Kanada, Die Bären vom Knight Inlet

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Stefan N.

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Nach dem letzten Jahr hat es uns heuer wieder in den Westen Kanadas gezogen. Diesmal haben wir aber bewusst auf "touristisch überlaufene" Gegenden wie Lake Louise, weitestgehend verzichtet.
Besonders beeindruckt hat uns aber eine Grizzly-Tour, die wir von Telegraph Cove, im Norden von Vancouver Island gelegen, aus unternommen haben. Davon ein Bericht.

Morgens um 7.00 Uhr ging es per Motorboot von Telegraph Cove aus los, gut zwei Stunden lang, das 125 km weit ins Festland reichende Knight Inlet hinein. An Bord waren neben meiner Frau Manu und mir, sechs Engländer, unser Kapitän Lindsay (dort aufgewachsen) und die aus Tschechien eingewanderte Biologin Lenka. An Board war die Stimmung wirklich toll, es gab Kaffee und Muffins, Obst und reichlich Getränke, sowie für jeden ein Fernglas (ich hab mir natürlich ein Nikon geschnappt). Wir haben auf der Fahrt immer wieder mal Halt gemacht, wenn es etwas interessantes zu sehen gab, wie z.B. Weißkopfseeadler, Delphine oder Seehunde. Alles wurde sehr schön erklärt und auch mit uns nicht fließend englisch sprechenden (wer kann schon alle biologischen Bezeichnungen auf englisch?) wurde sich sehr viel Mühe gegeben. Wir sind uns nie wie eine Ladung Touristen vorgekommen, die mal schnell von A nach B gekarrt werden, es hat den Beiden sichtlich Spaß gemacht uns an ihrer aussergewöhnlichen Natur teilhaben zu lassen. Auch der Flachs kam nicht zu kurz: Nachdem ich mich bei den Engländern nach den Ergebnissen der Fußball-EM erkundigt habe wurde ich kurzerhand als "Freiwilliger Strandläufer" bei den Grizzlies auserkoren.
Am Ziel angekommen legten wir an einem Steg an und stiegen um in ein kleines Landungsboot mit minimalem Tiefgang und sehr leisem Aussenbordmotor, um bei der momentanen extrem starken Ebbe so nah wie möglich (und dabei weder uns zu gefährden, noch die Bären zu stören) an die Grizzlies heranzukommen.
Und schon beim Umsteigen ins kleinere Boot haben wir ca 200 Meter entfernt einen Grizzly auf Nahrungssuche gesehen. Bei dieser extremen Ebbe drehen sie mit einer Leichtigkeit zentnerschwere Steine um, um unter ihnen Krebse oder eine Fischart, die sich bei Ebbe im Schlamm vergräbt, aufzuspüren. Sie sind Allesfresser, die sich an dem bedienen, was gerade verfügbar ist, hier bei Ebbe eben diese Krebse und Fische, sonst aber auch meist Gräser, die besonders proteinreich sind, Beeren und im Spätsommer/Herbst eben die Lachse, die dann dort in die einmündenden Flüsse wandern.



Eine Biegung weiter trafen wir dann auf eine Mutter mit ihrem Jungen, das in diesem Jahr geboren wurde. Hier mussten wir besonders behutsam vorgehen, da Muttertiere mit Jungtieren leicht aggressiv reagieren. Mama Bär hat ihrem Jungen hier gezeigt wie und wo man nach Nahrung sucht.





Ein gutes Stück weiter haben wir dann noch eine etwas ältere Einzelgängerin gesehen, die letztes Jahr zwar ein Junges hatte, dieses ist aber leider gestorben. Untersuchungen haben ergeben, dass es einen Herzfehler hatte. Sie war aber gerade beim Schwimmen und es schaute nur der Kopf aus dem Wasser -> keine brauchbaren Bilder.

An der Flußmündung haben wir dann noch ein ausgewachsenes Männchen gesehen, das aber als es uns bemerkt hatte sich in die Wälder zurückgezogen hat. Es ist hier ganz normal, dass die Männchen jeglichen Kontakt meiden und richtig gut sind nur die Weibchen zu beobachten. Zum Teil nutzen die Weibchen das sogar während der Paarungszeit aus. Um ein aufdringliches Männchen loszuwerden gehen sie bewusst in die Nähe des Menschen.

Aber ein paar hundert Meter weiter hatten wir wieder Glück und konnten noch ein Zwillingspärchen beobachten. Hier handelt es sich um Jungtiere des letzten Jahres.



Gegen 15 Uhr traten wir dann wieder die Rückreise an. Am Ufer konnten wir noch einen Schwarzbären beobachten. Schwarzbären sieht man in Kanada eigentlich recht häufig, vor allem neben den Highways, allerdings meist nicht so große Exemplare wie diesen. Lindsay sagte darauf nur trocken: "Only big blackbears, can hang around with Grizzlies", denn in der Tat stehen auch Schwarzbären auf dem Speiseplan der Grizzlies.
Hier siehr man auch schön den Unterschied zwischen Grizzly und Schwarzbären. (Nach der Farbe kann man i.d.R. nicht gehen, es gibt hellbraune Schwarzbären genauso wie dunkelbraune Grizzlies) Schwarzbären haben ein langgezogenes Gesicht, ähnlich einem Hund, während Grizzlies ein rundliches Gesicht haben. Recht auffällig ist auch der Höcker am Nacken, der typisch für Grizzlies ist. Es handelt sich um ausgeprägte Nackenmuskeln.



