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Über das Kollektiv „#She_shoots_Leica“​


Vertreterinnen des Fotografinnen-Kollektivs „#She_Shoots_Leica“ auf der Bühne bei den Leica Erlebnistagen in Nürnberg
(v.l.: Janina von Rüden, Antje Huck, Jennifer Schäufelin), Bild: Kathrin Groß


Gestern landete die folgende Pressemitteilung in meinem Postfach – ich finde das Thema spannend. Die Informationen sind sorgfältig recherchiert und aufbereitet und geben sicherlich einen Gedankenanstoß.

Hier die Meldung im Original:

Das Kollektiv „#She_Shoots_Leica“ wurde 2024 von Antje Huck und Anika Vehring gegründet. Ein knappes Jahr später sind bereits über 15 Leica-Fotografinnen aus verschiedenen Ländern mit dabei. Frauen mit völlig unterschiedlichen Arten der Fotografie: Für einige ist es Job, für andere Hobby, manche haben Auszeichnungen gewonnen, andere wurden gefördert, haben Bücher veröffentlicht oder interessante Projekte umgesetzt. Was alle eint, ist die Liebe zu Leica-Kameras und zur Fotografie, was im Namen deutlich zum Ausdruck kommt und mit dem Kollektiv-Slogan unterstrichen wird: „Different women, one love“. „Perspektiven“ ist das Hauptmotiv, mit dem die Mitglieder auf die Frage antworten, warum sie das Kollektiv „#She_Shoots_Leica“ für Frauen ins Leben riefen und dabei sind.

Die Frage, ob und warum nur Frauen (und Menschen, die sich als Frauen fühlen) Mitglied bei „#She_Shoots_Leica“ werden dürfen, stellten sich die Fotografinnen bei Gründung und beantworteten diese so: „Wir fühlen uns selbstsicherer in einer reinen Frauengruppe, trauen uns mehr. Und Frauen sind unterrepräsentiert in der Fotografie.“ Dabei beließen sie es vorerst. Bis Olivia Huk vom Leica-Store Nürnberg die Macherinnen von „#She_Shoots_Leica“ einlud, bei den Erlebnistagen in Nürnberg im Juli 2025 an einer Podiumsdiskussion zum Thema Foto-Kollektive teilzunehmen. Klar, dass dort die Frage erneut gestellt werden wird und die Fotografinnen eine Antwort brauchten, die längst schon vorhanden war: Das Gefühl ist es. „Um ernst genommen zu werden, reicht das aber nicht, da braucht ihr schon Zahlen und Fakten“, hieß es im Vorfeld – von einem Mann. Das führte bei den Fotografinnen zu einer mehr oder weniger hitzigen Diskussion darüber, warum es scheinbar nicht ausreicht, wenn eine Gruppe von Menschen sich mit etwas gut fühlt. Nach Abklingen der Emotionen stellten die Mitglieder sich die Frage, ob sich das Gefühl mit Fakten belegen lässt, oder ob die Zahlen eine andere Sprache sprechen.

Wie es der Zufall wollte, entdeckte Jennifer Schäufelin, Mitglied bei „#She_Shoots_Leica“, in dieser Zeit einen Artikel von Kwerfeldein. „Frauen in der Fotografie“ hieß er, im Jahr 2018 veröffentlicht und leider mittlerweile nicht mehr öffentlich verfügbar. Zusammengefasst stand drin, dass (1) die Anzahl der Ausbildungs- und Studienabschlüsse in der Fotografie zwischen den Geschlechtern recht ausgeglichen ist und es auch bei den Autodidakten keine signifikanten Unterschiede gibt. Die Anzahl der in dem Bereich tätigen Fotografinnen nehme dann aber mit den Jahren sehr ab. Auch in Ambassador-Programmen der Kamera-Hersteller seien sehr viel mehr Männer zu finden als Frauen. Ein erhebliches Ungleichgewicht sei außerdem in den Agenturen und bei Ausstellungen zu beobachten. So seien nur zehn Prozent der für Agenturen tätigen FotografInnen weiblich und nur 25 Prozent der Ausstellenden Frauen. Da die Quellen des Artikels nicht mehr überprüfbar waren, suchte das Kollektiv nach aktuellen Vergleichszahlen und recherchierte teilweise selbst.

