Da ich mir eben ein Video ansehen musste, das mich etwas außer Fassung gebracht hat, möchte ich diesen Beitrag unserer Liebe zu unseren Stinkern, Wuffis, Scheißis, Kötern und Schätzen widmen. Eben musste ich wieder einmal lernen, wie peinlich und abartig es ist, zur Rasse Mensch zu gehören. Es war ein kurzes Video. Um so länger wird es mir allerdings durch den Kopf gehen. Und nein, ich werde es hier nicht zeigen.
Was erwarten wir von unserem Hund?
Er soll gehorchen. Nein, nicht nur wenn nichts los ist, auch wenn die Trambahn neben ihm bimmelt, der LKW auf der anderen Seite vorbei rauscht, hinter ihm 3 aufgeregte Hunde bellen und ihn auffordern, kurz vorbei zu schauen, vor ihm eine halbe Grundschulklasse auf ihn zu kommt mit den Worten: "Oh mei, is das ein liebes Hundi, oh kuck mal, oh wie süß und ach wie niedlich. Darf ichs mal streicheln?...". "Vali, sitz." Vali sitzt.
Auch im Wald, mit Vögeln, Füchsen und undefiniertem Getier, das direkt vor der Schnüffelnase durchs Gebüsch hüpft "Vali, hier!" Vali hiert.
Er soll keine Angst haben. Vali kam zu mir mit panischer Angst vor Gewitter, Feuerwerk (kann ich mit leben, ist ja nur einmal im Jahr) oder auch nur weit entferntem Knallen wie den Schießübungen der Feldjägertruppe auf der anderen Seite der Stadt. Es reichte auch schon knisternde Kohle auf dem Grill und Vali war nicht mehr gesehen und vor allem nicht mehr ansprechbar. Bei Gewitter hat er sich gegen die Wohnzimmertür geworfen, die nach innen aufgehende Tür irgendwann auf bekommen und sich ins innenliegende Bad verkrümelt und saß dort zitternd wie Äspenlaub, hechelnd, sabbernd, panisch. Um keinen Preis der Welt wäre er die nächsten 2 Stunden nach dem Gewitter dort wieder raus gekommen, sprach den ganzen restlichen Tag aufs kleinste Geräusch an... Wahnsinn. Nervig. Mitleiderweckend. Mitleid? Trösten? Gibts bei Hunden nicht. Damit wurde es ihm von den Vorbesitzern ja so schön antrainiert :down: Mit viel, sehr viel Geduld hatte ich ihn nach einem Jahr so weit, dass er immerhin im Wohnzimmer blieb und wenigstens aufs dritte Mal ansprechbar war. Er hat weiterhin gezittert, gesabbert, sich im Wohnzimmer Schutz gesucht, beschwichtigt, hilfesuchend um sich geschaut.
ich denke wieder ein 3/4 Jahr später waren wir so weit, dass er in seinem Bettchen blieb, und nicht bei jedem Donnern an einen anderen Fleck in meinem Wohnzimmer gelaufen ist in der Hoffnung dass es dort nicht scheppert. Er zitterte immer noch, ich spüre ihn 2 Meter entfernt auf der Couch vibrieren.
Viele, viele Monde später horcht Vali kurz auf, fällt selten für ein paar Sekunden ins Zittermuster zurück, hechelt und beschwichtigt aber kaum und kann schon 5-10 Minuten später seinen Kopf wieder aufs Kissen legen. Kein Vergleich im Gegensatz zu früher. Und das allerwichtigste: Er ist vollkommen ansprechbar, folgt draußen, rennt nicht einfach panisch zum Auto und versucht in den verschlossenen Kofferraum zu kommen oder rennt bei wildfremden Leuten über die offene Balkontür ins Wohnzimmer, damit sich die junge Mutter mit ihren beiden Kindern aussperrt aus Angst vor dem selbst panischen Hund und mich fragt "Ist das Ihrer?"
Er soll nicht wehleidig sein. Noch in der ersten Woche nachdem Vali bei mir ankam, wurde schon die erste Vertrauensfrage gestellt.
Beim Toben mit einem befreundeten Hund hat Vali sich mit der Pfote im Stachelhalsband verhakt, hat gewinselt und gejault, kam nicht mehr weg. Der andere Hund hat das natürlich registriert und wollte sich zurückziehen, hatte aber Vali mit der Pfote immer noch im Halsband hängen. Winsel und jaul, er zieht immer weiter. Als ich endlich ankam, konnte ich Valis Pfote und das Halsband festhalten und das Herrchen vom anderen Hund hat das Halsband derweil abgenommen. Da konnte ich Vali endlich befreien. Jede Menge Blut überall; der Dorn hatte sich in die Haut zwischen seinen Zehen rein gebohrt und halb aufgerissen. Vali jammert. Herrchen ist aufgeregt, macht sich Sorgen, hat noch keine Ahnung wie und wo er am Sonntag einen Tierarzt erreichen soll. Erst mal Valis Pfote einwickeln. Er schleckt dran, ist aufgeregt, weil sein neues Herrchen so aufgeregt ist. Also ein paar Tierärzte angefahren, die meisten wohnen gleich über ihrer Praxis. Hier und da geklingelt. Angeblich gibt es eine Notfallklinik wo immer jemand ist. Das war der einzige, wo wir gar niemanden erreicht haben.
