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Nach den sehr persönlichen Arbeiten von Akosua Viktoria Adu-Sanyah und Abdulhamid Kircher im PHOXXI führt uns die Triennale nun ins Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg. Auch Sara Sallam beschäftigt sich mit Erinnerung, Spuren der Vergangenheit und dem Umgang mit historischen Brüchen. Ihr Blick richtet sich jedoch weniger auf familiäre Geschichten als auf Archive, Museumsobjekte und die Frage, wie Fotografie bis heute unsere Vorstellung von Geschichte prägt.


Sara Sallam trägt eine aus historischen Textilfragmenten rekonstruierte Tunika und blickt vor dunklem Hintergrund direkt in die Kamera.
Bild: Sara Sallam trägt eine aus fotografierten Textilfragmenten rekonstruierte Tunika aus ihrer Werkserie „Suturing Wounds“. Courtesy of the Artist.

Im Rahmen der 9. Triennale der Photographie Hamburg 2026 stellt das MK&G mit „Sara Sallam – Fürsorge. Fotografie neu ordnen“ die erste institutionelle Einzelausstellung der multidisziplinären ägyptischen Künstlerin (*1991) in Deutschland vor. Und nach dem Sichten der Pressematerialien und ein wenig Recherche zur Künstlerin bin ich mir ziemlich sicher:

Sallam wird es ihren Besucher:innen nicht leicht machen. Wer hier eine klassische Fotoausstellung mit sauber gerahmten Abzügen an weißen Wänden erwartet, wird vermutlich enttäuscht sein. Warum? Weil hier die Fotografie weniger Endprodukt als Ausgangspunkt ist.

Arbeiten mit den Phantomschmerzen des Archivs​

Ausgangspunkt von Sallams forschungsbasierter Praxis ist die hauseigene Sammlung des MK&G. Sie ergründet historische Reisefotografien aus Ägypten vom Ende des 19. Jahrhunderts, archäologische Artefakte und koptische Textilfragmente. Dabei stößt sie immer wieder auf Fotografien, die nicht nur dokumentieren, sondern Besitzansprüche sichtbar machen . Eine Archivaufnahme z.B. zeigt britische Soldaten, die besitzergreifend auf dem Sockel der Sphinx posieren. Fotografie war hier nie neutrales Abbild, sondern ein machtvolles Instrument zur visuellen Aneignung und Unterwerfung.

Sallam interessiert sich dabei weniger für eine historische Korrektur als für die Frage, wie solche Bilder bis heute nachwirken. Ihre Arbeiten überschreiben die Archive nicht. Sie zeigen, wie anders wir heute auf dieselben Bilder blicken können und stellen klar, dass Geschichte nie abgeschlossen ist. In ihrer Collage-Serie „Piercing the Architectural Frame“ bricht sie die starre Architektur und die vermeintlich objektive Dokumentation kolonialer Fotoarchive auf, indem sie sie mit den unruhigen visuellen Schichten der ägyptischen Revolution von 1919 überlagert.

Digitale Fotocollage von Sara Sallam mit historischen Architekturaufnahmen aus Kairo und Bildfragmenten der ägyptischen Revolution von 1919 aus der Serie „Piercing the Architectural Frame“
Bild: Sara Sallam, Piercing the Architectural Frame, 2024–heute. Historische Architekturaufnahmen und Bildfragmente der ägyptischen Revolution von 1919 verschmelzen zu einer vielschichtigen Auseinandersetzung mit Erinnerung und kolonialen Bildarchiven. Courtesy of the Artist.

Wenn Papier zur Haut und Nadel zum Skalpell wird​

Was mich an dieser Ausstellung nachhaltig beschäftigt und stellenweise auch irritiert, ist der ungewöhnliche Umgang mit Materialien. Sallam nutzt die Fotografie nicht, um zu dokumentieren, sondern um eine physische Beziehung zu dem aufzubauen, was in der Geschichte gewaltsam zerbrochen wurde. Das wird besonders in ihrer Arbeit „The Fourth Pyramid Belongs to Her“ greifbar – einer digitalen Fotocollage, die nicht auf Papier, sondern direkt auf schweren Stoff gedruckt ist.

Historische Ägyptenaufnahme als großformatige Fotocollage auf Stoff aus der Werkserie „The Fourth Pyramid Belongs to Her“.
Bild: The Fourth Pyramid Belongs to Her (2017). Digitale Fotocollage auf Stoff. Für Sallam wird das Bild hier selbst zum materiellen Objekt. Courtesy of the Artist.

In ihrem zentralen Werk „Suturing Wounds“ (Wunden nähen) geht sie noch einen Schritt weiter: Sie fotografiert koptische Textilien aus der Museumssammlung (wie einen sternförmigen Einsatz aus dem 4. Jahrhundert), druckt diese als textile Faksimiles aus und näht daraus in akribischer Handarbeit eine Tunika. Im anschließenden Selbstporträt trägt sie dieses Gewand wie eine zweite Haut.

Hier wird für mich das zentrale Konzept der Ausstellung greifbar. Das Heilen, Pflegen oder schlicht „sich kümmern“ („Fürsorge“) wird hier zu einer handfesten, physischen Praxis. Das Durchstechen des Materials mit der Nadel, das Zusammenfügen von Fragmenten – das ist kein steriles Kuratieren, sondern der ganz praktische, kunsthandwerkliche Versuch, den stummen, Museumsobjekten wieder eine Beziehung zur Gegenwart zu ermöglichen.

Fazit​

„Fürsorge“ im musealen Kontext bedeutet bei Sara Sallam, die Komfortzone des reinen Betrachtens zu verlassen. Die Schau entzieht sich einer schnellen, oberflächlichen Lesbarkeit. Sie fordert Geduld und die Bereitschaft, das Unbehagen über die koloniale Fotogeschichte, die auch Teil unserer deutschen Geschichte ist, auszuhalten. Wer erleben möchte, wie eine Künstlerin historische Fotografien, Museumsobjekte und textile Fragmente miteinander ins Gespräch bringt, sollte sich für diese Ausstellung Zeit nehmen. “Fürsorge“ liefert ziemlich sicher keine Antworten, schon gar keine einfachen. Für mich stellen die Arbeiten eher Fragen – nach Besitz, Erinnerung und Verantwortung. Und genau darin liegt für mich ihre Stärke. Die Antworten? Muss man sich vermutlich selbst geben.

Alle Infos zu den Öffnungszeiten, Eintrittspreisen und dem Begleitprogramm zur Reihe „Fotografie neu ordnen“ findet ihr direkt beim Museum:

👉 Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg – Ausstellungsdetails

Alle Artikel zur Triennale der Photographie Hamburg 2026 auf einen Blick gibt es hier - ich freue mich dort auch auf euer Feedback!
 
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