Im gestrigen Teil unserer kleinen Serie haben wir den aktivistischen, ungeschönten Blick von Franki Raffles im Museum der Arbeit kennengelernt. Heute führt uns der Weg zu einem Ausstellungsort, der die klassischen Grenzen unseres Mediums deutlich erweitert.

Im Kunsthaus Hamburg am Klosterwall erwartet dich vom 5. Juni bis zum 23. August 2026 eine Schau, die mich beim ersten Draufschauen (und auch beim zweiten) irritiert: „Melike Kara: Whispers“.


Eine dunkle Metallwanne voller Asche und verbrannter Fotografien, aus denen helle orangefarbene Flammen aufsteigen. Zwischen den verkohlten Bildresten ist noch das Gesicht einer porträtierten Frau erkennbar.
Bild: Atelieraufnahme, 2025, Melike Kara; Foto: Şirin Şimşek

Der Besuch dieser Ausstellung könnte deine Sichtweise darauf, was Fotografie sein kann, ziemlich herausfordern. Denn Melike Kara macht etwas, das den meisten von uns im Herzen wehtun dürfte: Sie verbrennt Teile ihres eigenen fotografischen Archivs.

Das Auflösen von Identität und Herkunft​

Ausgangspunkt der raumgreifenden Installation ist Karas langjährige Beschäftigung mit ihrem kurdischen Erbe. Über Jahre hinweg hat sie Bildmaterial gesammelt und archiviert, wobei sie den Blick bewusst auf die Schönheit traditioneller Kultur jenseits von politischen Zuschreibungen oder Schmerz gerichtet hat.

Mit Whispers verschiebt sie diesen Ansatz deutlich. Anstatt Identität einfach nur visuell abzubilden und zu bewahren, fragt sie sich: Was bleibt eigentlich übrig, wenn Geschichten über Herkunft und Zugehörigkeit an Kontur verlieren?

Ihre Antwort darauf ist drastisch. Sie führt die Fotografien in Asche über. Was bleibt, sind materielle Rückstände, Fragmente und Verdichtungen von Bildern, die sich einer endgültigen Fixierung entziehen.

Ehrlich gesagt fiel mir der Zugang zu diesem Triennale-Beitrag diesmal nicht leicht. Aber womöglich ist das gerade die Stärke der Arbeit: Ein Foto ist bei Kara kein statischer Speicher der Vergangenheit, sondern ein lebendiger, zirkulierender Prozess des Erinnerns und Loslassens.

Zwischen Asche, Kaffee und Erinnerung​

Wenn du die Halle des Kunsthauses betrittst, landest du nicht in einer klassischen White-Cube-Galerie, sondern in einer fast verwildert wirkenden Gartenlandschaft. Die Asche der verbrannten Fotografien wird direkt Teil der Installation.

Diese Inszenierung wirkt auf mich roh, vergänglich und unfertig.

Eine experimentelle Installation von Melike Kara: Auf einer rostfarbenen Oberfläche liegen Kaffeesatz, dunkle Flüssigkeit und kleine grüne Pflanzen, die aus einer hellen organischen Masse wachsen.
Bild: Atelieraufnahme, 2025 © Melike Kara; Foto: Şirin Şimşek

Allein anhand der Pressematerialien weiß ich noch nicht genau, ob mich das anspricht – aber gerade deshalb will ich es mir unbedingt live anschauen:
  • Aus den Wänden tritt flüssiger Kaffee aus, der sich über Bildflächen ergießt und sich in Becken sammelt.
  • Auf dem Boden liegen großformatige Malereien, und Bilder aus Kaffeesatz durchziehen den Raum wie sedimentierte Erinnerungsspuren.
  • Dazwischen wachsen echte Pflanzen, die der Installation dann doch wieder Lebendigkeit und gleichzeitig etwas Zerbrechliches geben.
Die Arbeit bewegt sich damit irgendwo zwischen Fotografie, Malerei, Materialkunst und räumlicher Erfahrung. Und genau dieses bewusste Verwischen der Grenzen macht „Whispers“ so ungewöhnlich.

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Bild: Melike Kara, gentle ways of finding, 2025. Ölkreide, Acryl, Kaffee, Tinte und Lack auf Leinwand; 200 x 180 cm. Courtesy die Künstlerin und Jan Kaps, Foto: Mareike Tocha

Mein Fazit​

„Whispers“ ist bislang die erste Station dieser Triennale-Serie, bei der ich merke, wie vorsichtig ich innerlich werde.

Die Materialien und Bilder faszinieren mich durchaus: verbrannte Fotografien, Asche, Kaffee, fragile Oberflächen und dieses bewusste Arbeiten mit Zerfall besitzen eine starke visuelle Wirkung. Gleichzeitig frage ich mich aber auch, wie viel davon außerhalb des Ausstellungsraums tatsächlich trägt – und wie schnell solche Symbolik ins Überhöhte kippen kann.

Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem ich mit zeitgenössischer Kunst manchmal fremdele. Sobald Werke sehr stark über Prozess, Material und Bedeutungsebenen funktionieren, entsteht schnell die Gefahr, dass man mehr über Konzepte spricht als über das, was einen als Betrachter:in wirklich berührt.

Und genau deshalb möchte ich diese Ausstellung sehr gerne live sehen und hoffe, das gelingt mir zeitlich.

Denn möglicherweise funktioniert „Whispers“ gerade nicht über einzelne Bilder oder eine klare Botschaft, sondern über Atmosphäre, Geruch, Raumgefühl und physische Präsenz. Vielleicht erschließt sich die Arbeit erst dort wirklich. Vielleicht bleibt sie aber auch bewusst sperrig und unzugänglich.

Im Moment finde ich genau diese Unsicherheit interessanter als ein vorschnelles Urteil.

Wer wie ich herausfinden möchte, mit welchen Eindrücken und Gedanken diese Schau einen zurücklässt, sollte das Kunsthaus Hamburg unbedingt auf die eigene Triennale-Route setzen.

Alle praktischen Infos zu den Eintrittspreisen (regulär 6 €) und den kostenlosen Kuratorinnen-Rundgängen findest du direkt auf der Webseite des Kunsthauses:
👉 Kunsthaus Hamburg – Ausstellungsdetails

Alle Artikel zur Triennale der Photographie Hamburg 2026 auf einen Blick gibt es hier - ich freue mich dort auch auf euer Feedback!
 
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