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Auch die Tatsache, dass die Erstaufführung vom Messias nicht in London sondern in Dublin stattgefunden hat, spricht für ein ganz besonderes Werk. Und dass er den Messias nicht in einer Kirche, wie es für Oratorien üblich war, aufgeführt hat, ist eine weitere Besonderheit. Und noch eine Besonderheit umgibt das Werk. Die Einnahmen der Erstaufführung des Messias kamen einem caritativen Zwecke zu gute. Dies hat er im Übrigen Zeit seines restlichen Lebens beibehalten. Der Messias ist ein Vermächtnis, Händels persönliches Vermächtnis an uns Menschen.
Kein anderes Werk zeigt Händels Genialität aber auch seine Persönlichkeit so offen und deutlich wie dieses. Es ist, als hätte er seine Person in ein einziges Musikstück gepackt, eine Vorstellung, die mich immer und immer wieder ganz stark berührt.
Händel hat mit und für die Musik gelebt. Politischen Dingen ging er aus dem Weg, ja, ich hatte den Eindruck, dass er sie hasste. Dennoch waren sie auch für ihn immer wieder bestimmend, denn letztlich war er auf den „Goodwill“ mancher „Herrscher“ angewiesen. Und es war früher so und ist heute so, wo Gefallen herrscht, sitzt auch der Geldbeutle locker und von Kunst alleine wird man nicht satt. Auch unter diesem Aspekt betrachte ich den Messias. Es war das erste Oratorium, welches es nach der Opernphase geschrieben hat. Nach dem Messias hat er keine Opern mehr komponiert und er musste wohl gewusst haben, oder zumindest ahnte er es, dass es die Oratorien sein würden, welche seine letzte Phase des Komponierens einläuteten. Vielleicht war es wie ein letztes Debut, ein letzter Aufruf an die Menschen, seine Musik zu verstehen und Händel als Künstler vorbehaltlos zu aktzeptieren.
Es ist der Messias, der mich immer wieder betroffen macht:
Ich sehe in diesem Werk auch einen ganz tiefen persönlichen Aufschrei von Händel versteckt. Nie hat er sich der Innigkeit von menschlicher Beziehung hingegeben, man weiss bis heute nichts über intime Beziehungen von ihm. Ob er sich dem männlichen oder dem weiblichen oder beiden Geschlechtern mehr hingezogen gefühlt hat, wird wohl immer im Dunkeln bleiben. Vielleicht war das aber auch nicht nötig, denn letztlich hat er mit seiner Musik Beziehung geschaffen. Vielleicht hat er weit mehr Beziehungen durch seine Musik gelebt, als wir Normalsterbliche. Und vielleicht hat er uns durch seine Musik gelehrt, dass Beziehung über verschiedene Kanäle gelebt werden können, und sie nicht minder intim sind.
Meine Fotografien überdauern keine dreihundert Jahre. Sie sind weder zeitlos noch von solcher Schönheit oder Wirkung, wie die Musik von Händel. Ich habe aber auch nicht die Muse, auch nicht die Zeit, mich meinen Bildern so intensiv zu widmen, wie es Händel mit seinen Tönen tat.
Die Kameras haben mich wie immer begleitet. Und ich hatte Spass daran. Aber die Bilder entstanden, Motive fanden mich zu Hauf wie immer. Aber diesmal war es so, dass die Bilder die Musik begleiten und nicht umgekehrt. Und doch meine ich nach der Sichtung meiner Ausbeute, dass sie nicht hinten anstehen, sondern zur Musik eine schöne, wenn auch dezente Ergänzung sind. Und es kommt mir irgendwie als hätte ich diesmal kein Oper komponiert, sondern ein Oratorium.
Es gibt kein schöneres, persönlicheres und innigeres Halleluja als jenes von Händel im Messias. Und es gibt kein anmutigeres Amen als jenes im gleichen Werk. Kein Prediger hat je das Amen so greifbar gesprochen wie es Händel im Messias vertont hat. Denn es kommt nicht stellvertretend daher, sondern es ist authentisch und von ungeheurer Menschlichkeit. Man versteht, wer es ausspricht, wer dahinter ist, und darum appelliert es an uns Menschen, für sich die Verantwortung zu übernehmen. Es ist Händels umfassender Aufruf, versteckt, sich uns selbst anzunehmen.
Händel hatte sich gewünscht an einem Karfreitag zu sterben. Dieser Wunsch wurde ihm erfüllt. Aber vermutlich, so wie es auch die Autorinnen der Biographie schreiben, weniger darum, dass er sich dem Himmel oder Christus näher fühlte. Vermutlich eher deshalb weil er hoffte, dass er dann drei Tag später wieder auferstehen kann, um weiter zu komponieren.
Was für ein schöner Gedanke. Aber auch nach 300 Jahren wirkt die Musik. Alt und neu stehen zusammen.
Aber das war Händel: er hat nie aufgegeben. Selbst als seine Royal Academy, sein Unternehmen, bankrott war, hat er nicht aufgegeben. Und schon vor dreihundert Jahren war es ihm klar, dass Künstler Geld kosten, aber übertriebene Gagen auch Geld einbringen müssen. Und geht das zusammen nicht auf, dann beginnt schon bald der Pleitegeier über jedem Unternehmen zu kreisen. Mancher Manager von heute hätte wohl ein Stück von ihm lernen können. Am Schluss ist er dennoch schuldenfrei gestorben.
Niemand musste für ihn finanziell gerade stehen. Und er hat uns allen ein Erbe hinterlassen, das wir noch lange geniessen können. Seine Wutanfälle waren nicht lustig für das Gegenüber, sein extremer Drang zur Perfektion liess manches unperfekte Gegenüber fast verzweifelt haben. Aber Mittelmässigkeit war Händels Ding nicht. Und schon gar nicht, wenn es um seine Werke ging.