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Alt 08.07.2018, 08:01
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Rezension Meinrad Schade, Unresolved

Rezension Meinrad Schade, Unresolved

Der Autor:
Meinrad Schade, Jahrgang 1968, ist einer der renommiertesten Schweizer Fotografen. Nach einem Biologiestudium, einer Ausbildung zum Fotografen und seiner Zeit als Pressefotograf beim St. Galler Tagblatt widmet er sich vorrangig der Portrait- und Reportagefotografie, oft in Form langfristiger Projekte. Sein Projekt „Krieg ohne Krieg“ verfolgt Meinrad Schade bereits seit zwanzig Jahren. Hierbei liegt der Schwerpunkt seiner Bilder nicht auf der Abbildung des Kriegsgeschehens selbst sondern auf der Darstellung von Alltag inmitten kriegerischer Handlungen. Für „Unresolved“ begab er sich nach Israel und Palästina, um sieben Monate lang das Leben dort zu dokumentieren.

Das Buch:
„Unresolved“ ist ein hochwertig hergestellter Bildband. Die stabilen Umschlagdeckel beherbergen matt gestrichenes, schweres Fotopapier für die Abbildungen und ebenso schweres, etwas raueres Papier für den Textteil. Der Umschlag selbst ist in einfarbigem Sandbraun gehalten und mit schwarzer Typographie versehen. Leben und Farbe kommt durch den transparenten Schutzumschlag ins Spiel, der in seiner Haptik an Butterbrotpapier erinnert. Auf Vorder- und Rückseite nimmt er Motive aus dem Buch auf und lässt gerade so viel des Hintergrundes durchschimmern, dass die dort aufgedruckten Worte bei konzentriertem Hinsehen lesbar werden. Der Rücken des Schutzumschlags ist unbedruckt. Im Bücherregal ist daher der dort abgedruckte Buchtitel deutlich zu erkennen. Aber für das Regal wurde dieses Buch sicher nicht gemacht.

Der Inhalt:
Im Gegensatz zur aufwändigen doppelten Umschlaggestaltung könnte der Inhalt nicht schlichter sein. Aufgeteilt in einen Bildteil und einen erläuternden Text, der die Bilderflut in der Mitte des Buches teilt wie Moses das Rote Meer, verzichtet der Autor auf alles Unnötige. Keine technischen Daten zu den Fotos, keine Überschriften oder Kapitel stören die Betrachtung. Die Fotos sind stets auf einer der beiden Doppelseiten angeordnet, manchmal links, manchmal rechts, manchmal mit einem weißen Rand versehen und manchmal randlos und seitenfüllend. Die gegenüberliegende Seite bleibt dabei immer völlig leer. Das ist alles sehr reduziert und sehr angenehm. Man ist mit dem jeweiligen Foto alleine, niemand quasselt einen beim Betrachten voll und man muss sich nicht über Layout-Gimmicks oder in Falzen verschwindende Bildteile ärgern. Umso mehr lässt man sich von den Fotos gefangen nehmen.

Alle Fotos sind technisch perfekt ausgearbeitet. Die Schärfe sitzt auf den Punkt, Belichtung und Sättigung sind so gewählt, als würde man die Szene gerade mit eigenen Augen betrachten und selbst Teil des Bildes sein. Keine (sichtbaren) Filter oder Effekte, keine extremen Brennweiten oder Schärfeverläufe. Ein einziges Mal sind offenbar leichte HDR-Effekte im Spiel, als der Autor die Überreste eines ausgebrannten Hauses ablichtet.

Meinrad Schades Bilder aus der Krisenregion zwischen Israel und den besetzten Gebieten (Westbank, Golan, Gaza) zeigen den „Krieg ohne Krieg“ und die Szenen haben die Qualität, sich vor den Augen des Betrachters zu entwickeln. Viele der zunächst harmlos erscheinenden Motive enthüllen erst auf den zweiten Blick, wie grotesk das Leben der Menschen dort sein muss. Die Gewalt ist überall zum Greifen nah. Das Foto einer Gruppe bunt gekleideter Erwachsener, die mit ihren Kindern scheinbar entspannt eine Straße entlang gehen, erhält eine völlige neue Bedeutung, wenn man den schwer bewaffneten Soldaten betrachtet, der gelangweilt an einer Hauswand lehnt. Kinder mit bunten Kippas spielen mit aufblasbaren Schwertern und bekommen gleichzeitig von einem Erwachsenen erklärt, wie man die Stümpfe abgerissener Gliedmaßen richtig abbindet. Eine Gruppe junger Musiker übt vor einem Auftritt. Einer spannt seinen Geigenbogen, ein anderer stimmt seine Violine. Jeder der Musiker trägt einen Tarnanzug. Der Kreisverkehr an einer Straße beherbergt in der Mitte nicht etwa eine Skulptur oder ein Blumenbeet sondern einen startenden Militärjet.

