Moin,
meine unmaßgebliche Meinung zu Portraits:
Wichtige Fragen für mich:
- Spiegelt das entstandende Foto das innere Bild, das ich vom portraitierten Menschen habe, wider?
- Spiegelt das Foto das innere Bild, das der portraitierte Mensch von sich hat, wider?
- Gibt es eine Botschaft, die das Foto transportieren soll?
- Gibt es eine oder mehrere Botschaft(en), die das Foto transportiert, ohne das ich es bemerkt habe?
Jedes Bild transportiert eine Menge Botschaften, auf die man achten sollte.
Vor ein paar Tagen wurde hier ein Foto, gemacht von einem Mädchen, von ihrer ziemlich jungen, ziemlich hübschen Freundin auf einem Trampolin, diskutiert. Da ging es dann um Details im Netz des Trampolins und ob die Füße mit drauf sein sollten oder nicht. Dass das Mädchen in einer Pose da lag, mit knapper Hüfthose, die ( die Pose) nicht ganz ohne erotische Komponente war, wurde ignoriert. Vor ein paar Jahren gab es ähnliche Bilder in einer Calvin Klein Anzeigenreihe - da gab es mächtig Wirbel.
Einen Mann, der meine (hypothetische) 13jährige Tochter so auf einem Trampolin fotografiert, würde ich im Auge behalten.
Zum Portrait:
Warum lehnen in Hobby-Portraits immer so viele Frauen an irgendwelchen Wänden? Wohnt dahinter der Liebste?
Oder ist es für die Werbung "Beton - es kommt darauf an, was man daraus macht." ?
Wenn ich das Bild um 90° kippe: Da ist jemand auf dem Boden eingeschlafen und wird ziemliche Nackenschmerzen beim Aufwachen haben...
Ob Ulrikes Haare hinters Ohr gehören oder nicht: Das ist alleine Ulrikes Entscheidung. Wenn Ulrike das Haar so trägt, hat da kein Fotograf rumzufummelen - solange Ulrike kein Profi-Model ist oder der Ansatz ist: Mach ein Portrait mit Deinen Ideen von mir.
Wenn mir ein Fotograf Gel ins Haar schmieren wollte, weil er das cool findet - er würde einen kräftigen Tritt in den Hintern kriegen.
Wie wäre es mit einem Vorgehen wie:
Was erwartet der Mensch, den ich portraitiere?
Was für ein Bild hat er von sich?
Was für ein Bild habe ich von ihm?
Welches dieser Bilder soll visualisiert werden?
Welche Botschaften kann oder soll das Bild transportieren?
Welche Stilmittel setze ich dafür ein?
Daraus ergeben sich die Antworten auf Fragen wie:
Wohin soll er schauen?
Was soll er anhaben?
Was macht er auf dem Bild?
Wenn man krampfhaft versucht, originell zu sein, kommen meist nur neue Klischees heraus (Mädchen lehnen an Wänden, fassen sich komisch in die Haare, liegen irgendwie verdreht auf seltsamen Untergründen...).
Mir geht das bei meinem Hobby Saxophon spielen (Fotografieren ist halt mein Beruf) so: Wenn ich versuche, ein ganz tolles Solo zu spielen, kommt verdrehter Mist heraus. Versuche ich, den Ball flach zu halten und nichts Besonderes zu spielen, kommt schon mal ein "Bei dem Solo hast Du Dich wohlgefühlt" von einem Zuhörer.
Wenn man sich von der (selbst gestellten) Aufgabe löst, ein "tolles Portrait" zu machen, das die anderen Kerle im Fotografie-Forum loben, und versucht, sich auf die Person einzulassen, die man fotografiert, wird man möglicherweise keine "neuen" oder "tollen" Bilder produzieren - aber eigene.
"Mensch! Werde wesentlich!"
Grüße
Christian