Vielen Dank an alle, die sich mit der Gestaltung des Bildes auseinander gesetzt und hier ins Gespräch eingebracht haben. Gerne will ich meine Gedanken dazu beitragen.
Das Bild ist bei einem Spaziergang durch Dinkelsbühl entstanden, einem mittelfränkischen Städtchen nahe zum Schwäbischen mit gut erhaltenem mittelalterlichem Stadtkern. Zu diesem mittelalterlichen Ensemble gehört das gotische Münster St. Georg. Die prägende Bausubstanz stammt überwiegend aus dem 15. Jahrhundert.
Das Licht war angenehm, bei Sonnenschein erkundeten wir das unbekannte Städtchen. Eigentlich untypisch für mich hatte ich das Stativ im Kofferraum gelassen, und so kam es, wie es kommen musste: die Kirche wurde entdeckt, sie machte Eindruck und wenigstens ein paar Innenaufnahmen standen an. Das Taufbecken bot sich da als Aufstützgelegenheit sofort an.
Von dort aus fiel mir sofort der andächtig sitzende Mann im hinteren Kirchenteil auf. Er war kein Tourist, der etwa die Kirche auf sich wirken lassen wollte. Er war gekommen, um, soweit man das von außen beurteilen kann, "kontemplativ zur Ruhe zu kommen". Ruhig und in sich gekehrt saß er da.
Das war mein fotografischer Motivkontrast: der ruhig in sich gekehrte Mann, in der riesigen Hallenkirche kaum auffallend. Das wollte ich in Szene setzen. Nun ist es das dominante Strukturmerkmal der gotischen Bauweise, dass sie im Gegensatz zur Romanik stark in die Höhe strebt. Deshalb dominieren im Bild die hohen, senkrechten Strukturen der Galeriepfeiler der Joche und der Fenster. Wie von Brigitte erkannt werden sie kombiniert mit den virtuellen Linien der Fluchten zum Altarraum hin. Insgesamt also starke geradlinige Formensprache mit dominanten senkrechten Strukturen. "Gebrochen" werden diese Linienstrukturen, wie schon durch Margot erkannt, durch das Kreuzrippengewölbe der Decke, den Mann als Hauptmotiv ... und natürlich die Rundung des Taufbeckens an der Bildbasis.
Die Signale der Rundungen halte ich gerade in diesem Bild für wichtig. Sie sollen dem Betrachter signalisieren, dass hier eben nicht allein die Architektur Thema ist, sondern, in Ergänzung, der andächtige Mann. Auch hier wieder der Kontrast zwischen der riesigen Welt einerseits, dem kleinen Mensch andererseits. Wir haben den Kontrast im Thema (große Kirche - kleiner Mensch) und den Kontrast in der Formensprache (Geraden/Senkrechte - Rundungen).
Sicherlich ist das Taufbecken am unteren Bildeingang dominant. Man könnte diese Dominanz durch Beschnitt mindern. Mit diesem Beschnitt würde man aber die Unterstützung der Senkrechten im Bild durch das volle Hochformat opfern oder zumindest verringern. Bei dieser Gestaltungsfrage steht man also vor einer Güterabwägung. Beschneide ich, verringere ich die für die Bildaussage wichtige Information: hoch, groß, beeindruckend im Kontrast zum kleinen Menschen. Meine persönliche Güterabwägung lautet: das will ich nicht, im Gegenteil. Gerade die "Höhe" macht für mich dieses Bild mit aus. Aber ich lasse andere Schwerpunktsetzungen gerne gelten.
Ich habe übrigens auch reine Architekturaufnahmen ohne Mensch gemacht. Aber nicht gezeigt.
Die Aufnahmedaten: D700, 14 - 24/2,8, 14 mm, 1/250 s, f 4, -1,0 LW, ISO 2.200. Entwickelt wurde in CNX2 und Photoshop CS6, die Schwarz-Weiss-Umwandlung erfolgte in Silver Efex Pro.
Schöne Grüße
Helmut