Sabine und Sam, eine Bilderfreundschaft, 2021

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Riniken, 23. Juni 2021​


Liebe Sabine

Schön kannst Du/Ihr die Zeit geniessen. Die Mail von gestern hat mich sehr gefreut.

Und so beginne ich mit gestern, einem bewegten Tag. Tierische Geschichten. Heute Morgen bin ich wieder auf meinen Wackel, nachdenklich, traurig ob dem kleinen Entchen, dass die Nacht bei uns nicht überlebt hat.

Aber beginne ich mit gestern Nachmittag, als Claudia, der Kleine und ich uns Zeit nahmen, die Libellen bei der Eiablage zu beobachten. Es sind ja schon faszinierende Tiere und die neueste Forschung zeigt, dass sie uns ähnlich sind. Und man weiss heute, dass sie nicht nur nach einem bestimmten, vorgelegten Ablaufschema jagen, sondern sondern dass sie auch situativ entscheiden können. Das bedingt wiederum eine sehr komplexe Hirnstruktur, welche unserer ähnlich kommt ....



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Die kleinen blauen Libellen waren immer zusammen. Und irgendwie hat mich diese Szene an ein Flugzeuggeschwader erinnert. Erinnerungen, welche mir erzählt wurden, aber für die Betroffenen in unguter Erinnerung sind ....



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Ich war am Kochen, als uns die Praxisassistenz unseres Nachbars, dem Tierarzt, dieses kleine Geschöpf brachte. Es sei auf der Strasse alleine herumgesprungen und ein Verkehrschaos veranstaltet.

Zwischen Risotto und Bohnen haben wir alle zusammen mitgeholfen, dem Entchen ein Dach über dem Kopf zu geben, es ins Wasser (Badewanne) zu setzen und es zu füttern ....



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Die Nacht hat es nicht überlebt. Ich hörte es zwischendurch leise piepsen, neben meinem Bett.

Ich stand auf, streichelte den leblosen Körper und ging nach draussen. Das Klavierkonzert Nr. 22 von Mozart sollte es sein zu Beginn und abgeschlossen habe ich mit einem Satz aus den Brandenburgischen Konzerten von Johann Sebastian Bach.

Es war eine kurze Zeit mit dem Entchen. Und doch war es jede Sekunde wert. Der Versuch, ihm noch ein letztes Mal Wärme und Zuneigung zu geben, uns diese Zeit zu nehmen und das Beste geben, das haben wir getan. Der Stress mit der Flucht, die Trennung von seiner Mutter und seinen Geschwistern oder vielleicht sogar nicht sichtbare Verletzungen waren wohl zu viel.

Es ist unsere Aufgabe uns diese Zeit zu nehmen. Auch wenn wir das Resultat am Schluss nur bedingt beeinflussen können. Claudia hat es in ein Tragtuch genommen, es schmiegte sich an ihre Brust und es schien die Wärme zu geniessen. Ein Stück Respekt, eine Handvoll Liebe und eine Prise Zuneigung.



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Und so ging es, diese kleine Entchen.

Dieser wunderbare letzte Satz des Klavierkonzertes Nr. 22. Er beginnt nur mit dem Klavier eine unglaublich schöne Melodie mit etwas Tempo und zum Mitsummen. Bis zu diesem Zeitpunkt, wo die Melodie plötzlich aufhört und er einen langsamen Satz dazwischen schiebt. Melancholisch, verwirrend, als ob Mozart plötzlich die Stimmung verändern würde. Und doch kehrt er zurück zur anfänglichen Melodie und lässt mit der Anfangsmelodie das Konzert ausklingen.

Das Entchen hat uns in dieser Zeit viel mitgegeben. Ein kurzer Abriss vom Leben, wo Begrüssung und Abschied in nur kurzer Zeit stattfand. Aber eine Realität ist. Faszinierend, berührend....

Ein letzter Kuss, die letzte Wärme ... gute Reise und danke für alles.

Geniesst es, liebe Sabine ....

Herzlich. Sam



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Riniken, 24. Juni 2021​

Liebe Sabine

Ich hoffe Dir geht es gut und kannst etwas Abstand von allem nehmen ...

Ich habe mich schon fast daran gewöhnt, dass ich am Morgen nach dem Kaffee nicht mehr überlegen muss, ob ich auf den Morgenwackel gehe oder nicht. Es bekommt etwas Selbstverständliches zu werden, der Morgenwackel etabliert sich langsam wieder in mein Morgenritual, das ohne zu überlegen einfach stattfindet ....



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Wenn in meinen Träumen meine Arbeit für Kinder und Jugendliche erscheint, dann weiss ich, dass ich zu viel zu tun habe. Ich fühle mich dann jeweils so, als ob ich vierundzwanzig Stunden durchgearbeitet habe.

Ich hatte Mühe heute morgen, mich auf den Morgen einzulassen und dies, obwohl es einer der schönsten Morgen war. Es schien mir, als ob sich jede Sekunde die Farben und die Motive ändern würden. Das ist sicher auch den gestrigen Stürmen und Gewittern zu verdanken, die Wolkendecke verschob sich immer wieder....

Eigenartigerweise habe ich heute Morgen nur ein Reh gesehen. Die Füchse scheinen sich verkrochen zu haben ....



