Im Interview: Fotograf und Buchautor Torsten Andreas Hoffmann

"Fotografieren ist für mich eine innere Notwendigkeit"

Im Interview: Fotograf und Buchautor Torsten Andreas Hoffmann

Gemeinsam mit unserem Partner dpunkt.verlag führen wir unsere Serie mit Autoreninterviews weiter. Diesmal haben wir Torsten Andreas Hoffmann befragt, der nicht nur für seine außergewöhnlichen Fotolehrbücher bekannt ist, sondern sich auch über seine Bildgestaltungsserien in bekannten Fotozeitschriften und als Leiter von Fotoworkshops einen Namen gemacht hat.

So heißen denn auch die Überschriften unserer Rezensionen „Gehört zu den besten drei Büchern zum Thema Fotografie des Jahres 2016“ (Der abstrakte Blick) und „Für jeden Foto-Enthusiasten ein Gewinn“ (Fotografie als Meditation, 2. Auflage).

Und das wollten wir wissen:

Herr Hoffmann, warum fotografieren Sie – und seit wann?

Ich habe schon in meiner Jugend begonnen zu fotografieren. Damals war es für mich ein magischer Schlüsselmoment, als ich das erste Mal mit 13 Jahren in einer analogen Dunkelkammer sah, wie sich aus dem Nichts wie ein Wunder ein Schwarzweißbild entwickelte. Die Fotografie ist für mich eine großartige Form des Selbstausdrucks, Ausdruck meiner Gefühle und Gedanken über die Welt.

Im Interview: Fotograf und Buchautor Torsten Andreas Hoffmann
© Torsten Andreas Hoffmann
Gibt es Berührungspunkte zwischen der Fotografie und anderen Interessen?

Ich habe einmal Kunst und Malerei studiert. Von der Malerei zu leben, habe ich mich nicht getraut, aber eigentlich ist meine Fotografie auch Malerei mit der Kamera. So gibt es einen großen Berührungspunkt zwischen meiner Fotografie und meiner Liebe zur Kunst.

Was war Ihr beeindruckendstes oder berührendstes Erlebnis in der Fotografie?
Im Interview: Fotograf und Buchautor Torsten Andreas Hoffmann
© Torsten Andreas Hoffmann

In den letzten Jahren habe ich mich auch dem Thema Armut gewidmet. Es hat mich in den Slums von Mumbai immer wieder sehr stark berührt, wie bescheiden die Menschen dort leben und wie wenig Unzufriedenheit trotzdem aus den Gesichtern der meisten Menschen abzulesen ist. Ich habe sogar erlebt, dass die Slumbewohner mich zu einer Cola einluden, so etwas berührt mich zutiefst.

Und was Ihr lustigstes?

Nachdem ich im indischen Santiniketan im Auftrag des Schriftstellers Martin Kämpchen ein bengalisches Familienritual fotografierte, wurde ich danach von der Familie zum Essen eingeladen. Das sah so aus: in einer kleinen Hütte saßen mir ca. 30 Personen gegenüber, die alle nicht aßen, dafür aber tuschelten. Alle Blicke waren auf mich gerichtet. Ich war der einzige, der zu essen hatte, und das mit den Fingern, auch das Joghurt. Wenn ich mich nicht so geschickt anstellte, tuschelten wieder alle, und sagten zu mir freundlich lächelnd: „No problem, Sir“. Was mir bei diesem Essensstress völlig entging: direkt gegenüber von mir saß eine sehr schöne Frau. Erst im Nachhinein wurde mir bewusst, dass mich die Großfamilie wohl mit dieser jungen Frau verkuppeln wollte. Ob ich da etwas verpasst habe, werde ich wohl nie mehr feststellen.

Warum wollten Sie „Fotografie als Meditation“ schreiben? Gibt es davon nicht schon genug?
Im Interview: Fotograf und Buchautor Torsten Andreas Hoffmann
© Torsten Andreas Hoffmann

Nein, zum Thema Fotografie und Meditation gibt es nicht genug Bücher, da hat mein Buch fast ein Alleinstellungsmerkmal. Die Zen-Philosophie hat mich schon vor 30 Jahren beeindruckt, vor allem weil sie so undogmatisch ist, einen in kein Korsett hineinzwingt. Fotografie hat wirklich viel mit Meditation gemeinsam. Da die meisten Menschen gewiss noch nie über diesen Zusammenhang reflektiert haben, war es mir ein Anliegen, meine LeserInnen darauf aufmerksam zu machen. Und dies, ohne in seichte Esoterik abzugleiten.

