Bach am Bach ...


sam25

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Gerne lade ich Euch ein für einen fotografischen, musikalischen und literarischen Spaziergang ins Valle Verzasca. Ich nutzte das Wochenende im Ferienhaus, um meine Gedanken rund um Johann Sebastian Bachs H-Moll Messe niederzuschreiben. Das Werk verwirrt mich noch immer, noch immer klingt es nach ....

Alle Bilder sind mit einer D4 mit 135mm und 180mm Nikkoren, MF aufgenommen worden.

Töne kann man nicht fotografieren. Aber ich bin überzeugt, dass wenn man Töne in sich trägt, sich auch die Wahrnehmung ändert. Euch erwartet viel Text und und 38 Bilder .... :)



"Bach. Johann Sebastian. Hier hinten, im Valle Verzasca, auch Bach. Das Geräusch des Wassers, gleichbleibend, ausser man ändert die Distanz. Laut und leise, gleichmässig, fast schon betörend, selbst bei geschlossenem Fenster.



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sam25

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Bach, die H-moll Messe. Ein Flickwerk. Wenn ich von der Terrasse unseres Ferienhauses hinunter zum Bach schaue, dann sieht es auch aus wie ein Flickwerk. Aber es funktioniert. Die Steine, das Wasser, die Pflanzen, kein Meisterwerk, keine Struktur und die Harmonie muss man sich erkämpfen. Kampf und Harmonie beisst sich. Das Aussen lässt sich nicht ändern.



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sam25

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Johann Sebastian Bachs H-Moll Messe kam wiederentdeckt zu einem Zeitpunkt in mein Leben, wo es in vielen Bereichen galt, Abschied zu nehmen. Ich nehme im Valle Redorta jedes Mal Abschied, aber ich begrüsse auch immer wieder. Bach sagt Adieu mit der Messe, sein letztes vollständiges, grosses Werk. Schon fast erblindet schreibt er Note für Note. Die Originalpartitur ist heute Weltkulturerbe. Ein komisches Wort. Kultur kann man nicht erben, weil man Kultur nicht besitzen kann. Forscher wenden viel Zeit und Geduld auf, jeglicher, noch so erdenklicher Spur nachzugehen, welches das Rätsel um dieses Kunstwerk lösen würde. Oder zumindest etwas mehr Licht in die Beweggründe von Bach, dieses Werk zu schreiben, herauszufinden. Dabei kann man dieses Werk, zumindest was der Text betrifft, relativ gut zuordnen. Eine Messe, von A – Z, etwas anders formuliert, musikalisch schön verpackt und süffig für die Ohren. War’s das?



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sam25

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Die Missa tuta, Bachs einzige vollständige Messe, hat er als bekennender Lutheraner einem katholischen Fürsten gewidmet. Und ausgerechnet einem Fürsten einer anderen Stadt. Nicht jenem von Leipzig, sondern jenem von Dresden. So ganz uneigennützig soll das ja nicht gewesen sein. Den Klerus in seiner Arbeitsstadt hat ihm das Leben jahrelang schwer gemacht, so dass ein anderer Arbeitsort durchaus in Frage kommen würde. Überhaupt habe ich den Eindruck, dass der Klerus Bachs Musik immer hinten nach lief. Die wirklichen Erfolge und die Würdigung seiner Tonkunst haben jeweils in einer Studentenbeiz stattgefunden. Aber lassen wir die Geschichte vorerst.



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sam25

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Mich traf die Messe, als wir das Haus unserer Eltern geräumt hatten und ich eine CD-Box fand, mit den geistlichen Werken von Johann Sebastian Bach. Unsere Eltern liebten Bach, die Mutter mehr als unser Vater. Ich habe beschlossen, mit der letzten CD anzufangen. 12 CD’s und so begann ich die 12. zu hören. Und es war die zweite CD von der H-Moll Messe. Sie hat eingeschlagen. Wir kennen den Messetext, zumindest jene von uns die katholisch sind. Ich kannte ihn nicht: Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus und Agnus Dei. So begann ich, wie immer, wenn mich etwas auf spezielle Art und Weise gefunden hat, der Sache nachzugehen. Und schnell wurde mir klar, dass die Messe hier hin passt. In die Nordtäler des Tessins.



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sam25

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Musikalisch kann man die einzelnen Sätze der Messe einigermassen zuordnen. Man weiss, welches frühere Werk sich Bach bedient hat und es umgeschrieben hat. Man hat aber so ziemlich keine Ahnung, warum er es genau bei diesem Abschnitt der Messe tat. Eigentlich ist es eine Unordnung, die Musik passt zum Text, aber auch nicht. Man hört den Theologen Bach, den gläubigen Bach, aber das ist zu kurz gegriffen. Die Messe gibt so viel zu diskutieren und dies auch nach hunderten Jahren nach ihrer Entstehung. Da muss wohl mehr daran sein. Aber ich habe Musik ein Stück weit immer anders verstanden, Fotografie auch und die Nordtäler des Tessins ebenfalls. Anspruch auf meine Richtigkeit meiner Sichtweise proklamiere ich nicht.



