AW: Zeiss
Ausgabe Nr. 23
Januar 2006
Fragen zu den neuen ZF Objektiven
Antworten von Dr. Winfried Scherle (links), Geschäftsbereichsleiter Photoobjektive und Kornelius Müller (rechts), Marketing Manager
CLN: "ZF" – was ist das?
Dr. Scherle: ZF – das ist eine neue Serie von Carl Zeiss Objektiven für Kleinbildspiegelreflexkameras, und zwar solche mit Nikon-F-Bajonett.
CLN: Auch für digitale?
Dr. Scherle: Ja, auch für digitale, und zwar auch solche mit Vollformatsensoren!
CLN: Warum macht Carl Zeiss ZF?
Müller: Wir sehen eine sehr starke Nachfrage nach Carl Zeiss Objektiven von Fotografen, die mit Kleinbildspiegelreflexkameras fotografieren, die von Hause aus mit anderen Objektiven ausgestattet sind. Solche Fotografen entscheiden sich aus bestimmten Gründen für Kameras von, beispielsweise, Canon und Nikon, beneiden aber die Contax-Fotografen um die Qualität ihrer Bilder. Jetzt, wo unser ehemaliger Partner Kyocera das Contax Programm nicht mehr weiterführt, gehen wir neue Wege, und machen anspruchsvollen Kleinbildfotografen, gerade auch Digitalfotografen, Carl Zeiss Objektive zugänglich.
CLN: Und warum hat sich Zeiss gerade für das Nikon-Bajonett entschieden?
Dr. Scherle: Das hat drei Gründe:
1) Nikon hat sich seit einem halben Jahrhundert bei Berufsfotografen einen hervorragenden Ruf erarbeitet. Anfangs mit Kopien der Zeiss Ikon Contax Meßsucher Kameras, dann, in den 1960er Jahren, mit der berühmten Nikon F. Diese Nikon F und ihre Nachfolger wurden für Jahrzehnte zu den Standard-Spiegelreflexkameras der Berufsfotografie – weltweit.
2) Als Folge dessen hat sich auch unter industriellen Verwendern das Nikon-F-Bajonett weit verbreitet als Basis für eine große Auswahl von Objektiven, die relativ preisgünstig und ab Lager kurzfristig überall auf der Welt verfügbar waren, da sie als Großserienprodukte hergestellt wurden. Carl Zeiss selber ist seit langem in mehreren Bereichen der Industrieoptik tätig und ergänzt jetzt mit den ZF-Objektiven sein Angebot für Industriekunden.
3) Drittens sind wir als Autofokus-Mittelformat-Objektiv-Lieferant mit dem schweizer Profikamera-Hersteller Sinar im Geschäft. Sinar hat seit Jahren ein Spiegelreflexmodul mit Nikon-F-Bajonett im Programm. Für diese Kamera können Berufsfotografen jetzt auch Carl Zeiss Objektive verwenden.
CLN: Auch Canon-Fotografen würden sich über Zeiss-Objektive freuen!
Müller: Das wissen wir sehr gut, denn Canon-Fotografen sagen und schreiben uns das täglich. Wir führen deshalb auch eine Baureihe ZS ein. Sie enthält die gleiche Optik wie ZF, ist aber mit Schraubgewinde M 42 ausgestattet. Nicht weil wir meinen, M-42-Kameras seien heute die großen Renner im Markt, sondern weil für praktisch alle Kamera-Bajonette M-42-Adapter verfügbar sind. Also kann man M-42-Objektive an fast alle Spiegelreflex-Kameras adaptieren, wenn man deren optische Eigenschaften haben will und auf Komfort-Funktionen wie Springblende usw. verzichten kann.
CLN: Die heute angekündigten beiden ZF-Objektive Planar 1,4/50 und Planar 1,4/85 hat es so ähnlich auch im Contax-RTS-Programm gegeben. Müssen wir uns die ZF- und ZS-Serien als eine Weiterführung von RTS mit F-Bajonett bzw. Schraubgewinde M 42 vorstellen?
Dr. Scherle: Das mag heute so aussehen, "morgen" aber schon nicht mehr. Tatsächlich beginnen wir ZF und ZS mit Objektiven, deren kreative Möglichkeiten unter Contax-Fotografen sehr geschätzt sind. Das Planar T* 1,4/50 wurde sogar als das beste lichtstarke Standardobjektiv für Spiegelreflexkameras Testsieger bei "Popular Photography" im Februar 1999. Solche Objektive wollen wir den Verwendern anderer Systeme zugänglich machen. Und zwar in weiterentwickelter, verbesserter Technik.
Aber schon die nächsten ZF-Objektive werden Typen sein, die es für Contax nie gegeben hat.
CLN: Wer wird die ZF-Objektive verwenden wollen, wer wird sie kaufen?