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Aus irgendeinem Grunde bin ich seit ein paar Tagen an den Brandenburgischen Konzerten von Johann Sebastian Bach hängen geblieben. Ist schon unglaublich spannend, wie unterschiedlich sie sind und wie vielen verschiedenen Instrumenten er in diesen Konzerten einbettete. Soviel ich gelesen habe, sind es unabhängige Konzerte und Bach hat sie nicht in einer Abfolge komponiert, sondern eher als Konvolut gedacht, welches die einzelnen Instrumente und Musikstile abbilden soll.

Hast Du gewusst, dass den Brandenburgischen Konzerten eine Briefmarke gewidmet wurde? 1971 hat die Deutsche Post Berlin zum Jubiläum 250 Jahre Brandenburgische Konzerte eine Sondermarke herausgegeben.



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Dieser Szene würde ich den Titel geben "Energie". Und ich merkte in diesem Moment, wie viel Energie ich in den letzten Wochen und Monaten gebraucht habe.

Ernüchternd nehme ich die zunehmende Öffnung nach den Pandemiemassnahmen hier in der Schweiz zur Kenntnis. Die "Normalität" ist in greifbarer Nähe und niemand hinterfragt diese Normalität. Die Gewohnheit des Reisens wird als Grundrecht angesehen und hinterfragt wird es kaum.

Während dem ich heute Morgen krampfhaft versuchte, meine innere Ruhe zu finden, viel mir erneut auf, dass ich zwar von Grün umgeben bin, von den Farben des Himmels und der Sonne, aber mir, bis auf ein kleines Feld, fast keine Blumen begegnet sind. Schmetterlinge sind seltene Gäste geworden, wie auch, und all die Käfer und anderen Insekten muss man regelrecht suchen.



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Wenn durch die kleinen Lautsprecher meines Handys die Musik von Bach ertönt, dann empfinde ich Fotografie wie ein Komponieren. Seit Tagen nehme ich die Kombination Z50 und 200mm micro mit. Fast schon ein Luxus, da ich sehr nahe fotografieren kann, wie auch in die Weite.

Und so empfinde ich auch die Brandenburgischen Konzerte von Bach. Die Soloparts von Gambe, Flöten, Violine oder Cembalo sind für mich wie eine Makroaufnahme. Das Orchester wäre dann der weite Himmel, die Wolken, sozusagen der Rahmen, das Drumherum ....



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Am Wochenende gehen wir in unser Ferienhaus. Der Boden ist mittlerweile fertig. Die Küche wird nächste Woche eingebaut und wir haben vor das Täfer am Wochenende an der Decke anzubringen.

Ich freue mich sehr und ich freue mich, können wir dann einziehen und einrichten und entspannte Tage dort verbringen, welche ich dringend benötige. Einen Teil meiner Fotoausrüstung wird auch mitkommen und dort bleiben, so dass ich immer etwas zur Hand habe, wenn ich es brauche....

Ist dieser Moment dieser Postkarte nicht schön? Ein besonderes Bild, welches doch die ganzen Zyklen von Leben umfasst. Die Geburt, das Leben, der Tod und all die verschiedenen Stadien ....



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Und zum Schluss noch eine der wenigen Blumen, welche ich heute angetroffen habe. Verschrien als Unkraut ist die Winde eine aussergewöhnlich schöne Pflanze ...

Wir müssten wieder lernen, in uns selbst zu reisen, uns selbst wieder entdecken ... Unsere inneren Blumenwiesen betrachten, aber auch unsere morschen und sumpfigen Gegenden auskundschaften ... So sehe ich die Welt letztlich als Spiegel oder als Umkehr von mir selbst ...

In diesem Sinne: sei herzlich gegrüsst ... Sam



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Riniken, 30. Juni 2021​

Liebe Sabine

Herzlichen Dank für deine Nachricht von gestern. Etwas neidisch bin ich ja schon, aber ich freue mich riesig auf meine Ferien. Die Küche wird dieser Tage eingebaut und wie ich schon gesagt habe, ist das Ferienhaus ab dieser Woche so ziemlich einzugsbereit....
Entspannende Tage und Wochen steht also nichts mehr im Wege. Und ich bin ja gespannt, wenn ich Dir dann die erste Postkarte vom Jura nach Kiel schicken kann ....

Nun ja, die letzten Tage waren erneut sehr anstrengend. Und dann kamen die heftigen Gewitter und Stürme dazu, welche in manchen Gegenden der Schweiz Millionenschaden anrichteten. Der Kleine half mir dann jeweils die gefährdeten Dinge im Garten unter den Gartentisch zu stellen ....



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Hie und da sind der Kleine und ich alleine unterwegs. Und dann fällt doch das eine oder andere Gespräch an. Wir erinnerten uns, als Menschen vor Weihnachten hier den Weihnachtsbaum kauften ...
Und konnte ich es nicht verkneifen zu sagen: bald ist Weihnachten ....



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Der Kleine nimmt Veränderungen sehr schnell war. Diese Mauer wurde neu vor einem Garten gebaut und davor Clematis gesetzt. Und obwohl er sich doch einiges merken kann, auch Pflanzennamen, so bringt er doch das Wort "Clematis" nicht auf Anhieb auf die Reihe ....



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