Die Einsamkeit und Geschichten ...

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Tagebucheintrag

Im Seitental des Onsernonetales waren wir heute. Schon lange wollten wir hin, haben es aber bisher nicht geschafft. Vergeletto heisst der Hauptort und auch das Tal. Hahrnadelkurven führen ins Tal, und plötzlich steht man vor einer Seilbahn, welche auf die Alp Salei führt. Dort stiegen wir aus und gingen dem Fluss entlang weiter ins Tal hinein.

Die roten Steine, welche wir schon zuhinterst im Onsernonetal sahen fanden sich auch hier zu Hauf. Die Farben des Herbstes, der sich aufhellende Himmel mit dem klaren Blau, machte aus dieser Gegend eine Märchenwelt.

Heimat. Claudia und ich sprechen oft über unsere zweite Heimat: die Nordtäler des Tessins. Lassen wir das Gefühl von Ferien und Freiheit auf der Seite, da bleibt noch etwas Spezielles, was wir gemeinsam nur hier empfinden. Und es ist schwierig zu umschreiben. Ein Gefühl von Sehnsucht, ein Gefühl von Liebe, von Zärtlichkeit, ein Gefühl von Würde, Respekt, Demut und Wohlsein. Ein Gefühl von Faszination, von Boden, Klarheit und Reinheit. Und dies, obwohl die Nordtäler des Tessins alles andere als das im wirklichen Leben sind.

Mir ist durchaus klar, dass meine Realität zuhause, wo ich wohne, auch hier spielt. Hier zu wohnen, der Arbeit nachgehen, jeden Tag dieselbe Gegend zu sehen, das ist Alltag. Ich verherrliche das nicht. Aber es macht mich neugierig. Es gibt Distanz zum eigenen Alltag und bringt doch den eigenen Alltag näher. Es wäre nicht mein Ding, fast jeden Tag eine Stunde zu mit Auto durch das Tal zu fahren. An den öffentlichen Bus könnte ich mich gewöhnen. An die Ruhe und an die Abgeschiedenheit auch. Aber was täte ich am Abend? In die Bar, die gleichen Themen wälzen und das tausend Mal.



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Tagebucheintrag

Es passiert nichts hier hinten. Kein Terror, selten eine Naturkatastrophe. Die Ziegen ziehen durch Weiden und Dörfer, für Touristen ein Highlight, für die Bewohner hier Alltag. Das sich Max Frisch und andere Intellektuelle hierhin zurück zogen, verstehe ich. Das man als Feinfühliger eine Hektik in seinem angestammten Leben nicht mehr aushält, ist nach vollziehbar. Das man als solcher Mensch einen Ort braucht, wo die Aussenreize marginal aber klar sind, um wieder Klarheit zu kriegen, das kann ich gut verstehen. Aber es bedeutet immer, dass man sich in eine andere Realität setzt. Das Leben in diesen Tälern hat mit „Schriftstellertum“ nichts zu tun. Es hat nichts zu tun mit Kunst und mit Ausbrechen. Die Realität der Hektik von Frisch ist nur das Gegenüber des Lebens in diesem Tal. Aufstehen, arbeiten, sich selbst und die Familie versorgen. Die zwanzig Jahre von Max Frisch in diesem Tal sind auch in diesem Zusammenhang zu sehen. Nur hatte Frisch die wirtschaftlichen Mittel auszubrechen. Die meisten Menschen hier konnten das gar nicht, auch wenn sie es gewollt hätten.

So geniale Werke, um Frisch als Beispiel zu nehmen, er schuf. Es bleibt hier in diesem Tal eine gewisse Diskrepanz ihm gegenüber. Und ich verstehe die. Ein Künstler ist keiner, welcher es sich leisten kann, Kunst zu machen. Ein Künstler ist wohl der, der nicht kann aber kreativ mit dem umgeht.

Es ist keine Kunst hier hinten schöne Fotos zu machen. Die Technik von heute muss niemand mehr verstehen um ein Like zu kriegen. Die Kameramarke spielt ohnehin keine Rolle. Ich kann mit der teuersten Kamera der Welt oder mit dem Handy ein schönes Foto hinkriegen.