Das sind die Ergebnisse: Mit einem Verhältnis von 43 Prozent zu 22 Prozent stammten die Magazintitel im Jahr 2024 mehrheitlich von Männern (2). Ein Blick in die Podcastlandschaft zeigt, dass bei nur neun von 38 Fotopodcasts die Hosts mit weiblicher Beteiligung sind(3). Bei den Interview-Formaten mit Fokus auf die Fotografie untersuchte das Kollektiv drei Podcastformate für Fotografie im Zeitraum Januar 2024 bis Juli 2025 und zählte 104 männliche und 17 weibliche Gäste. Da „#She_shoots_Leica“ aus Leica-Fotografinnen besteht, wollten diese wissen, wie es speziell bei Leica aussieht. Seit 1980 wurden mit dem Leica-Oskar-Barnack-Award 42 Männer und 17 Frauen ausgezeichnet (4), wobei ein großer Teil der Frauen vor allem in den letzten Jahren hinzukam. In den Leica-Galerien in Deutschland konnten sie 144 ausstellende Männer und 39 Frauen zählen (5).

Diese ausgewählten Zahlen sind nur ein Ausschnitt. Ein Blick auf Fotoveranstaltungen zeigt jedoch ein ähnliches Bild. Die Fotografin und Buchautorin Pia Parolin hat sich auf der Photopia 2021 die Mühe gemacht, Männer und Frauen auf den Bühnen zu zählen und dazu einen spannenden Artikel geschrieben (6). Auch darin waren die Männer deutlich in der Überzahl.


Vertreterinnen des Fotografinnen-Kollektivs „#She_Shoots_Leica“ bei den Leica Erlebnistagen in Nürnberg
(v.l.: Janina von Rüden, Jennifer Schäufelin, Antje Huck), Bild: André Vehring


Aber was sind die Gründe dafür? Warum sind die Frauen in der Fotografie so wenig präsent? Nun könnte man sagen: Vielleicht wollen die Frauen einfach nicht gesehen werden? So einfach scheint die Antwort aber nicht zu sein. Das ergaben zumindest die weiteren Recherchen des Kollektivs. So sprach Antje Huck unter anderem mit Verantwortlichen für Ausstellungen, mit einem Podcast-Host, mit einer Frau, die ein Frauennetzwerk in einem großen Unternehmen leitet, las Bücher rund um das Thema Frauen in der Fotografie und durchsuchte das Internet. Folgendes kristallisierte sich für sie heraus:
  • Frauen scheinen insgesamt unsicherer zu sein, was ihren Wert, den Wert ihrer Fotos angeht. Sie sind weniger offensiv im Zeigen ihrer Fotos. Wichtig ist hierbei zu sagen, dass es natürlich Frauen gibt, die sich sehr selbstbewusst präsentieren, aber einzelne Beispiele eben nicht das Ganze abbilden.
  • Als weiterer wichtiger Faktor ist die Vereinbarkeit von Beruf und Kunst mit der Familie zu nennen. Der Gender-Care-Gap zeigt, dass Frauen 44,3 Prozent mehr unbezahlte Arbeit leisten als Männer (7). Diese Zeit fehlt für Fotos, sei es als Hobby oder als Job. Vor allem die Flexibilität leidet und lässt das ein oder andere Projekt zur Herausforderung werden.
  • Hinter vielen erfolgreichen Männern stehen Frauen, die ihnen den Rücken freihalten. Der großartige Sebastião Salgado und seine Frau Lélia Wanick Salgado sind ein prominentes Beispiel dafür. Lélia war nicht nur treibende Kraft hinter seinen Projekten, sondern kümmerte sich um die Familie, als er auf Reisen war.
  • Es fehlt an Vorbildern für Fotografinnen. Andere Frauen, die zeigen, wie die Arbeit als Fotografin im Einklang mit der Familie ausgeübt werden kann. Frauen, die zeigen, wie sie alltägliche Probleme lösen, wenn sie beispielsweise auf Reisen oder in für sie gefährlichere Gebiete gehen (8).
Es zeigt sich aber auch, dass Frauen sich diesen Raum nehmen, wenn sie sich zusammenschließen und sich gegenseitig unterstützen.

Die Fotografinnen von „#She_Shoots_Leica“ sagen in aller Deutlichkeit: „Unser Kollektiv hat sich nicht gegründet, weil wir „gegen Männer“ sind, sondern weil wir FÜR Frauen sind. Viele Betrachter von Fotografien sagen, dass es ihnen egal ist, ob das Foto von einem Fotografen oder einer Fotografin stammt. Solange das Bild etwas auslöst, solange man „hängen bleibt“, ist es gut. Doch wie unserer Recherchen ergaben, herrscht bei den Urhebern und Urheberinnen dieser sichtbaren Bilder offensichtlich ein signifikantes Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern. Es liegt sicher nicht an dem einzelnen männlichen Fotografen-Kollegen, dass Frauen weniger sichtbar sind, möglicherweise aber an den Rollen, in denen wir aufgewachsen sind und die wir immer noch in Teilen mehr oder weniger ausfüllen. Diese Rollen sind etwas träger als das Individuum. Und das zeigt sich auch in der Fotografie. Es wäre wunderbar, wenn die Gesellschaft es schaffen könnten, diese Rollen aufzubrechen.“ Dass es geht, dafür gibt es Beispiele wie Samuel Ioannidis. Er achtet bei seinem Fotomagazin „Metropolens“ mit Erfolg darauf, ebenso viele Frauen zu veröffentlichen wie Männer. Im Ausland zeigt sich ebenfalls eine gute Sichtbarkeit von Fotografinnen, so zum Beispiel auf dem Fotofestival „Les Rencontres de la Photographie“ in Arles (Frankreich) sowohl bei den Ausstellerinnen als auch bei den Besucherinnen ist der weibliche Anteil hoch.