Müller: Vor allem Fotografen mit hohen Ansprüchen an die Bildqualität, die aber trotz dieser hohen Ansprüche nicht Mittelformat verwenden können oder wollen, sondern das Maximum aus Kleinbild herausholen müssen. Leute, die hochmoderne Top-Kameras wie die Nikon F 6 oder die neue D 200 benutzen. Beispielsweise Berufsfotografen bei anspruchsvollen Studio-Arbeiten oder Innenarchitekturen usw. Natürlich auch anspruchsvolle Amateure. Außerdem – wie vorhin schon angedeutet, Verwender von Industrieoptik. Und nicht zuletzt auch Filmkameraleute und Filmgeräte-Verleiher.
CLN: Und warum würden solche Kunden Zeiss ZF kaufen statt Nikon?
Müller: Aus zwei Gründen:
Einerseits, weil sie wissen, daß sie mit Carl Zeiss Objektiven allerhöchste Bildqualität bekommen, technisch und ästhetisch. Sie werden erkennen, daß die ZF Objektive Fokusringe mit sehr viel größeren Drehwinkeln haben, wie bei den Cine-Objektiven, die wir für Hollywood bauen. Damit läßt sich viel genauer scharfstellen als mit Objektiven, die für Reportagearbeiten optimiert sind. Außerdem haben die ZF Objektive eine völlig neu entwickelte Blendenbaugruppe, die nahezu perfekt kreisförmige Blendenöffenungen bietet, also nicht die sonst weitverbreiteten Sechsecke, Achtecke, Neunecke usw. Mit dieser Blende sehen Spitzlichter im Unschärfebereichen des Bildes sehr viel ästhetischer, sehr viel natürlicher aus als diese künstlich-technischen Vielecke. Hollywood's Filmer wissen das neuerdings zu schätzen. Japanische Fotografen schon lange. Und in Europa waren praktisch perfekt kreisrunde Blenden bis ca. 1960 der Normalfall.
Und andererseits würden sie Zeiss ZF kaufen, weil Nikon gerade bekanntgegeben hat, künftig keine manuell fokussierbaren Objektive mehr zu liefern.
CLN: Haben Sie bei Zeiss eigene fotografische Erfahrungen mit Nikon-Kameras?
Dr. Scherle: Wir haben praktisch alle wesentlichen Geräte des Fotomarktes hier bei uns verfügbar. Nikon Spiegelreflex-Kameras sind natürlich dabei!
CLN: Mit welchen Nikon-Kameras haben Sie persönlich fotografiert?
Müller: Mit der F3 habe ich schon vor 20 Jahren umfangreiche Erfahrungen gesammelt in der Bildproduktion für professionelle Dia-Audiovisionen, später auch mit der F4 und F5. Neuerdings fotografiere ich mit der F6, wie Sie sich denken können. Und die D200 ist auch schon bestellt.
CLN: Produziert Carl Zeiss die ZF Objektive in Deutschland?
Dr. Scherle: Wir erarbeiten die Spezifikationen für die Serienfertigung, Qualitätsvorgaben und machen auch die Prototypentests hier in unseren Labors und Prüfabteilungen im Zeiss-Werk Oberkochen. Die Serienproduktion findet bei Cosina in Japan statt. Direkt im Cosina-Werk sind Zeiss-Mitarbeiter für die Qualitätssicherung beschäftigt. Und sie verwenden dabei original Carl Zeiss Messgeräte aus Oberkochen.
CLN: Carl Zeiss hat bisher seine Objektive über Kamerahersteller vertrieben, also beispielsweise Hasselblad, Kyocera, Alpa, Rollei, Sinar. Wie wird Carl Zeiss ZF vertreiben? Doch sicher nicht über Nikon?
Dr. Scherle: Hier stehen wir vor einer grundlegenden Neuerung: ZF wird für Carl Zeiss zum Einstieg in einen eigenen Objektiv-Vertrieb werden. Diesen eignen Vertrieb bauen wir ab sofort auf.
CLN: Wann sind die ersten ZF Objektive lieferbar?
Dr. Scherle: Der Lieferbeginn ist für Frühsommer 2006 vorgesehen.
CLN: Und was werden sie kosten?
Müller: ZF Objektive sind Präzisions-Werkzeuge, aber keine Luxusartikel. Sie sollen also für anspruchsvolle Fotografen erschwinglich und wirtschaftlich zu rechtfertigen sein. Auch für Industrieanwendungen, beispielsweise in "Machine Vision", optische Maschinensteuerung, Muster-Erkennung, Produktionsprozeß-Steuerung, Roboter-Steuerung, Qualitätssicherung müssen die Preise eindeutig wirtschaftlich sein, denn dort braucht man ja selten ein einzelnes Objektiv, sondern kauft 50, 100 oder gar 1000 auf einmal.
Dr. Scherle: Genau deshalb übrigens fertigen wir bei Cosina in Nord-Japan. Denn so können wir das Preisniveau realisieren, das die Kunden der Nikon-Objektive weltweit kennen.
CLN: Kommen bis zur Photokina im September weitere ZF Objektive?
Dr. Scherle: Ja, eine ganze handvoll.
CLN: Welche?
Müller: Das wird rechtzeitig in Camera Lens News zu lesen sein. zurück
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