Beim 5. Tierarzt wollte uns geholfen werden, aber auch hier war der Arzt selbst nicht da, ich solle in einer halben Stunde wieder kommen. Natürlich! Vali wurde dreifach geklammert und bekam einen hübschen Hunde-Highheel. Während dem Klammern hatte ich Vali quasi im Schwitzkasten, damit er die helfende Hand nicht beißt. War nicht nötig. Vali war völlig ruhig, hat nicht mehr gejammert, hat es über sich ergehen lassen. Bezahlt, vielmals bedankt, gegangen. Vali hat keine Angst vorm Tierarzt. Er hat sicher gewusst, dass wir ihm alle helfen wollen. Feiner Bub. Der Kangal hatte nie wieder ein Stachelhalsband an.
Er soll geduldig sein. Wir waren einmal im Auto mit einem Bekannten unterwegs, der musste zu seinem Onkel oder so. Jedenfalls mit Vali ausgestiegen und ihn auf der Grünfläche mit Bänken und ein paar Bäumen zwischen den Wohnblöcken geparkt. Bekannter ist zum Onkel, ich hatte irgendwas im Auto vergessen und musste noch mal hin "Vali, dableiben". Vali schnüffelt noch ein bisschen rum, legt sich dann irgendwo ins Gras. Kurz darauf komm ich wieder und sehe aus der Entfernung, wie irgendein Kleinkind an Valis Kopf rumwurschtelt. Kein Thema denk ich, Vali ist so kinderlieb wie man es überhaupt nur sein könnte. Als ich näher komm, seh ich was der 3-jährige Balg da eigentlich an meinem Hund veranstaltet, während sein verhunzter, etwa 40-jähriger Vater 2 Meter daneben auf der Bank sitzt, das beobachtet und grinst. Das Balg hat nichts besseres zu tun, als Vali mit angespitztem Zeigefinger im offenen Auge rum zu stochern und dabei vergnügt zu quieken, weil das ja viel weicher ist als bei seinen Steifftieren. Immer wieder, immer wieder. Ich lauf schneller, schrei "pack dein dummes Kind von dem Hund weg du Klotzkopf!". Keine Reaktion, nur Gelächter. Ich fang an zu rennen, komm dann etwa 20 Sekunden nachdem ich das aus der Entfernung gesehen hab an, pack das Kind am immer noch im Auge stochernden Arm und ziehs von Vali weg. Vali erst mal anständig gelobt und gehuldigt und gestreichelt und super und feiner und ach ihr wisst schon

Unglaublich. Es gibt Menschen, die die Welt nicht braucht. Als ich mich umgedreht hab, um den wahnsinnig fürsorglichen Vater zur Rede zu stellen und zu sagen, dass ich sein Balg an Valis Stelle innerhalb einer Sekunde einen Kopf kürzer gemacht hätte. Hat den überhaupt nicht gejuckt. Hätte man ja eh den Hundebesitzer verantwortlich gemacht. Zur Belohnung sind wir direkt um die Ecke 3 Leberkässemmel holen gegangen
Aber einen Vorteil hatte es. Davor hatte ich immer ein leicht mulmiges Gefühl mit Kindern, obwohl ich ja da schon wusste, dass er viel mit sich machen lässt. Jetzt bin ich völlig sorgenfrei, wenn die kleinen mit ihm rumtollen. Er ist einfach der gutmütigste Hund, den man sich überhaupt vorstellen kann. Habe ich diese Erwartung gestellt? Nein, beim allerbesten Willen nicht. Aber ich bin froh drum. Feiner Vali!
Bei manchen soll er arbeiten. Bei anderen soll der den leeren Platz eines lieben Menschen füllen. Bei anderen soll er mit Glitzersteinchen behangen und mit Föhnfrisur im Handtäschchen einfach nur "schön" sein...
Er soll, er soll, er soll... Was soll er eigentlich wirklich? Nun, die wichtigste seiner Aufgaben besteht wohl darin, sein Leben in vollen Zügen zu genießen, das Beste aus dem zu machen was ihm wiederfährt. Das Gute an allem zu sehen. Sei es nun der nächstbeste Po des anderen oder Nachbars Mülltonne. Hey, es ist toll! Eigentlich könnten wir viel von ihnen lernen.
Was erwartet unser Hund von uns?
Zugegeben, wir sind ihre Führer. Meistens. Manchmal klappt das sogar.