Man stirbt hier nicht einsamer als anderswo. Der einzige Unterschied ist, dass man im Vergleich zu anderen Menschen ein anderes Leben geführt hat. Wenn ich den Sonnenuntergang zu Hause nicht schätze, dann habe ich ein Defizit jenem Menschen gegenüber, welche das gleiche Schauspiel an seinem Lebensort zu schätzen weiss. Dass der Sonnenuntergang im Onsernonetal für mich etwas Spezielles ist als jener zuhause, ist im Grundsatz kein Widerspruch.

Es stirbt sich wohl hier nicht anders an bei mir zu Hause. Man schliesst ab, wenn man kann. Die Menschen denken an ihr Leben das sie hier im Tal gelebt haben. Ich würde mit dem Leben abschliessen, welches ich in der Deutschschweiz geführt habe. Es entstehen noch Erinnerungen, ob Highlights wie mein Aufenthalt hier im Osernonetal noch eine Rolle spielen weiss ich nicht.



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Das Tal ist nicht lieblich auf den ersten Blick. Und es ist es dennoch. Irgendwie. Aber vielleicht hat das auch mit mir zu tun. Das ist meine Realität und hat wohl mit dem Tal nichts zu tun. Und auch nicht mit dem Leben der Menschen hier.

Aber vielleicht ist es das Spezielle dieses Tales. Die Verschiedenheit, die Tatsache, dass so viel Menschliches Platz hat hier, birgt Nähe. Und so ist das Tal weit fortgeschrittener als manche aufgeschlossene Gegend in der Deutschschweiz. Was als Aussergewöhnlich und Speziell bei uns betrachtet wird, ist hier schon seit Jahrhunderten Alltag: die Durchmischung von Denken, Kultur und Menschsein. Das eine gibt das andere. Der Zusammenschluss der Talgemeinden hat schon lange stattgefunden. Nicht ohne Zwist und Diskussionen. Wir im Norden debattieren, als sei es ein neues Thema. Ist es nicht. Wir haben einfach nicht denselben Druck und dasselbe Verständnis und auch nicht die dieselbe Vergangenheit wie die Menschen im Onsernonetal.

Es ist in keinerlei Hinsicht rechtschaffen, das Tal als aus einem nostalgischen Blickwinkel zu betrachten. Die vielen Kurven bis nach Spruga sind kein Indiz für eine Beurteilung. Sie sagen lediglich etwas über die Topographie aus. Mehr nicht. In vielerlei Hinsicht sind die Menschen uns hier voraus. Abgeschiedenheit bedeutet kein Rückstand. Und auch wenn vieles hier nicht aus Freiwilligkeit geschah, dann geschah es trotzdem. Nicht einfach im Alltag, aber man arrangierte sich damit. Und damit tun wir uns in meiner Region schwer.

Würde man die Ein- und Auswanderung der Menschen hier im Tal ins Verhältnis setzen zu dem was wir im Moment erleben, dann wäre das zahlenmässig kein Vergleich. Das historische Verständnis hingegen fehlt bei uns. Und wir haben vergessen, dass alles nicht vor langer Zeit stattfand. Der dunkelhäutige Buschauffeuer ist nur ein Symbol von Zusammenleben. Nicht, dass es reibungslos von statten ging. Aber Alltag ist es geworden. Und jeder hier weiss, dass die Schuldfrage nicht diskutierbar ist. Keiner Familie hier ist vorzuwerfen, dass sie Kinder an Menschenhändler in Italien verkauften. Keiner Familie ist vorzuwerfen, dass der Vater schmuggelte oder sich „verdingte“ an ausländische Herrschaften. So verwerflich das alles scheint, so eindeutige Gründe hatte es. Wenn an einem Leben die Zukunft von mehr als einem hängt, dann opfert man das eine. Menschlich? Die Kirche hat dabei mitgemacht. Vielleicht nicht weil sie wollte, aber weil der lange Arm vom Herrgott keine anderen Angebote machen konnte und sie schlicht keine Lösung zur Hand hatte, es anders zu machen.

Für die Unvollkommenheit des Menschen muss immer wieder der Herrgott hinhalten. So war es immer und so wird es vermutlich bleiben.