Was liegt Ihnen mehr: fotografieren oder schreiben?

Ich denke, beides ergänzt sich sehr gut: Wenn ich fotografiere, benutze ich mehr die intuitive, emotionale Seite, wenn ich schreibe, so arbeite ich stärker mit der rationalen, logischen Seite. Das Fotografieren und Betrachten von Bildern ist für mich noch emotionaler. Worin ich besser bin, müssen andere beurteilen, ich vermute doch im Fotografieren.

Was motiviert Sie im Leben? Und was können Sie überhaupt nicht ausstehen?

Es motiviert mich sehr, dass ich immer wieder die Chance bekomme, meine Gedanken und Gefühle weiterzugeben, sei es in Büchern oder in Ausstellungen wie jetzt auf der Architekturbiennale in Venedig, wo meine Serie „Architektur der Armut“ einem wirklich breiten Publikum zugänglich ist. Gerade in diesen Bildern (einige davon sind auch in meinem Buch) steckt mein tiefstes Herzblut. Das Fotografieren ist für mich eine innere Notwendigkeit und wird es bis an mein Lebensende bleiben.

Was ich wirklich nicht ausstehen kann, ist die zunehmende Unbescheidenheit und Großkotzigkeit in unserer Gesellschaft oder das Jammern auf höchstem Niveau. Da empfehle ich wirklich jedem, einmal eine Reise z.B. nach Indien anzutreten und zu verstehen, dass sich gute menschliche Beziehungen über etwas anderes als Status und Protzerei herstellen lassen.

Was ist für Sie ein richtig gutes Foto?
Im Interview: Fotograf und Buchautor Torsten Andreas Hoffmann
© Torsten Andreas Hoffmann

Ein richtig gutes Foto ist eines, das mich wirklich anrührt, das ich nicht so schnell wieder vergesse. Und das ist wirklich sehr schwierig, denn wir leben in einer ungeheuren Flut von hervorragenden Fotografien. Natürlich sollte es auch gut komponiert sein, Form und Farbe sollten stimmen, nichts Überflüssiges auf dem Bild sein.

Haben Sie ein Lieblingsfoto?

Ich habe viele Lieblingsfotos: die Fotos von Saul Leiter, besonders die Winterfotos in New York liebe ich sehr: unglaublich gute Kompositionen und starke Stimmungen, besser kann man New York nicht rüberbringen. Oder die Menschenfotos von Bill Brandt haben mich stark berührt, aber auch die Bilder von Salgado sind einfach fantastisch ausdrucksstark. Auch wenn sie viel unemotionaler sind, mag ich einige Fotos von Andreas Gursky.

Was würden Sie einem Einsteiger in Ihr fotografisches Spezialgebiet raten?

Das Wichtigste ist, den Glauben an die Wunderkraft der Technik zu verlieren. Nicht die Technik ist vorrangig für ein gutes Bild verantwortlich, sondern wir als Menschen mit unserer Seele. Ich würde ihm raten, alle Vorstellungen von dem, was gute Fotografie sein soll, einmal zu vergessen und dahinzugehen, wo es ihn wirklich hinzieht und dabei ehrlich zu sich zu sein. Er sollte versuchen, das auszudrücken, bei dem er starke Emotionen empfindet, sowohl positive als auch negative. Und zu versuchen, diese Emotionen in Bilder zu übersetzen, denn Bilder sind vor allem eines: emotional.

Im Interview: Fotograf und Buchautor Torsten Andreas Hoffmann
© Torsten Andreas Hoffmann
Was haben wir vergessen, Sie zu fragen?

Natürlich könnte ich viel mehr über mich und meine Arbeit sagen, aber ich finde Ihre Fragen prima, vielen Dank.

Apropos: Das Buch

Torsten Andreas Hoffmann. Fotografie als Meditation. Eine Reise zur Quelle der Kreativität erschien am 13. November 2017 im dpunkt.verlag. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage, 296 Seiten, komplett in Farbe, Festeinband, 20,4 x 2,5 x 25,4 cm. Auch als E-Book erhältlich.
ISBN: 978-3-86490-512-4
Preis: 36,90 Euro (Buch) | 29,99 Euro (E-Book)

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Über Anja Hoenen 1055 Artikel
Anja betreut das Netzwerk Fotografie redaktionell und als Leiterin der Marketing- und Presseabteilung.