Für alle, die ein paar aktuelle Zahlen zur Hospitalisierung in Deutschland suchen:
Eine Beobachtungsstudie zu 10.021 COVID-19-Patienten, die in insgesamt 920 deutsche Krankenhäuser eingewiesen wurden, wurde am 28.07. im Lancet veröffentlicht. Das ist wohl die erste Auswertung aus einem Land, dessen Gesundheitssystem nicht überfordert wurde. Betrachtet wurden die Daten von Patienten, die mit COVID-19 ins Krankenhaus eingewiesen wurden und deren Krankheits- bzw. Genesungsprozess bis Entlassung aus dem Krankenhaus oder Tod vollständig dokumentiert war. Insbesondere unterschieden wurde nach Patienten, die beatmet wurden und solchen, die keine Beatmung erhielten.
Frühe Berichte aus China sagten ja, wir erinnern uns (die Zahlen geistern heute noch als "Richtwert" durch die Köpfe), leichte Symptome bei ca. 80% der Infizierten und Hospitalisierung bei ca. 20%, von diesen wurden wiederum ca. 25% auf der Intensivstation behandelt. Die Zahlen in anderen Ländern differieren, wohl auch je nach Belastung des Gesundheitssystems.
Ich habe die Zusammenfassung der Ergebnisse der deutschen Studie übersetzt. Sie sind zunächst mal nicht überraschend, sondern belegen nur, was grundsätzlich bereits bekannt war. Trotzdem einmal vollständig aufgeführt:
"Von 10 021 hospitalisierten Patienten, die in 920 verschiedenen Krankenhäusern behandelt wurden, erhielten 1727 (17%) eine mechanische Beatmung (davon 422 [24%] im Alter von 18-59 Jahren, 382 [22%] im Alter von 60-69 Jahren, 535 [31%] im Alter von 70-79 Jahren und 388 [23%] im Alter von ≥80 Jahren). Der Altersmedian lag bei 72 Jahren (IQR 57-82). Männer und Frauen waren in der nicht beatmeten Gruppe gleich stark vertreten, während in der beatmeten Gruppe doppelt so viele Männer wie Frauen vertreten waren. Die Wahrscheinlichkeit, beatmet zu werden, betrug 12% für Frauen (580 von 4822) und 22% für Männer (1147 von 5199). Die häufigsten Komorbiditäten waren Bluthochdruck (5575 [56%] von 10 021), Diabetes (2791 [28%]), Herzrhythmusstörungen (2699 [27%]), Niereninsuffizienz (2287 [23%]), Herzinsuffizienz (1963 [20%]) und chronische Lungenerkrankungen (1358 [14%]). Eine Dialyse war bei 599 (6%) aller Patienten und bei 469 (27%) von 1727 beatmeten Patienten erforderlich. Der Charlson-Komorbiditätsindex lag bei 3237 (39%) von 8294 Patienten ohne Beatmung bei 0, aber nur bei 374 (22%) von 1727 beatmeten Patienten. Die mittlere Beatmungsdauer betrug 13-5 Tage (SD 12-1). Die Mortalität im Krankenhaus betrug insgesamt 22% (2229 von 10 021), wobei es große Unterschiede zwischen Patienten ohne Beatmung (1323 [16%] von 8294) und mit Beatmung (906 [53%] von 1727; 65 [45%] von 145 nur für nicht-invasive Beatmung, 70 [50%] von 141 für nicht-invasives Beatmungsversagen und 696 [53%] von 1318 für invasive Beatmung) gab. Die Sterblichkeit im Krankenhaus bei beatmeten Patienten, die eine Dialyse benötigen, betrug 73% (342 von 469). Die stationäre Sterblichkeit bei Patienten mit Beatmung nach Alter reichte von 28% (117 von 422) bei Patienten im Alter von 18-59 Jahren bis zu 72% (280 von 388) bei Patienten im Alter von 80 Jahren oder älter."
Beachtenswert finde ich dann aber in der Diskussion der Studie zwei Aussagen, zum einen diese:
"Unsere Daten deuten darauf hin, dass die Hälfte aller Todesfälle bei beatmeten Patienten in den ersten 12 Tagen nach der Krankenhausaufnahme auftraten. Darüber hinaus wiesen Patienten, die sowohl eine Beatmung als auch eine Dialyse benötigten, mit 73% die höchste Sterblichkeit im Krankenhaus auf, möglicherweise aufgrund von Multiorganversagen oder Nierentropismus des Virus."
... und dann den Vergleich mit den Daten anderer europäischer Länder:
"Im Allgemeinen zeigen unsere Daten die hohe Morbidität und Mortalität bei älteren Patienten, wobei die Mortalität bei Patienten, die jünger als 60 Jahre sind, deutlich geringer ist. Insbesondere ist die Mortalität bei Patienten über 70 Jahre sehr hoch und erreicht 72% bei Patienten über 80 Jahre mit Beatmung, was mit den Daten aus dem Vereinigten Königreich und von Patienten, die sich einer Operation unterziehen, übereinstimmt. Bemerkenswert ist, dass die Mortalität auch bei Patienten über 80 Jahre ohne mechanische Beatmung 34% erreichte. Diese Ergebnisse liefern neue Informationen, die für die Patientenzuweisung während der Pandemie von Bedeutung sind, insbesondere in Zeiten hoher Nachfrage auf der Intensivstation. Länder wie Italien, das Vereinigte Königreich und Frankreich, die während der ersten Pandemiewelle begrenzte Bettenressourcen auf der Intensivstation, hohe Infektionsraten und besonders hohe COVID-19-bedingte Todesfälle aufwiesen, nahmen während der ersten Welle der Pandemie weniger ältere Patienten zur pflegeintensiven ("high care") Behandlung auf der Intensivstation, einschließlich invasiver mechanischer Beatmung, auf. In England, Wales und Nordirland waren nur 20.3% der Patienten mit COVID-19, die auf Intensivstationen behandelt wurden, älter als 70 Jahre (und nur 2-6% waren älter als 80 Jahre), verglichen mit 54% (und 23%) in unserer Patientenpopulation. Daten aus dem deutschen ICU-Register zeigen, dass während des gesamten Studienzeitraums ausreichende ICU-Kapazitäten vorhanden waren, was eine wichtige Erklärung für die große Zahl älterer Patienten sein könnte, die in Deutschland mechanisch beatmet werden."
Übersetzungen alle von mir, der Originaltext ist natürlich auf englisch.
Quelle:
Prof Christian Karagiannidis, MD, Carina Mostert, MA, Corinna Hentschker, PhD, Thomas Voshaar, MD, Jürgen Malzahn, MD, Gerhard Schillinger, MD et al.: Case characteristics, resource use, and outcomes of 10 021 patients with COVID-19 admitted to 920 German hospitals: an observational study
Lancet Respir Med 2020, Published:July 28, 2020 DOI:
https://doi.org/10.1016/S2213-2600(20)30316-7