Riniken, 21. Mai 2021
Liebe Sabine
Wenn ich die Postkarten meines Grossvaters lese, dann sind sie oft kurz und knapp, aber es hat auch voll geschriebene Postkarten drunter, auf welchen er den letzten freien Platz zum Schreiben ausnutzte. Und so mache ich es nun auch mit dieser Postkarte.
Ich muss Dir noch eine Geschichte erzählen, welche wir gestern erlebt haben.
Als ich gestern so gegen 14 Uhr nach Hause fuhr, rechts abbog zu meinem Parkplatz, sah ich etwas hinkend auf mich zukommen. Eine Katze, dachte ich, nein, das kann es nicht sein. Ich bremste abrupt, stieg aus und ging auf das kleine Wesen zu. Ein Marder, völlig ausgehungert mit einer halboffenen Schädeldecke.
Ich parkierte vorsichtig das Auto, sprang durch den Keller ins Haus, rief Claudia, wir müssten dringend einen Marder fangen, welcher verletzt sei. Nein, liebe, Sabine, das Bild, welches ich von ihm mit meinem Handy gemacht habe, erspare ich Dir. Ich musste ihn kurz fotografieren, um die Krankheit beim nächsten Mal wieder zu erkennen.
Wir rannten aus dem Haus mit einem unserem Tiertransportkorb und einem kleinen Fischernetz. Mittlerweile hat sich der Marder unter das Auto des Nachbarn verkrochen. Und als ich ihn versuchte mit dem Netz zu fangen, verkroch er sich in den Motorraum. Also gingen wir zum Nachbarn, welcher gerade von der oberen Wohnung in die untere Wohnung zügelte.
Er nahm den Autoschlüssel und öffnete die Motorhaube. Der Kleine ging durch den Motor unten wieder raus und rannte so gut er konnte davon. Und wir mittlerweile zu viert hinterher. Claudia hat geschaut, dass er nicht auf die Strasse lief. Vor einem Baum dann war ich schneller und habe ihn mit dem Netz erwischt. Wir hatten alle Handschuhe an. Ich packte ihn am Genick und setzten ihn in den Tierkorb und schlossen ihn oben zu. Erst dann dann sahen wir, wie schlimm der kleine zugerichtet war.
Wir gingen zu unserem lieben Freund dem Tierarzt, welcher glücklicherweise in der Praxis war. Er kam nach draussen und schaute ihn durch das Gitter des Korbes an und schüttelte den Kopf. Ja, armes Tier, sagte er, der Kleine ist durch die Räude angesteckt worden. Die Milben fressen sich in den Körper, die Schädeldecke war angefressen und der Arme hat sich auch ein Hinterbein vermutlich selbst verbissen, um die Parasiten loszuwerden.
Wir entschlossen, den Kleinen erstmals zu sedieren, um ihn genauer anzuschauen. Mein Freund hatte ihm durch das Gitter blitzschnell eine Narkose gesetzt. Nach vorsichtiger und eingehender Beurteilung haben wir entschlossen, dass wir ihn einschläfern. Er merkte nichts mehr und hat nach wenigen Minuten die ewige Reise angetreten. Und nun liegt er bei uns in der Bünte, tief begraben.
Nun, was sagt mir das. Der Marder wäre gestorben, elendiglich. Wir verkürzten ihm das Leiden. Und es hat mich bewegt. Es hat mich darum bewegt, weil ich meine, dass wir für unsere Mitgeschöpfe Verantwortung zu tragen haben und halt manchmal alles stehen und liegen lassen, um jemandem zu helfen. Der Marder hatte keine Chance zu übeleben, die Krankheit war zu weit fortgeschritten und hätte man ihn behandeln können, dann hätte man ihn regelmässig medikamentieren müssen und ihn mit Salbe und Pasten einstreichen müssen. Für ein Wildtier unmöglich.
Verantwortung übernehmen für Mitgeschöpfe, etwas dass ich immer wieder vermisse und mich immer wieder erstaunt. Woher ich diese Selbstverständlichkeit habe, weiss ich nicht, aber es ist einer meiner wenigen Werte, welche ich lebe, zusammen mit Claudia.
Und so verklang der Tag gestern mit der freudigen Rückkehr unseres ältesten Pflegekindes, welche die praktische Prüfung als Köchin erfolgreich abgeschlossen hatte. Ihr ehemaliger Chef und Mentor kam vorbei, ass bei uns zu Abend und wir stiessen an. Beim Abschied nehmen meinte der ehemalige Chef zu uns, dass wir als Pflegeeltern stolz sein können. Es sei mitunter unser Verdienst, dass sie so erfolgreich war....
Morgen gehen wir wieder ins Ferienhaus. Dieses Teil steht auch schon dort...und irgendwann wird es zu neuem Leben erweckt.....
Dir, liebe Sabine, wünsche ich ein ganz tolles Wochenende.
Herzlich. Sam
Bildband: Photography on Stage von - Bluesfestival Baden