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Das Seitental des Onsernonetales, das Val Vergeletto haben wir heute besucht, nachdem wir gestern ein Stück weit in diesem Tal gewandert sind.
Vom Weiler Zott führt eine Gondel hinauf zur Alpe Salei. Zott liegt 975 Meter über Meer. Oben angekommen sind wir auf 1'760 Höhenmeter angekommen. Der Anstieg zum kleinen See (Lago Salei) liegt auf etwas über 2'000 Meter über Meer. Er führt steil, nicht sehr leicht von der eigentlichen Alp hinauf. Von dort aus kann man mehrstündige aber anspruchsvolle Wanderungen unternehmen. Dass das Gelände weder turnschuh- noch sandalentauglich ist, habe ich beim Runtergehen selbst erleben müssen. Zwar hatte ich gutes Schuhwerk, aber setzte einen Fuss auf einen Stein, welcher sich löste. So hingefallen bin ich schon Jahre nicht mehr. Ich schlug seitwärts auf meine D4 auf, die V2 hat es mir um den Kopf geschlagen. Ausser ein paar Prellungen und Schürfungen ist nichts passiert. Die D4 hat erwartungsgemäss den Sturz weggesteckt. Die V2 hat seit dem einen Monitorschaden, welcher sich aber nicht auf die Bilder auswirkt.

Auf der Alp haben wir dann eine Fleisch- und Käseplatte gegessen und ein Bier getrunken. Zum Nachtisch gab es wohl den besten Heidelbeerkuchen, welcher ich je gegessen habe.

Die Alpe Salei ist kein unbekanntes Ziel. Immer wieder kommen Gruppen hierhin und übernachten in der Hütte um von dort aus einige anspruchsvolle Wanderungen zu unternehmen. Alpwirtschaft war ein zentrales Einkommen der Tessiner Täler. Oft war es aber nicht nur eine Alp, auf welcher die Bauern ihr Vieh trieben. Im Valle Vercasca gab es eine wahre Alptour, welche schon kurz nach der Schneeschmelze Ende April, anfangs Mai begann. Die unterschiedliche Höhe der Alpen machte es den Bauern möglich, bei einer tiefer gelegenen Alp zu beginnen, um dann immer höher zu gehen, bis man am Schluss auf der höchsten Alp war. Das „Alpenhoping“ hatte noch ein ganz einen ganz anderen Grund, welcher entscheidet darüber war, ob man im Sommer genügend Vorräte generieren konnte. Die Grünflächen, respektive das Futter der kleinen Alpen reichte nie für eine Saison. So mussten die Weideflächen der jeweiligen Alp gewechselt werden, um dem Vieh genügend Weidefläche und somit Nahrung zu bieten. Genügend Nahrung wieder entschied über die Milch- und Fleischproduktion, welche wieder entscheidend für den winterlichen Vorrat war.

Überproduktion fand oft nicht statt. Das wenige an Käse und weiteren tierischen Produkten reichte oft nur gerade für die eigene Familie. Die Väter, wie schon beschrieben, waren oft im Ausland um zusätzlich Geld zu verdienen.

Susanna haben wir heute Abend zum Nachtessen eingeladen. Immer noch voller Eindrücke von der Alpe Salei fand sich unsere herzensgute Freundin nach getaner Arbeit bei uns ein. Sie wohnt in Locarno und hat den Weg ins Onsernonetal nach Feierabend auf sich genommen um uns zu besuchen.

Susanne weiss – nicht nur aufgrund ihrer Tätigkeit – sehr viele Details über das Tessin. Viele Fragen welche wir haben, klären sich mit ihrem immensen wissen. Und jene, welche am Treffen im Tessin mit mir zusammen waren, mögen sich an ihre Kochkünste und den wunderschönen Schlussabend mir ihr erinnern.

Die Geschichte rund um das Bad in Italien lässt mich nicht in Ruhe. Das alte Gebäude, welches auf schweizer Boden steht und keine zehn Minuten Fussmarsch entfernt ist vom Bad, konnte ich nicht zuordnen. Ein Lexikon brauche ich nicht. Susanna ist mein Lexikon.



