NF-Rezension Sigrid Neubert. Architekturfotografie der Nachkriegsmoderne

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AnjaC

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Eine Rezension unseres Community-Mitglieds Ansgar Hoffmann

Architektur am liebsten im Licht des Schwarz-Weiß

Obschon bereits Bücher von Sigrid Neubert mit Natur- und Parkaufnahmen erschienen sind, so handelt es sich bei Architekturfotografie der Nachkriegsmoderne erstmals um eine Retrospektive zu ihrem vorrangigen und früher wichtigsten Betätigungsfeld, der Architekturfotografie. Sigrid Neubert arbeitete mit vielen bedeutenden Architekten der Nachkriegsmoderne zusammen und gilt selbst als eine der wichtigsten Vertreterinnen der Architekturfotografie dieser Zeit.

Dieses Buch, gleich einer Werkschau, gibt einen einzigartigen und fast schon historisch-dokumentarischen Einblick in die Architekturgeschichte der Bundesrepublik, im Besonderen Süddeutschlands, zwischen 1957 und 1989. Dokumentarisch ist diese Sammlung auch deshalb, weil einige Bauwerke mittlerweile zerfallen sind oder abgerissen bzw. verändert wurden. Das Buch entstand begleitend zur Sonderausstellung Sigrid Neubert – Fotografien. Architektur und Natur im Museum für Fotografie der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin. Es beschränkt sich im Gegensatz zur Ausstellung auf den Bereich der Architektur. Die Ausstellung endete leider bereits im Juni dieses Jahres.

Neubert arbeite mit bekannten Architekten zusammen und erstellte als Auftragsarbeit für diese die fotografische Dokumentation der von ihnen entworfenen Bauwerke. Zu nennen sind hier beispielsweise die Olympiabauten in München von Günter Behnisch, am gleichen Orte die Hauptverwaltung der Bayrischen Hypotheken- und Wechselbank von Walter und Bea Betz mit Eberhard Mehner und das Gebäudeensemble der BMW-Werke von Karl Schwanzer; und ebenfalls von Schwanzer entworfen, nun aber in Brasilia erbaut, die Österreichische Botschaft.

Exemplarisch zu nennen für die Architekturfotografie von Einfamilienhäusern ist Neuberts Zusammenarbeit mit dem fast gleichaltrigen Architektenpaar Walter und Bea Betz. Bereits bei deren erstem Bauauftrag als selbständige Architekten, dem Haus Gautier in Starnberg, begleite Neubert sie 1957 fotografisch und orientierte sich dabei an dem US-amerikanischen Architekturfotografen Julius Shulman.

Diese Zusammenarbeit setzte sich bei Haus Ziegler/Gahm in Würzburg (1958), Haus Haury I in Sibichhausen (1961) und Haus Reinäcker in Volkach (1965) erfolgreich fort. Später erweiterte sich das Portfolio auch um öffentliche und industrielle Bauten, wie dem Erweiterungsbau der Deutschen Botschaft in London und der vorgenannten Hauptverwaltung der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank in München.

Die Fotografin

Sigrid Neubert, geboren 1927 in Tübingen, sollte gemäß Elternwunsch Medizin studieren, verfolgte jedoch mit Vehemenz ihr Ziel und begann 1948 eine Ausbildung an der Bayrischen Staatslehranstalt für Lichtbildwesen in München und stellte so die Weichen für eine fotografische Tätigkeit.

Nach ihrer Ausbildung fand sie eine Anstellung als Institutsfotografin der Universität in Frankfurt und hatte das Glück, das universitätseigene Labor auch privat nutzen zu dürfen. So konnte Neubert erste Aufträge von Architekten übernehmen und diese auch adäquat ausführen. Doch blieb sie zunächst nicht ausschließlich bei der Architekturfotografie, sondern bezeichnete sich Mitte der 50er Jahre als Werbefotografin. Zur gleichen Zeit kamen jedoch schon erste regelmäßige Aufträge aus dem Bereich der Architektur, zunächst vom Münchener Architekten Carl Friedrich Raue.

Der Autor

Architekturhistoriker Frank Seehausen zeichnet sich verantwortlich für die Konzeption der Sektion Architekturfotografie in der Ausstellung des Museums für Fotografie. Er versteht es, das Werk Neuberts verständlich darzustellen und zu beschreiben und dabei gekonnt den Bogen zu spannen von der vorgegebenen Architektur hin zur wiedergebenden und interpretierenden Fotografie. Dabei stellt er seine Arbeit und seine Texten stets in den Dienst, das fotografische Werk Sigrid Neuberts zu würdigen und ins Zentrum der Betrachtung zu stellen.

