Mmh, Karl, da hast Du ja eine Frage aufgeworfen,
die höchst komplex ist und von Ästhethik über
Gestaltung bis Kunst- und Foto-Theorie zahlreiche
Aspekte umfaßt.
Selbst wenn wir einmal voraussetzen, daß jede
Art von Fotografie einen Gestaltungswillen des
Fotografen beinhaltet, müssen wir differenzieren
zwischen journalistischen, dokumentarischen und
künstlerischen Bildern.
Die Übergänge zwischen den Genres sind dabei
fließend – erschwerend kommt hinzu, daß eine
Unterscheidung zwischen Auftrags- und freier
Arbeit nicht wirklich hilfreich ist, um dem Thema
gerecht zu werden.
Die Arbeiten von Bernd und Hilla Becher z.B.
können mit Leichtigkeit als Dokumentarfofografie
verstanden werden; durch ihre serielle Präsentation
entfalten sie jedoch eine künstlerische Wirkung.
Um ein anderes, naheligendes Beispiel zu nennen:
Die lapidaren Fotos von Albert [MENTION=63488]häuschen[/MENTION] , die er
in seinem Thread daily news zeigt, kann man als
Schnappschüsse oder Dokumentationsfotos sehen;
gleichzeitig stehen sie in ihrer Bildästethik aber in
einer bestimmten Fotografen-Tradition, die längst
als eine Form künstlerischer Fotografie akzeptiert
ist.
Vielleicht ist es hilfreich, wenn ich von meinen
eigenen fotografischen Erfahrungen und Reflektionen
des Themas berichte.
Ungeachtet ihrer Gestaltung, fertige ich die meisten
meiner Fotos für journalistische Zwecke, was klar
ihren Bildinhalt dominiert – weil bestimmte formale
Kriterien einzuhalten sind. So wird keine Zeitung,
ungeachtet seiner ästhetischen Anmutung, ein Foto
drucken, das zu 3/4 aus Schwarzfläche besteht.
Solche von mir bewußt so aufgenommene Bilder
bezeichne ich als künstlerische Fotos. Diese zeige
ich folglich in Ausstellungen, wo andere Kriterien
als journalistische von Relevanz sind.
Dennoch kommt es vor, daß auch journalistische
Fotos von mir einen über das Dokumentarische
hinausgehenden, ästhetischen (künstlerischen)
Wert haben. Um ein Beispiel zu zeigen:
Der Rockpalast-Macher Peter Rüchel
Ohne falsche Bescheidenheit: Die Gestaltung und
(damit verbundene) Farbwirkung hebt dieses Foto
von einem rein dokumentarischen ab.
Damit kommen wir zu dem, was ich als visuelle
Bildung bezeichnen möchte. Jede Form eines
künstlerischen Ausdrucks verlangt – neben so
banalen Dingen wie handwerklicher Technik –
zwei wesentliche Dinge:
1. einen Blick für Farben und Formen, der sich
aus profundem Wissen der Kunst- bzw. Foto-
Geschichte speist;
2. den Willen, sich auszudrücken und dieses
mit adäquaten Mitteln auch zu können, wofür
das unter 1. genannte unabdingbar ist.
Dieser Wille sich auszudrücken, entspringt
m.E. einer inneren Notwendigkeit, die nicht
von Vorgaben Dritter dominiert wird – selbst
wenn man konstatieren muß, daß es immer
auch Faktoren (etwa ökonomische) gibt, die
einen künstlerisch Schaffenden beeinflussen.
Auch dazu zeige ich ein Bildbeispiel:
Dieses Foto mußte ich einfach machen –
Motiv erkennen, gestalterisch konzipieren,
fotografisch umsetzen; eine freie Arbeit,
die ich als künstlerisches Foto klassifiziere.
Dies gelte übrigens auch dann, wenn die
Vorgabe gewesen wäre: Fotografieren sie
eine Leuchtstoffröhre … eine klassische
Aufgabe für Fotografie-Studenten.
Die Kunst (sic!) besteht halt auch darin,
selbständig Bildmotive zu entdecken und
in künstlerischer Form zu realisieren.
Ich denke, mit meine Ausführungen eine
hinreichende Basis für weitere Diskussionen
gelegt zu haben – Danke fürs Lesen!