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So, zum Schluss folgen noch ein paar Detailaufnahmen und noch eins oder zwei Bilder vom Dorf ..

Ganz am Schluss verweise ich noch auf ein paar Tips oder vielmehr Erfahrungen welche im Tessin gemacht habe ..


Tagebucheintrag

Vor dem Bad, am Hang steht ein Gebäude welches ursprünglich eine Art Kaserne, oder ein Aussenposten der Schweizer Armee war. Nachher wurde es umgebaut und als Restaurant und Herberge betrieben. Und während des zweiten Weltkrieges war es „Auffangbecken“ für Flüchtlinge. Und auch wenn die Schweiz klein ist: keine Hauptstadt (Bellinzona) hat sich um Spruga gekümmert. Während des Krieges haben fanden in diesem Gebäude Juden und Partisanen Unterschlupf ohne von den offiziellen Behörden entdeckt zu werden.
Nun verkommt das Gebäude. Ich getraue mich nicht alleine in dieses Gebäude. Nicht weil ich den Mut dazu nicht habe. Aber ich brauche jemand, der mit mir die Eindrücke teilt. Und jemand der fähig ist, das Erlebte in die Realität umzusetzen. Ich freue mich, wenn Claudia dabei ist und Ena und Joyce.

Claudia und ich sind nicht das erste Mal bei diesem Bad. Aber bei uns stellt sich jedes Mal ein beklemmendes Gefühl ein. Und wir wussten nicht, was mit diesem Gefühl anzufangen. Und nun kommen wir unseren Gefühl auf die Spur. Und wenn wir morgen wiederum an diesen Ort gehen, dann wissen wir, was auf uns zukommt.

Unsere Begegnung am ersten Tag mit den Feuersalamandern gewinnt an Bedeutung und Einsicht. Und mir wird heute Abend klar, dass wir an diesem kleinen Ort Seelen begegnen. Das berührt. Die Geschichte berührt, aber auch die Tatsache, dass wir auf das reagieren und nicht locker lassen, bis wir die Informationen dazu haben.

Man kann in diese Tessinertäler kommen als Tourist, ohne Frage. Man kommt hinaus und hat viele Fragen. Man kann überall hingehen ohne sich Fragen zu stellen. Aber erst die Fragen machen den Ort wo ich hingehe besuchenswert.

Die Quittung der Konsumation vom Gastwirt auf der Alpe Salei ist besonders. Seine Schrift ist spannend, die Bedienung eigen. Wunderbar denke ich. Einen Stern von offizieller Seite würde er nicht gewinnen, einen Stern hat er von mir. Und seine Partnerin dazu. Zwei Sterne verteilt ins Nirgendwo.

Das „Gloria“ von Vivaldi passt heute. Die Aufnahme vom englischen Chor und Ensemble, nur Frauen, welche in der Chiesa, wo Vivaldi über Jahrzehnte die musikalischen Geschicke leitete, das Gloria aufführten.

Irgendwann haben sich Menschen hier angesiedelt. Sie fanden mit allen widrigen Bedingungen eine Heimat. Sie steckten den Kindstod weg, sie steckten Naturgewalten weg, sie arrangierten sich mit dem was sie hatten. Männer gingen ins Ausland um Geld zu verdienen, die Frauen waren im Ausland nicht gefragt. Also übernahmen sie die Verantwortung für Haus und Hof. Jeder und jede trug das, was er und sie zu tragen hatte. Mehr nicht, aber auch nicht weniger.

Vivaldi schrieb viele Konzerte für seine ihm anvertrauten Waisenkinder. Und weil er als ehemaliger Priester und bewunderter Komponist hoch angesehen war, konnte er sich viel leisten. Leisten konnten sich hier im Onsernonetal wenige. Und doch schweisste es die Menschen irgendwie zusammen. Die einen murrten, die andern nicht. Und irgendwie ist es gut so. Bis heute.



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Susanna kennt den dunkelhäutigen Buschauffeur gut. Sie lächelte, als ich die Geschichte erzählte. Ja, das Onsernonetal. Man muss ich das Tal mit seinen Menschen erkämpfen und erobern. So schnell gibt es seine Geschichte nicht preis. Und wer seinen Fragen, welche sich während des Aufenthaltes gestellt haben nicht nachgeht, wird wohl das letzte Mal hier sein.

