfahren von basICColor wenig. Dieses Verfahren basiert auf folgender Idee: in jedem Display nach VESA-Norm sind in einem Speicher die sogenannten EDID-Daten (Extended display identification data) abgelegt, die der Grafikkarte und dem Computer wichtige Eigenschaften des Displays (Auflösung usw. usw.) mitteilen. Dazu gehört auch die individuelle Farbcharakteristik des Displays, wie sie vom Hersteller mit einem hochwertigen Messgerät erfasst und festgehalten wurde. (Mac OS X verwendet die EDID-Daten zum Beispiel, um für einen Monitor bei dessen erstem Anschließen automatisch ein individuelles Farbprofil zu erstellen.) Die Idee von basICColor ist, anhand dieser Daten seinerseits das Kolorimeter einer einmaligen Anfangskalibration zu unterziehen. Das funktioniert natürlich nur, wenn der Monitor fabrikneu ist und die EDID-Daten wirklich stimmen. Aber selbst dann nützt das wenig, wenn der Farbdrift des Kolorimeters über die Zeit stärker ist als der des Displays, womit man beim i1 Display eben rechnen muss, denn statt den Drift des Monitors durch eine Neuprofilierung mit dem anfangs an den Monitor angeglichenen Kolorimeter zu verringern, vergrößert man ihn dann.
Der Geschäftsführer der basICColor GmbH schrieb auf meine Anfrage damals sinngemäß, dass es nicht so sei, dass ein Gerät (DTP94) einem anderen (SQUID2) deutlich überlegen wäre
Naja, was soll er sagen? Es gibt in Deutschland zwei Hersteller von Farbmanagement-Produkten, basICColor und Quato. Aufgrund historischer Entwicklungen beziehen heute beide ihre Software-Kerntechnologie von derselben deutschen Software-Schmiede namens ColorLogic. Allein das Erwähnen dieser Beziehung im Mac-Life-Test führte zu äußerst aufgeregten Reaktionen von einigen Beteiligten (ein Indiz mehr, dass sich dieser Markt noch an das Interesse einer breiteren Öffentlichkeit gewöhnen muss). Das Verhältnis zwischen basICColor und Quato ist also in gewisser Hinsicht offenbar delikat, und Quato hat für das DTP94 die Vertriebsrechte.
und er könne auch nicht nachvollziehen, warum eine Aussage gemacht würde, die das Gerät als besser darstellt, dessen Produktion eingestellt wurde.
Die mangelnde Qualität eines Gerätes wird ja nicht dadurch besser, dass die Konkurrenz eingestellt wird. Vor allem wird sie ja aber bis auf weiteres gar nicht eingestellt; man kann von Quato das DTP94 schließlich nach wie vor problemlos kaufen (und in den USA auch von andere Seite). Während X-Rite das DTP94 zwar "offiziell" eingestellt hat, wird es als OEM-Produkt sehr wohl weiter gefertigt; nicht zuletzt war hier wohl die Stimme einer professionellen Klientel maßgeblich, die für bestimmte Zwecke auch gezielt Kolorimeter einsetzen will, sich aber nicht mit einem i1 Display zufrieden geben würde.
Ausführliche Tests ließen das Display2 als das in Summe bessere Gerät erscheinen. Die Tests in der angesprochenen Fachzeitschrift seien Momentaufnahmen mit einer statistisch irrelevanten Anzahl an Messgeräten mit sehr pragmatischen (höfliche Umschreibung von "unwissenschaftlichem") Ansatz, der zu Zufallsergebnissen führen müsse und geführt habe.
Ich kann nicht recht glauben, dass er das wirklich so gesagt hat, aber falls ja, das wäre dann nicht so sehr schön.
Natürlich ist, um Streuphänomenen auf die Spur zu kommen, eine große Anzahl von Testgeräten immer wünschenswert. Übliche Praxis bei Tests in Publikumszeitschriften, egal ob Autos, HiFi-Anlagen oder was auch immer, ist, 1 Testexemplar zu testen und nur bei offenkundigen Fehlern ein zweites anzufordern. Ich habe von Beginn an 2-3 Exemplare pro Typ verwendet (bis auf das damals brandneue Spyder 3 und das consumer-orientierte huey), die nicht aus derselben Produktionscharge stammten. Darüber hinaus konnte ich aufgrund meiner Kooperation mit der Fogra (Forschungsgemeinschaft Druck) und der Universität Wuppertal meine Testergebnisse noch mit der nochmals größeren Grundgesamtheit eines parallel von dieser Seite durchgeführten Tests abgleichen. Eine noch größere Anzahl von Testgeräten wäre nur durch Einwerben von Forschungsgeldern machbar gewesen, was ich erwogen, aufgrund der damit verbundenen zeitlichen Verzögerungen dann aber verworfen hatte.