Die Arbeit

Kennzeichnend für Neubert ist ihre intensive Zusammenarbeit mit ihren Auftraggebern, die oft auch zu jahrelangen Freundschaften führte. Den Architekten zu verstehen in seinem Denken und seinen Intentionen, diese Fähigkeit zur Empathie ist für sie eine wichtige Voraussetzung, um das jeweils Geschaffene so zu dokumentieren, wie es uns heute mit ihren Bildern vorliegt:

Die architektonische Formensprache überträgt sie meisterhaft in eine adäquate Bildersprache und arbeitet dabei die jeweils individuellen Besonderheiten heraus. Gekonnt setzt Neubert Gebäude mit Licht und in ihrer Umgebung in Szene und hebt auch so deren besondere Qualitäten hervor.

Dabei hat sie die Architektur „am liebsten im Licht des Schwarz-Weiß gesehen“ (Neubert, zit. nach Seehausen, siehe Einleitung). Die Schwarzweißfotografie half ihr dabei, bei einem Gebäude, das hell im Licht der Sonne steht, das Spiel von Licht und Schatten lebendig zu machen, Tiefe und Transparenz zu darzustellen und vorhandene Kontraste zu verstärken (vgl. ebd.).

Gestaltung

Seehausens Buch zu Sigrid Neuberts Architekturfotografie ist eine sorgfältig recherchierte und dokumentierte Zusammenschau ihres Schaffens. Die Texte sind umfangreich, was für das Verständnis aber nur vorteilhaft ist. An keiner Stelle wirkt das Buch dadurch textlastig.

Das Buch begnügt sich mit wenigen großformatigen Aufnahmen dort, wo es sinnvoll erscheint. Eindrucksvolle Beispiele hierfür sind der Innenraum der Kirche St. Mauritius in München (s. Doppelseite 174/175), das Gebäudeensemble der BMW-Werke in München (S. 242 f.), die Innenaufnahme vom Haus Groethuyen in München (S. 138 f.).

Neben dem Inhaltlichen punktet auch die sehr hochwertige Buchgestaltung durch den Verlag: ein grüner Leineneinband mit Prägungen auf der Titelseite, das Verlagsgebäude der Süddeutschen Zeitung in München als Titelvignette, matt gestrichenes Papier mit Fotografien im Duplexdruck mit bester Druckqualität und hoher Plastizität, abgerundet mit einem Lesebändchen.

Je nach Lichteinfall ist die schwarze Schrift auf dem grünen Leinen der Buchrückseite nur schwer zu lesen. Dies ist aber wegen des Inhalts – die Verlagswerbung für das Buch – zu vernachlässigen. Die Texte sind gesetzt mit der Schrift DTL Nobel, einer serifenlosen geometrischen Schrift. Sie ist angenehm zu lesen und wirkt passend zu den Fotografien und den Beschreibungen. In der Einleitung – mit der großen Schrift – störte mich der etwas zu geringe Zeilenabstand. Der Einleitungstext, die Marginalien mit den Quellenangaben und die beschreibenden Texte zu den Gebäuden sind in jeweils verschiedenen Schriftgrößen gesetzt. Es wirkt für das Auge störend, dass die eingeklammerten Quellenverweise im Text in der Schriftgröße der Marginalien gedruckt sind.

Fazit

Mit dieser Veröffentlichung wurde Sigrid Neuberts bedeutsame Arbeit von über 30 Jahren zur Architekturfotografie gewürdigt. Festgehalten sind retrospektivisch die einfühlsamen und beeindruckenden Fotografien, dazu mit fundierten Texten von Frank Seehausen ausführlich kommentiert. Die Gestaltung des Buches korrespondiert mit der Güte des Inhalts. Deshalb in allen Bereichen die Höchstnote. Fünf von fünf Sternen.

Die Daten

Frank Seehausen. Sigrid Neubert – Architekturfotografie der Nachkriegsmoderne erschien am 1. Juni 2018 im Hirmer Verlag. 336 Seiten, 570 Fotografien, Pläne und Grundrisse, gebunden, Leinen mit Prägung und Vignette, Duplexdruck, 22,4 x 29,4 cm.
ISBN: 978-3-7774-3036-2
Preis: 45,00 € [D] | 46,30 € [A] | 54,90 SFR [CH]

Hier geht es zur Leseprobe.

Rezension: Ansgar Hoffmann

Bewertung:
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ISBN: 3777430366

 
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