Die stilisierte Leichtigkeit des Seins


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Klaus Harms

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Székessy-Foto "Über den Stuhl gelegt" von 1967 (Ausschnitt). Foto: Museum

Sensible Aktfotos und romantische Landschaften - das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe widmet der Fotografin Karin Székessy im Rahmen der 4. Triennale der Photographie eine große Retrospektive.

Hamburg - Eine unbekleidete Frau sitzt am Fenster. Den weißen Vorhang hat sie wie einen Turban um den Kopf geschlungen. Fast wirkt sie wie einem flämischen Interieurgemälde entsprungen, nur ihre freizügige Nacktheit spricht dagegen. Die Fotografie stammt von der Hamburger Fotografin Karin Székessy und trägt den Titel "Ecole flamande". Obwohl sie sich in so vielen Genres wie dem Stillleben, der Landschaftsfotografie, dem Porträt oder der Reportage zu Hause fühlt, ist Karin Székessy vor allem für ihre überaus sinnliche und gleichzeitig unaufdringliche Aktfotografie bekannt geworden. "Ich versuche, durch Aktfotografie mein eigenes Geschlecht kennen zu lernen, ja, mich selbst zu erkennen", hat sie einmal gesagt.

Seit den 1960er Jahren arbeitet die 1939 geborene Székessy regelmäßig mit weiblichen Aktmodellen. Zuerst war es die hübsche Kusine, dann enge Freundinnen und schließlich gegen Honorar arbeitende Profi-Models, die für die Hamburger Fotografin posierten. Karin Székessy fühlt sich ihren Modellen geradezu schwesterlich verbunden. Die hüllenlosen Frauen tragen manchmal Papiermasken von Paul Wunderlich, dem Maler und Ehemann der Fotografin, manchmal sind ihre Gesichter hinter gazeartigem Stoff verborgen. Sie liegen kühn ausgestreckt auf Möbelstücken oder auf Gartenbänken, sie verrenken sich am Boden oder fassen sich wie zufällig in die Scham. Bei Székessy dominieren die inszenierte Pose und die bis ins Detail durchkomponierte Stilisierung. Die Fotografien der Surrealisten kommen einem da in den Sinn, aber auch die gern und routiniert von Protagonisten der 68er- Generation wie Uschi Obermaier oder Rainer Langhans demonstrierte Lässigkeit im Umgang mit Sexualität. Ohne die sexuelle Revolution wären die Aktfotografien Karin Székessys gar nicht denkbar. Geist und Haltung sind frei, die Posen spielerisch, die Bildfindungen oft überraschend.

Virtuoser Umgang mit nahezu allen Fotografie-Techniken

Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe präsentiert jetzt in einer großen Retrospektive rund 250 Aufnahmen Székessys. Auffallend ist der virtuose Umgang der Ende der 1950er Jahre in München ausgebildeten Fotografin mit nahezu allen fotografischen Techniken. Barytabzüge hängen neben seltenen Lichtdrucken, perfekte Silbergelatineabzüge neben digitalen Ausdrucken. Karin Székessy beherrscht die Dunkelkammerarbeit ebenso wie den Umgang mit der Digitalfotografie. "Anhand von neuen Techniken bin ich manchmal zu neuen Themen gekommen", sagt sie.

Die Nähe zu Künstlern und Schriftstellern findet ebenfalls ihren Widerhall in ihrem fotografischen Oeuvre. In einer spontan wirkenden Aufnahme von 1960 fotografierte sie Joseph Beuys ohne Hut mit gigolohaft nach vorne gekämmten Haar. Auch Günther Grass oder der langjährige Feuilleton-Chef der Wochenzeitung "Die Zeit" Fritz J. Raddatz, ein Familienfreund und Verehrer, tauchen auf Karin Székessys Bildern auf. Székessy bekam zur Konfirmation von ihrer Mutter eine alte Leica geschenkt und bewunderte schon als Jugendliche Fotografen wie Bill Brandt oder Edward Steichen. Stets hat sie das freie Arbeiten mit der Auftragsfotografie kombiniert. Sie machte Aufnahmen für Magazine, für die Werbung und für Buchcover, gelegentlich auch Titelbilder für den Spiegel. Aber immer wieder entstanden auch sinnlich ausbalancierte Fotoserien sowie starke Einzelbilder: Die Rückenansicht eines älteren Paares mit Gehstöcken auf einem Platz in München, eine skeptisch blickende Frau auf einer Männermodenschau in Köln, die ihren schmalen Mund leicht geöffnet hat, so dass ein Goldzahn hervorblitzt, oder eine vergnügte Hochzeitsgesellschaft auf den Stufen einer Kirche in der Provence. Die Hundeliebhaberin Székessy verbringt seit langem die Sommer in ihrem Haus in der Provence. Auch dort findet sie fotografische Themen: Landschaften voller Stille und Weite, Blumen- und Fruchtstillleben voller Melancholie, aber auch voller erotischer Aufladung. Einige erinnern an die Blumenfotografien von Robert Mapplethorpe. Karin Székessy arbeitet präzise auf den exakten Augenblick der Aufnahme hin. Meist drückt sie nur ein- bis zweimal ab, korrigiert höchstens einmal die Blende. "Das Foto steht in dem Moment, wo ich es sehe und abdrücke", sagt sie. "Man kann nicht aus einem schlechten Bild ein gutes Foto zaubern."

Karin Székessy, innerhalb der Triennale der Photographie Hamburg, Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg, bis 31. August, Di-So 10-18 Uhr, Do 10-21 Uhr. Katalog: Edition Braus, 216 S., 176 Abb., 39,90 Euro)
 
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