"Verdient" haben haben alle an den Spazzocamini auf ihre Weise. Nur die Buben nicht.
Die Eltern konnten zum Teil einen Teil ihrer Familien durch die Wintermonate bringen und verdienten noch etwas Geld mit dem Bub. Die Padroni (Chef's der Buben), verdienten ebenfalls. Die Kirche konnte sich von der besten Seite zeigen und begann schon bald, die Buben am Sonntag vor die Kirche zu bitten, um Almosen zu sammeln. Dafür erhielten sie einen Teller warme Suppe. Und nicht zuletzt die reichen Bürger, welche jährlich zu Silvester einige Kaminfegerbuben einluden, weil Kaminfeger als Glücksbringer galten. Als Gegenleistung durften sie so viel essen und trinken wie sie wollten. Nur eben, dass die meisten Bäuche der Kinder nicht an soviel Essen gewohnt waren, und die meisten von ihnen die üppige Mahlzeit gleichen abends wieder von sich hergaben, ist eine andere Geschichte ...
Wie man es dreht und wendet: viele Buben verloren ihr Leben, waren gezeichnet von der Arbeit. Einige kehrten nie mehr nach Hause, versuchten sich durch zu schlagen und reisten irgendwo hin, um sich im Irgendwo eine Existenz aufzubauen.
Die "rüsca" wie sich die Kaminfegerbuben im Verzascatal nannten, entwickelten auch ein eigene Sprache. Das taten im Übrigen auch die anderen Buben aus den andern Tälern (Valle d'Aosta, Valle Orco, Val Cannobina, Val Vigezzo). Ein Kaminfegerbub hat dies damit begründet, dass die eigene Sprache nicht nur zur Abgrenzung diente (die Padroni verstanden diese Sprache nicht), sondern auch zur eigenen Identifikation. Und letztlich, und wohl das wichtigste war, dass die eigenen Sprache auch etwas Würde zurück gab.
Noch immer spüre ich das grosse Schweigen rund um die Kaminfegerbuben. Es tun sich viele schwer damit. Auch Angelo hat zeitweise nur ausweichend geantwortet.
Es war Antonion Vivaldi, welche unter anderem auch zeigte, dass Kinderarmut auf gute Art und Weise begegnet werden kann. Die Musikschule für Mädchen in Venedig war über Jahrhunderte sehr erfolgreich. Und brachte u.a. mit Vivaldi wunderbare Musik hervor. Wie eben das Gloria.
Wir sind Erben dieser Geschichte. Wichtig erscheint es mir, dass wir möglichst viel darüber wissen. Grosses Verständnis habe, wenn sie Familien schämen. Aber das bräuchte von uns grosses Einfühlungsvermögen und eine Haltung ohne Vorwürfe. Aber die Schweiz tut sich, wie gesagt, immer noch schwer mit dieser Thematik.
Die Aussicht vom Balkon des Schlafzimmers und von der Terrasse in die Berge war fantastisch. Es ging nur noch aufwärts nach wenigen hundert Metern weiter hinten von unserem Ferienhaus. Ich schaute stundenlang an die Berge, an die Gipfel, betrachtete das Licht und die Schatten.
Angelo hat mir von seiner Familie erzählt. Das Ferienhaus war früher einst ein Stall. Unten die Kühe und oben Stroh, unter anderem das Nachlager der vielen Kinder. Angelo hat also auf dem gleichen Stock geschlafen wie ich. Nur auf Stroh. Oder auf Leinensäcken gefüllt mit getrocknetem Maisblättern oder Gras ...
Als wir zuoberst auf der Alp standen, am Morgen früh, dachte ich, mein Gott, ist das Leben kompliziert geworden...und ich genoss diesen kurzen Moment ...
So schön dieser Ausblick auf der Alp auch sein mag. Es kommen keine romantischen Gefühle in mir auf. Zu sehr hallt das Gespräch mit Angelo nach, lässt mich darüber nachdenken und lässt mich eher mich mit der Realität zu beschäftigen als mit falschen Romanzen ...
Die Gemeinsamkeiten sind verschwunden. Sie sind in dieser Form auch nicht mehr nötig. Das "Aufeinander-Angewiesen-Sein" hat auch hier ihre Spuren hinterlassen. Der gemeinsame Backofen in Sonogno ist schon lange ausser Betrieb ...
Vergangenes wird restauriert, hingestellt und ausgestellt. Und schön ist es. Und drauf gesessen wird auch. Geschichten werden erzählt, wenn sie dann erzählt werden.
Nicht jeder hier ist so gesprächig wie Angelo. Aber er hat auch in der Deutschschweiz gearbeitet, ist interessiert an der Welt und den Menschen und hat Freunde in aller Welt....
Die Landwirtschaft als frühere Haupteinnahmequelle aller Täler hat sich im Verlaufe der Jahrhunderte massiv verändert. Die Ziegen sind noch da, die Bewirtschaftung der Alpen hat sich aber verringert ...
Man trifft sie überall in diesem Tal. Sie laufen frei umher, gehen zum Stall um gemolken zu werden und wissen genau, dass ihnen hier nichts passieren kann.
Mir bleibt mich langsam zu lösen vom Val Redorta. Jene von Euch, welche mich auf der Tessinerreise im September begleiten, werden das eine oder andere noch tiefer mündlich erfahren ...