Zum Thema "Momentaufnahme": ich habe den Farbdrift der Geräte über ein halbes Jahr regelmäßig protokolliert; eine noch längere Periode hätte vermutlich keine neuen Erkenntnisse gebracht, das Erscheinen des Tests aber ungebührlich verzögert.
Im übrigen habe ich mein Testverfahren in der Mac Life für jedermann nachzulesen genau beschrieben (selbstverständlich für wissenschaftliche Publikationen, aber nicht unbedingt in Publikumszeitschriften). Zum Vergleich wäre interessant zu wissen, wie denn die "Ausführliche[n] Tests" aussahen, die "das Display2 als das in Summe bessere Gerät erscheinen" ließen.
Eine Stellungnahme von x-Rite selber steht bis zum heutigen Tage aus :down:
Es würde mich auch sehr wundern, wenn da noch was käme. Sie können ja schlecht zugeben, dass das i1 Display ein Lockvogel ist, aber die Probleme rundherum abzustreiten werden sie sich auch nicht trauen.
X-Rite ist im Moment voll damit beschäftigt, die Fusion mit GretagMacbeth zu verdauen, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und nach vorne zu sehen. Und da scheint nicht alles so rasch zu gehen wie erwünscht. Bereits für Juni war ein Kolorimeter unter dem hippen "ColorMunki"-Label angekündigt, das bis heute nicht erschienen ist (und selbst ein dringend nötiger Bugfix für die Software für den ColorMunki kommt erst in den nächsten Tagen heraus). Dieses Gerät hätte ja möglicherweise das i1 Display und das DTP94 endgültig ablösen sollen (obwohl ich Letzteres mir nur schwer vorstellen kann, da der ColorMunki doch sehr consumer-orientiert ist). Oder vielleicht ein ColorMunki-Kolorimeter auf (bzw. hoffentlich etwas über) dem Niveau des i1 Display 2 und ein teureres "i1 Display 3" als DTP94-Ersatz?
…seit dem der Colormunki auf dem Markt ist, erübrigt sich die Überlegung über Spyder.
Das kann man so nun überhaupt nicht sagen. Zunächst mal sind Kolorimeter für Monitormessungen besser geeignet als Spektralphotometer (bei Projektoren ist's unter dem Strich eher umgekehrt). Dass (als die beiden einzigen Spektralphotometer) i1 Pro und der ColorMunki überhaupt außer Druckern auch Monitore vermessen können, liegt an einem Trick, auf den X-Rite ein Patent hat.
Sodann ist die ColorMunki-Hardware sicher für den Preis ein beeindruckendes Gerät, aber es ist klar eines, wo gespart werden musste. Ich habe gerade für einen Nachtrag in der Mac Life die Messungen durchgeführt (war erst jetzt möglich, weil die Software erst jetzt ein Mac-kompatibles Gamma von 1,8 erlaubt), und unter dem Strich liegt der ColorMunki ziemlich genau gleichauf mit dem Spyder 3 (wenn man in die Details geht, ist der ColorMunki bei der Farbwiedergabe besser, der Spyder 3 bei Weißpunkt, Graubalance und Gammakurve). An ein DTP94 kommen sie beide definitiv nicht heran.
Und wenn Projektorprofilierung ein Thema ist, dort macht der Spyder 3 eine sehr gute Figur, während der ColorMunki zu meiner Überraschung so schlecht abschneidet, dass er eigentlich unbrauchbar dafür ist (ein mit dem ColorMunki profilierter Projektor verlor satte 10% seiner Leuchtkraft, alles wirkte düster). Ich werde bei X-Rite nochmals nachhaken, denn das ist wirklich ein ausgesprochen schlechtes Ergebnis.
Eine Kaufprioritäts-Rangfolge (unabhängig vom Preis, nur für Monitor und Projektor) würde für mich wohl etwa so aussehen:
Monitor:
DTP94
i1 Pro
Spyder 3
ColorMunki
------ ab hier unbrauchbar
Spyder 2
huey
i1 Display 2
Projektor:
i1 Pro
Spyder 3
Spyder 2
------ ab hier unbrauchbar
ColorMunki (vorbehaltlich Verbesserung durch X-Rite)
EDIT: Siehe neue Ergebnisse zum ColorMunki in meinem Beitrag vom 14.11.2008 in diesem Thread
Ich hoffe, jetzt sind alle Klarheiten restlos beseitigt.
Tschau
Uli