Das Tal verändert sich nicht. Die Menschen schon.

Heute wollten wir in den Bad, kurz nach Spruga baden gehen. Das Wasser soll gesund sein, und wir nahmen die Badekleider mit. Wir verschoben das gesunde Bad auf später und wanderten weiter. Immer weiter ins Tal hinein, auf italienischem Boden.
Es gab Momente in dem ich mich fragte, wo ist denn da der Zöllnern. Ich hatte meine Geldbörse dabei, die ID auch. Nichts da. Weit und breit sahen wir niemanden. Wir gingen den Weg und immer weiter. Kurve um Kurve. Schatten hat sich mit Sonne abgewechselt und wir gingen.

Bei diesem Kruzifix haben wir Halt gemacht und unser Morgenessen eingenommen. Eine gesegnete Mahlzeit. Ich ehre immer solche Orte. Nicht aus nostalgischen Gründen, sondern aus Gründen, dass hier irgendwann irgendetwas passiert ist. Irgend einen Grund hatte es, dass ausgerechnet hier diese Gedenkstätte gebaut wurde.

Die Farben waren einmal mehr fantastisch. Die roten Steine am Fluss, die goldgelblichen Blätter der Bäume. Das Rauschen des Flusses, die unglaubliche Stille. Wir sind über Steine gegangen, unter Bäumen hindurch, durch moosbewachsene Wälder. Wir stiessen auf Gebäude, welche seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt wurden, trafen im Nirgendwo so viele Esel wie wir noch nie zuvor gesehen haben.

Die Einsamkeit macht bescheiden. Das grosse Rufen in dieser Welt verhallt ohne Inhalt. Das Laute verhallt hier, wird ohne Groll der Ruhe übergeben, verblasst und verpufft als ob es nie ausgesprochen oder gedacht wurde. Hier zählen andere Werte. Der Fluss trägt das mit, was sich ihm nicht widersetzen kann. Die Bäume zaubern ihr farbiges Kleid in die Landschaft. Die Steine sind oft mit Blättern bedeckt.

Wer hier hingeht wird bestraft, wenn er nicht bei sich selbst ist. Man achtet die Schritte schon nur, dass man nicht hinfällt. Man achtet das, was hier über Jahrtausende stattgefunden hat. Die alte Buche, die alte Kastanie erscheinen wie Monumente. Man steht vor verlassenen Stallungen mit Respekt. Das Rauschen des Flusses ist Musik, die Stille eine Sinfonie.

Wir gingen das Tal, wo sich über Jahre hinweg italienische Partisanen vor den italienischen Faschisten versteckt hielten. Noch früher waren diese Wege Schmuggler und Pilgerwege. Schmuggler und Pilger, so habe ich gedacht, nehmen denselben Weg. Und so weit auseinander liegen wohl die Tätigkeiten nicht. Der Pilger wie der Schmuggler erfüllt seine Mission. Ob ich Glaube oder Ware transportiere ist am Ende egal. Etwas ketzerisch, aber in dieser Gegend haben diese Gedanken Platz. Und sollten sie unrichtig sein, dann trägt sie der Fluss talabwärts, in den Lago di Maggiore. Und dann weiter durch Italien ins Mittelmeer. Und das Mittelmeer ist weit weg.




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Hier weint man, man lacht und kein Gedanke hat seine Richtigkeit. Absolut ist hier ohnehin nichts. Hier prallt die menschliche Unzulänglichkeit auf andere Gesetzmässigkeiten. Hier wird alles aufgenommen und das ohne Wertung hingenommen. Nur eines zählt. Die Schritte welche man macht. Das man nicht fällt. Ena und Joyce. Mehr nicht. Und alles Weitere ist müssig, ist unwichtig und hinfällig und ohne Bedeutung.

Auf dem Weg zurück sahen wir statt Feuersalamander am Boden Glückskäfer an den Felsen. So viele hatten wir noch nie gesehen zur gleichen Zeit. Zwischendurch landete einer auf unserer Kleidung. Was sie genau an den Feldwänden suchten, hat sich uns nicht erschlossen.

