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Werner Gilliam
Guest
Jochen ist nach einem erfüllten Leben mit über 80 Jahren gestorben.
Da er nicht nur mein Freund, sondern zu seinen Lebzeiten auch eine große Bereicherung für die menschliche Spezies gewesen ist, widme ich ihm diesen Nachruf, den ich Euch mit dem Zitat der Zeilen aus meinem Buch näher zu bringen versuche.
Das Foto habe ich in den 90er Jahren von ihm gemacht, und es zeigt, nach meiner Meinung, die besondere Ausstrahlung dieses besonderen Menschen.
Good bye Jochen!
..."Nach dem stillen Friedrichskoog war die Kieler Bahnhofspier, als sei man von Hintertupfingen in die „Cannery Row“ von John Steinbecks Monterrey gewechselt. Etliche schwimmende Träume lagen dort Bug an Heck. Ein ehemaliger Spielwarenverkäufer aus Hannover, der von Seefahrt nicht die geringste Ahnung hatte, saß auf einem Riesenkutter, den er billig in der DDR gekauft hatte und der schon einmal im Hafen abgesoffen war, weil er die Flutventile nicht richtig geschlossen hatte und übers Wochenende verreist war. Man hatte ihn zwar wieder gehoben, aber natürlich war einiges in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Preßspan Verkleidung im Salon hinter dem Ruderhaus war aufgequollen und im Maschinenraum stand seine süße Freundin in einem winzigen Bikini und versuchte mit Ölkännchen, Hammer und Schraubenzieher die fest gerotteten Ventile der riesigen alten Maschine wieder gangbar zu machen. Ein Bild für die Götter! Dahinter lag die "Leisure", ein alter KFK Kutter. Ein 24 Meter Schiff, das im Krieg gebaut worden war, um die Versorgung mit Fisch aufrecht zu erhalten. Besitzer waren einige Jungs, die früher mit Gummipalmen gehandelt hatten, von denen der unverkaufte Rest nun das Achterdeck schmückte. Sie fuhren auf alten Harley Davidson vor, verstanden aber offenkundig von Haschisch mehr als von Planken und Spanten und hatten wie Hermann den Plan, demnächst Südamerika zu erobern. Michael, ein Goldschmied aus Kiel, polierte mit einer Schleifmaschine die hölzerne Reling der "Ott Radi", eines alten Frachtenseglers, den er von Grund auf wieder herrichten wollte, um dann später mit zahlenden Gästen romantische Oldtimertörns zu machen. Zumindest er hatte ein einigermaßen einleuchtendes Konzept, auch wenn man sich bei der vor ihm liegenden Arbeit fragte, wann diese denn fertig sein würde, denn er werkelte alleine vor sich hin.
Und dann gab es dort vor allen Dingen noch Jochen, den „Buddha von Kiel“, wie er in einem späteren Zeitungsartikel einmal genannt werden würde. Ganz sicher nicht zu Unrecht. Jochen war über zehn Jahre älter als ich und saß auf seinem soundsovielten Schiff. Irgendwann hatte er einmal ein Haus geerbt, aber da er mit Leib und Seele Seemann war, verkaufte er es natürlich sofort wieder, um das Geld in ein Schiff zu stecken. Er fing mit einem heruntergekommenen Rumpf aus der DDR an, und bevor er mit Aus- und Umbau richtig fertig war, verkaufte er nach einem guten Gebot, um sich dann den nächsten Kutter zuzulegen, womit das Spiel von vorne begann. Außer Seemann war er ein begnadeter Handwerker, der es in wirklich künstlerischer Form verstand, mit Stahl, Holz und Maschinen umzugehen. Vor allen Dingen aber war er als Mensch das Epizentrum dieser kleinen Welt dort.
...Jochen gehörte zu den wenigen, die den Nagel immer auf den Kopf zu treffen verstanden und die sich nie scheuen, die Wahrheit zu sagen. Dabei steckte soviel Liebe in ihm, daß niemand ihm jemals böse sein konnte, auch wenn diese Wahrheiten mal etwas unbequem waren, und das waren sie nicht selten.
Für den Abend lud er Jolanda und mich zu einem Essen auf sein Schiff ein. Als wir pünktlich um acht Uhr bei ihm an Bord kamen, breitete er gerade ein blütenweißes Tischtuch mangels Tisch auf sein ölverschmiertes Deck und servierte uns dann ein wunderbares Abendessen. Wir waren zu Viert, denn Susi, Jochens Schäferhündin war natürlich mit von der Partie. Sie verstand Deutsch. Bisher hatte ich nur erlebt, daß Hunde auf Kommandos reagieren, doch „Susi“ war anders. Wenn Jochen sagte, "Susi, du hast wieder gefurzt, warum gehst du nicht mal einen Moment beiseite?", stand Susi auf und ging einen Moment beiseite. Es war eine richtig laue Frühlingsnacht. Zu fortgeschrittener Stunde, als der Wein schon viel Blut aus den Adern verdrängt hatte, schob ich die Boxen meiner Musikanlage an Deck und wir tanzten die Nacht hindurch. Der Morgen graute schon und die ersten Berufstätigen kamen auf dem Weg zur Arbeit vorbei, als Jochen noch immer mit Jolanda nach den Klängen eines langsamen Songs auf der Pier tanzte, während Susi eifersüchtig bellend um die beiden herum wuselte. Ich war nicht eifersüchtig. Zuviel Freude und Schönheit lag über diesem Morgen. Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft!.."