Erwarten sie wirklich etwas von uns? Vali kam nicht zu mir in die Wohnung, sah die Couch und dachte sich "Ui, toll, Couch, meins! Hey, Bett, auch meins!" Nein, er legt sich auf den Boden. Auf den nackten Boden, neben seiner vom Vorherrchen mitgebrachten Kindermatratze. Es könnte ja sein, dass sich das neue Herrchen auf seine Matratze legen will. "Vali, geh in dein Bettchen". Er kuckt mich fragend an und ich zeige auf seine Matratze. Er legt sich drauf und ich mache mich auf die Suche nach einem alten Kopfkissen das ich vererben kann. Ich lege es unter seinen Kopf, er schmiegt sich an und ich streichle ihn.
Hat er erwartet, dass er sein Bettchen wieder bekommt oder gar nach einem Kissen verlangt? Ich denke nicht. Er hat es einfach genossen.
Hat er erwartet, dass er in der Anfangszeit zwecks der Bindung mit zu mir ins Bett darf? Nein. Ist er mir böse, wenn ich zu ihm sage, dass er sein eigenes Bettchen hat und er sich nicht einfach ohne meine Erlaubnis in mein Bett legen darf (was wirklich richtig selten ist)? Ich denke nicht, aber er kuckt traurig
Eine Weile später war der Kofferraum wegen Überfüllung geschlossen und Vali musste leider leider (

) auf der Rückbank platznehmen. "Ui, hier riechts nach Rind. Oh, wie bequem. Hach, wie schön" *schnarch*
Ein ander Mal musste er sogar auf dem Beifahrersitz sitzen, weil hinten alles voll war. Der Kerl hat sich tatsächlich so hingesetzt, dass er seinen Hinterkopf an der Kopfstütze anlehnen konnte und hat die rechte Pfote auf die "Fensterbank" gelegt. Vali wird mal Mantafahrer! Sah göttlich aus, aber es war leider dunkel und ich habe kein Bild davon. Hat er danach erwartet, dass er wieder auf dem bequemen Leder sitzen darf, statt im schnöden Kofferraum? Ja, definitiv - aber das ist wohl nur all zu verständlich.
Die Kindermatratze hat mir nach der Wohnungsumstellung zu viel sinnlosen Platz in meiner nicht gerade üppigen Wohnung verschwendet und wurde zwischenzeitlich an die Wand gelehnt. Selbstverständlich hat Vali dieses Spektakel des Umräumens gespannt und bestimmt mitunter amüsiert beobachtet. Ging immer brav woanders hin, wenn ich ihn geschickt habe weil er im Weg war und hat sich eben dort niedergelassen. Natürlich hat er gemerkt, dass ich ihm sein Bettchen geklaut habe. Aber er hat sich nicht beklagt. Er lag wieder auf dem Boden. "Stinker, geh ins Bettchen". Vali kuckt mich an, kuckt zur Matratze an der Wand, kuckt mich wieder fragend an. Ich steh auf, geh rüber zur Couch, zeige drauf und sag: "Mach da hopp, neues Bettchen." Vali steht auf, legt die Pfoten auf die Couch, dreht den Kopf wieder zu mir und kuckt fragend "Wirklich? Meins?". Ich kann mir das grinsen nicht verkneifen "Na hopp, Bettchen. - Feiner Vali"
Auf einer Geburtstagsfeier eines Freundes musste Vali natürlich mit in seine alte Heimat, nach Thüringen. Nach etwa 8 erbettelten Rostern wurde erst einmal der halbe, vom Geburtstagskind (der auch einen Hund hat und es eigentlich besser wissen müsste

) auf dem Boden stehen gelassene Wurstwassereimer ausgesoffen. Dass er am Abend vor der Party extra noch ein wohlduftendes Nerzölbad bekommen hat, wollte er nicht auf sich sitzen lassen. Nachmittags in das von den Kindern wunderhübsch kreierte Straßenkreidebild gelegt und bunt wieder aufgestanden und zu späterer Stunde hat er sich im Partyraum auf den bierversifften Boden gelegt. "Ich kenn hier zwar niemanden, mein Herrchen rennt dauernd irgendwohin, aber er hat mich noch nie irgendwo zurück gelassen ohne sich zu verabschieden. Außerdem sind die Leute hier so nett und reichen mir dauernd Würstchen und einer sogar tellerweise Nudelsalat. Toll hier"
Nun, was erwartet unser Hund denn jetzt von uns? Ich denke: nichts, außer ein wenig Zeit, ein wenig Zuneigung (so, wie sie linky demletzt vorzüglich veranschaulicht hat) und sie erwarten, dass wir das grenzenlose Vertrauen, das sie uns schenken, nicht missbrauchen. Der letzte Punkt ist der, der in manch Gehirn eingeprügelt gehört.
Sie wünschen sich einfach nur einen Platz der Geborgenheit und ab und an was zu futtern.
Sicherlich, mit den Tölen machste was mit. Aber sind sie nicht gerade deshalb so liebenswerte Wesen? :up:
Nein, keine künstlerisch wertvollen Bilder heute, aber vielleicht konnte ich ja mit ein paar Anekdoten zum schmunzeln bringen. Mich hat es jedenfalls wieder abgelenkt