Es war ein wirklich beeindruckender Tag bei den Bären, der den Abstecher in den Norden von Vancouver Island voll gerechtfertigt hat. Ich kann diese Tour jedem empfehlen, der mal in die Gegend kommt. Noch ergiebiger soll sie zur Lachswanderung sein.

Hoffentlich habe ich jetzt nicht durch den doch recht langen Text gelangweilt, vielleicht war es ja für den ein oder anderen interessant. Wildlifeaufnahmen sind schon ganz was eigenes und irgendwann werde ich mich nochmal dran versuchen, dann mit individuellem Guide und ganz viel Zeit.

Stefan
 
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pws

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Tolle Bilder!:up::up:
Da bekomme ich wieder Sehnsucht nach Vancouver Island.
Einfach wunderschön dort. Die Bärentour habe ich von Tofino (an der Westküste) aus gemacht. Kombiniert mit einer Waltour zu den heißen Quellen am Hot Spring Cove. Leider sind meine Bilder im Vergleich richtig schlecht. Hatte damals eine F301 und ein lichtschwaches Tokina 100-300 dabei. Bei miesem Licht verwackelt da vom Boot sehr viel.
 
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Stefan N.

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Hallo Peter,
ja, vom Boot ist es nicht ganz einfach. Ich habe auch "nur" ca. 100 bilder gemacht, weil ich vom LiveView meines Auges (duch das Nikon Fernglas) mehr begeistert war.
 
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pws

Nikon-Clubmitglied
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............ weil ich vom LiveView meines Auges (duch das Nikon Fernglas) mehr begeistert war.

Kann ich so gut nachvollziehen.:):)
Ich hab dann auch nicht mehr ans "Knipsen" gedacht. Der Moment diese Tiere so zu erleben, ist einfach faszinierend.
 
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AndyE

Sehr aktives Mitglied
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Stefan,
vielen Dank für die schöne Bildergeschichte.

Zufälligerweise bin ich nächste Woche mit meinem Sohn in Vancouver :)

... ich glaube, da müssen wir hin ....

Vielen Dank nochmals,
Andy


PS:
Musstet ihr den Trip irgendwo buchen/reservieren? Wäre toll, wenn Du mir eine kurze PN mit etwaigen Zusatzinfos schicken könntest.
 
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Heiko Men.

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Sicherlich ein tolles Erlebnis und klasse Bilder (nur das erste gefällt mir nicht so, da sieht der Bär irgendwie merkwürdig freigestellt o.ä. aus).
Das vorletzte Bild ist mein Favorit.

Gruß
Heiko
 
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Stefan N.

NF Team
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Hallo Heiko,
da hast du recht! Mein Favorit ist auch das Vorletzte. Ich habe aber ausser Lichterkorrektur und leichtem Nachschärfen nichts manipuliert. Es liegt sicherlich daran, dass beim ersten Bild der Hintergrund denkbar unruhig ist durch den Muschelbewuchs an den Felsen, der ja normalerweise unter Wasser liegt.
Ich habe die Bilder ja auch bewusst nicht ins Bilderforum gestellt. Ausser heimischen Eichhörnchen war das meine erste Wildlifeerfahrung. Mir ging es bei dem Beitrag lediglich um das Erlebnis.

Stefan
 
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gabathora

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Danke für den Bericht und die Bilder ... sehr beeindruckend und auf keinen Fall zu lang ;)!

:up::up::up:
 
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Werner1

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Hallo Stefan,

das ist ein interessanter Bericht, der Text ist nicht zu lang. Bei den Bildern kommt Reiselust auf.

Gruß,
Werner
 
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gerhardb

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Hi Stefan,

schön dass du gesund wieder zurück bist und von deiner Reise berichtest.
Wildlife pure! Sehr guter Bericht und tolle Fotos.
Mein Favorit ist das Bild mit den Zwillingen. Wie nahe warst du dran? :up::up::up:

Bis bald,
 
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Stefan N.

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@rudi: Stories oder Bilder? ;) Wie bereits geschrieben, ich war recht sparsam beim fotografieren, weil ich so fasziniert war vom Liveerlebnis. Solche Tiere sind immer faszinierend aber dann noch in ihrer natürlichen Umgebung. Ich kann jetzt absolut die Afrikabesessenen verstehen, wenn sie dort auf Fotopirsch sind und die Tage bis zu ihrem nächsten Besuch zählen. Aber ich such noch, vielleicht hab ich noch das Ein oder Andere.

@Gerhard: Ich bin ein ganz schlechter Schätzer, vor allem hab ich drei Eindrücke im Kopf: Normaler Blick, Blick bei 200mm "TTL", und der Blick durch das Fernglas (10x35 bin mir nicht mehr ganz sicher). Aber so würd ich mal von 30 bis 50 Metern ausgehen.

Hier nochmal dein (und auch mein) Favorit wie es aus der Kamera gekommen ist und der Ausschnitt:



Bewusst so aneinandergewachsen, zum besseren Vergleich.

Stefan
 
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lmr337

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Vielen Dank, Stefan, für diese tolle Reportage!

Durch solche Beiträge wird meine Wunsch-Reiseliste länger und länger...;)

Ich bin gespannt, was da noch kommt von Dir!
 
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Stefan N.

NF Team
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Durch solche Beiträge wird meine Wunsch-Reiseliste länger und länger...;)

Tja Elmar, da kann ich nur sagen: Wie du mir, so ich dir! Seit ich wieder daheim bin hab ich euren Faröer-Thread "in Bearbeitung", denn den muss man langsam und genussvoll durchgehen. Hurtigruten wollte meine Frau eh mal machen .... :hehe:

Stefan
 
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