Am ersten Tag machten wir mit unzähligen Feuersalamandern Begegnung. Und nun zum Abschluss unserer Ferien mit Glückskäfern. Wahnsinn.

Es ist immer unpassend und gefährlich Dinge zu vergleichen oder zu vermischen. Es ist nicht so, dass das was ich hier empfinde richtig ist. Es ist nicht so, dass ich mit mir und meinen Eindrücken den Menschen hier gerecht werde. Es ist, wie ich es auch pflege, mit Vorsicht zu geniessen.

Ich stehe Frisch’s Aufenthalt hier in Berzona genau so kritisch wie mit Achtung gegenüber. Es ist legitim sich abzusetzen, sich an einen Ort zu begeben, sich vollkommen zu fühlen und dafür geehrt zu werden. Das ist mein Ding nicht. Respekt vor dem Gegenüber beginnt dort, wo man sein eigenes Dasein nicht als Nabel empfindet. Respekt und respektvoll zu sein ist eine der grössten Herausforderungen überhaupt.

Wenn ich durch diese Täler gehe und darüber schreibe, dann tue ich das mit dem grössten Respekt. Mit der grössten Aufrichtigkeit jenen Menschen gegenüber, welche hier ihr Leben verbracht haben und verbringen. Es steht mir nicht zu, sie zu beurteilen. Es steht mir nicht zu, ein Urteil darüber zu fällen. Und es steht mir nicht zu, über ihre Geschichte herzufallen.

Nikolaus Harnocourt, der verstobene Dirigent hat sich in den letzten Jahren seines Lebens mit der 4. Und 5. Sinfonie von Beethoven befasst. Er hat sie schon vor langer Zeit eingespielt und in einem Interview hat er sich darüber geäussert, warum er sich diesen Sinfonien noch einmal gewidmet hat. Er meinte, dass er sie beim ersten Mal nicht verstanden hätte. Und sich beim genauen hingucken ihm eine komplett neue Welt eröffnet hätte.

Seit mehr als zwanzig Jahren begehe ich die Nordtäler im Tessin. Und oft sind es die gleichen Wege die wir gehen. Und oft auch neue. Und es ist immer das gleiche Gefühl. Etwas klingt an, ich stosse auf immer neue Geschichten und irgendwie, irgendwie treffen sie mich. Mich selbst, mein Leben.

Worte sind eine Möglichkeit dies alles auszudrücken, Bilder eine anderer. Jedes Motiv erscheint mir wohlbekannt und doch neu. Und das alles hat mit dieser Gegend eigentlich nichts zu tun, nur mit mir selbst.

Fotografie, unabhängig jeder Kamera, jedes Kameraherstellers, hat ausschliesslich mit dem Menschen hinter der Kamera zu tun. Egal was ich fotografiere, egal wo ich fotografiere.

Mit dieser Erkenntnis könnte ich aufhören zu fotografieren. Es ist so betrachtet eine sinnfreie Beschäftigung. Und vielleicht passen deshalb Beethovens Sinfonien und Klavierkonzerte so gut hier hin. Und zum Schluss Mozart’s „Cosi fan tutte“.




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Grundsätzlich sind die Täler kein Problem zum Wandern. Das Onsernonetal gehört aber zu den steilsten Tälern und vor allem am dichtesten bewaldet.

Schuhwerk: keine Turnschuhe, wirklich nur Wanderschuhe sind hier dringend empfohlen

Die Dorfkatze an der Bushaltestelle...:)


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Autofahren:

Das Tal ist nicht zu unterschätzen und ich empfehle bei kurzen Aufenthalten nur ein Tal zu besuchen. Man braucht hier viel Benzin und es ist wirklich schwierig zu fahren.
Fährt man am Morgen früh ins Tal, dann kommen einem die Autos entgegen, welche zur Arbeit fahren. Und am Abend ist es umgekehrt ...

Eine Empfehlung von Susanna: nicht mit halber Tankfüllung in ein Tal hinein. Gilt insbesondere für das Onsernonetal...:)


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