In diese größere Sichtbarkeit will das Kollektiv ‚„#She_Shoots_Leica“: Vorbild sein und Vorbilder zeigen. Damit Frauen sich und ihre Bilder offensiver zeigen und alle Perspektiven gesehen werden. Insofern beantworten die Kollektiv-Mitglieder die Frage, ob es Foto-Kollektive von Frauen brauche zwei Mal mit Ja: „Ja, es braucht Frauen-Kollektive, damit Frauen sichtbarer werden. Und ja, es braucht Foto-Kollektive, weil es Menschen verbindet, die sich sonst nie begegnet wären und weil so Dinge entstehen, die sonst nie entstanden wären.“

2025 veröffentlichte das Kollektiv sein erstes Zine (Magazin). Acht Fotografinnen stellen sich dort mit Bild und Text vor. In der Einleitung steht: „Unser Kollektiv („#She_Shoots_Leica“) steht für Inspiration, Austausch und Unterstützung. Wir ermutigen uns gegenseitig, einen eigenen Stil selbstbewusst zu leben, unsere Arbeiten zu zeigen und uns zu stärken. Denn die Fotografie wird reicher, wenn unterschiedliche Perspektiven ihren Platz finden.“

Wer dem Fotografinnen-Kollektiv folgen oder es unterstützen will, der findet es auf Instagram unter @she_shoots_leica.

(Text: Antje Huck & Bettina Meister)

Quellen:
1 https://kwerfeldein.de/2018/10/02/frauen-fotografie/
2 https://femalephotoclub.com/engagement/magazinauswertung-2024/
3 Als Grundlage diente die Liste auf https://www.matthiashaltenhof.de/blog/deutschsprachige-fotografie-podcasts/
4 https://leica-camera.com/de-DE/leica-oskar-barnack-award
5 https://leica-camera.com/de-DE/leic...xpOSSQ16tpP1NH8xzRd8T1d1JAvZJwM_Z8B2RvP1bAXu3
6 https://streetphotographymagazine.com/article/women-in-street-photography-show-yourselves/
7 https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/02/PD24_073_63991.html
8 https://nationalgeographic.de/themen/menschen-und-kultur/2025/02/fotografie-wo-sind-diefrauen/

Über #She_Shoots_Leica​



„#She_Shoots_Leica“ wurde 2024 als Kollektiv gegründet von den Leica-Fotografinnen Antje Huck und Anika Vehring. Im Juli 2025 besteht das Kollektiv bereits aus über 15 Frauen, die alle mit einer (oder mehreren) Leica-Kamera fotografieren. Die Fotografinnen verstehen sich nicht als Botschafter gegen Männer, sondern als Botschafterinnen FÜR Frauen. „#She_Shoots_Leica“ steht für Inspiration, Austausch und Unterstützung. Die Fotografinnen ermutigen sich gegenseitig, einen eigenen Stil selbstbewusst zu leben, ihre Arbeiten zu zeigen und sich gegenseitig zu stärken. Die Fotografie wird reicher, wenn unterschiedliche Perspektiven ihren Platz finden. „Different women, one love“ lautet deshalb der Slogan des Kollektivs, das auf Instagram unter @she_shoots_leica zu finden ist.

Mitglieder von „#She_Shoots_Leica“ (in alphabetischer Reihenfolge; aus Deutschland, sofern keine weitere Angabe):
Nadja Arnold (Australien), Hanna Bantli (Schweiz/Spanien), Kathrin Groß, Antje Huck, Olivia Thomson-Bernard, Bettina Meister, Wiebke Münchau, Nicole Neul, Pia Parolin (Frankreich), Jennifer Schäufelin, Verena Scholz, Nadine Stickel, Sarah Strutwolf, Nina Trillenberg (Bangkok), Mariah Untermann, Anika Vehring, Janina von Rüden, Emma Weiß.
 
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