Auf diese subtile Art enthält jedes der gezeigten Fotos ein Element des Krieges oder der Gewalt, das bereits völlig selbstverständlich in den Alltag der Menschen integriert wurde. Man kommt beim Betrachten unwillkürlich ins Grübeln und unweigerlich zu Fehlinterpretationen. Sehr drastisch beim Bild eines Soldaten, der erschöpft an einer Mauer sitzt und dessen Unterschenkel offenbar abgetrennt wurde. Zum Glück trifft man gerade noch rechtzeitig auf den Textteil in der Mitte des Buches. Hier werden alle Fotos - die bereits gesehenen und die im zweiten Teil noch folgenden - als Briefmarken aufgeführt und durch kurze Texte erklärt. Dies geschieht in vier Sprachen: deutsch englisch, arabisch und hebräisch. Nette Idee: die Reihenfolge der Sprachen wechselt sich ab, mal kommt die arabische Version zuerst, mal die deutsche, mal die anderen beiden. So wird keine bevorzugt, alles hat dieselbe Bedeutung. Die Texte erläutern und relativieren das Gesehene. Manches, das besonders brutal erschien, ist in Wahrheit eher harmlos, umgekehrt entpuppen sich triviale Motive als hoch brisant. Diese Erläuterungen sind wichtig, um die Bilder richtig einzuordnen und um damit klar zu kommen. Der Soldat, der mit abgetrenntem Bein im Gras liegt, wird zum Performance-Künstler, der auf die Schrecken des Krieges aufmerksam machen möchte.

„Unresolved“, ungelöst / ungeklärt ist der Streit zwischen Israelis und Palästinensern. Ungelöst ist auch die Verstrickung der Bevölkerung in kriegerische Akte und ungeklärt die Verantwortlichen, die den Krisenherd durch gezieltes Schüren routiniert und zuverlässig am Köcheln halten. „Unresolved“ schimmert in dunklen Lettern in vier Sprachen durch den Schleier der Fotos auf dem Cover und steht als Mahnung unsichtbar hinter jedem einzelnen Bild.

Für wen ist dieses Buch geeignet?
  • Für Freunde der Bevölkerung Israels und Palästinas.
  • Für Leute, die sich ein Bild von den Lebensverhältnissen in diesem Gebiet machen möchten.
  • Für Augenzeugen
  • Für Liebhaber unaufgeregter, subtiler Reportage-Fotografie

Fazit
„Unresolved“ ist ein handwerklich sehr gut gemachter Reportage-Bildband mit erstklassigen Fotos aus einer Region, die uns auf den üblichen Medienkanälen oftmals nur aus der Sicht der Konfliktparteien präsentiert wird. Dass dort weit mehr stattfindet als Politik, nämlich Leben und Alltag abseits aller Kriegshandlungen, wird von Meinrad Schade eindrucksvoll dokumentiert.

Die Daten
Meinrad Schade. Unresolved erschien am 20. März 2018 im Verlag Scheidegger & Spiess. 1. Auflage 2018, Texte in Deutsch / Englisch / Hebräisch / Arabisch, gebunden, 188 Seiten, 76 farbige Abbildungen, 24 x 19.5 cm
ISBN 978-3-85881-808-9
Preis CHF 49,00 | EUR 48,00

Bewertung:
Rezension Meinrad Schade, Unresolved

ISBN: 3858818089

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Gruß
Gerhard
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Die folgenden 2 User sagen Dankeschön zu Virgil Kane für diesen nützlichen Beitrag:
AnjaC (08.07.2018), Kay (09.07.2018)
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Stichworte
des, foto, fotos, meinrad, „unresolved“


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