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sam25

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Und so gehe ich den Poesieweg, hin zum Wasserfall. Ich gehe ins Dorf, nehme einen Apero in Sonogno und gehe zurück. Und anderntags gehe ich in ein anderes Seitental. Ich lasse mich begleiten von den Tönen dieses Kunstwerkes und lasse mich von den Motiven, welche mich rufen einfangen. Und dann schreibt es mit mir. Eine andere Form des Fotografierens oder des Musikhörens.



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sam25

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Sanft beginnt das Kyrie: Herr Erbarme dich unser, Christus erbarme dich unser. Tausende Male haben es die Menschen hier in den Tälern gesprochen, wenn sie nicht weiter wussten. Tausende Male kam es über ihre Lippen, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals stand, sie Hunger litten und sie zugeschneit waren. Tausende Male haben sie es vermutlich gesprochen, wenn sich junge Mensch ineinander verliebt haben, trotz der Arbeit, welche ihnen aufgebürdet wurde. Oben, auf der Alp oder in der Wiese, fernab des Dorfes, die erste nackte Haut sahen und sich kaum getrauten hinzuschauen.



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Bach hatte einen Sohn, der nicht tat wie es sich gehörte. Er starb früh, mit etwas über zwanzig Jahren, ohne dass sein Vater Kenntnis davon hatte. Carl Philipp und zwei andere Söhne wurden erfolgreiche Musiker und Komponisten. Aber nicht alle Kinder haben es in die Fussstapfen von Johann geschafft.



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Die Nordtäler des Tessins könnten ohne massive Unterstützung nicht mehr überleben. Das Bavonatal wäre ohne fremde Hilfe ein verfallener Naturpark, das Onsernonetal nach der Ablehnung des Nationalparks vom Aussterben bedroht. Das Valle Verzasca ohne die farbigen Steine wäre dem Untergang geweiht. Kyrie, Herr, erbarme Dich unser. Der Ruf nach Erbarmen wird vom Chor und von einer Einzelstimme gesungen. Der gemeinsame Wunsch, die gemeinsame Unzulänglichkeit wegzumachen. Um Verständnis bitten, wo es kein Verständnis gibt. Um Verständnis bitten, wo eigentlich Kopfschütteln angesagt wäre.



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Die Lobpreisung und Dank an den Schöpfer: „Ehre sei Gott in der Höhe, wir verherrlichen Dich“. Die Lobpreisung und der Dank enden mit dem Amen. Das Amen fällt hier oft in den Tälern. Amen als Zwischenwort zwischen gefühltem Leben und dem Tod. Amen bedeutet, zu wissen was war, aber nicht zu wissen was wird. Amen, als ob ich nach einer schweren Aufgabe ausschnaufen würde.

Chor und Solostimmen wechseln sich ab im Gloria. Wenn der Mensch schon nichts zu glorifizieren hat, dann wüscht er sich eine glorifizierte Welt. Bach hatte sich der Zeit genau so zu fügen wie ich meiner. Die Zeit bleibt mir nichts schuldig, und ich der Zeit auch nicht. Es ist immer, wie heute, ein Geben und ein Nehmen.




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Bach’s Eltern starben innerhalb zweier Jahre, als er zehn und elf Jahr alt war. Die erste Frau verlor er früh, die zweite Frau hat ihn überlebt. Einige seiner Kinder hat er verloren. Das war zu dieser Zeit nichts Aussergewöhnliches. Wenn Kinder in den Bergen beim Vieh hüten abstürzten war dies auch nichts Aussergewöhnliches. Es konnte jedem passieren.
Der vorgegebene Messetext ist starr. Bachs Töne hingegen nicht. Ein Kunstgriff, welche viele Komponisten dazumal anwendeten, den Vorgaben und der Zensur zu entweichen. Bach spielt mit Moll und Dur. Moll und Dur wechseln sich ab. Also Trauer und Freude. Warum auch nicht. Er nutzt Flöten und allerhand anderes Gebläse und den Text zu kontrastieren. Er nutzt Pauken und Trompeten um die Feierlichkeit zu untermauern.




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Wenn ich mich hier aufhalte, dann ist es wie in einem Film. Ich nehme war, und bin gleichzeitig Teil davon. Ich spiele mit, bin Protagonist. Und das alles hat mit mir zu tun. Ich bin Teil davon. Auch ich werde zum Motiv. Ein Abbild von mir selbst. Eindeutig ist hier nichts, kaum etwas erklärbar. Das einzige was passiert ist, dass so viele Fragen wie Steine lauern.



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Man mag mit Bach wohl musikalisch zurechtkommen. Nicht aber als Mensch. Zu viele Fragen bleiben offen. So wie hinter jedem Komponisten ein Mensch steckt, so steckt hinter jeden Schriftsteller einer und hinter jedem Fotografen und Maler auch. Das grosse Pech ist, dass wir mit verstorbenen Menschen nicht mehr sprechen können. Ob hingegen das alle Fragen beantworten würde, sei dahin gestellt. Vielleicht könnten wir mit Toten sprechen, aber wir haben es verlernt. Vielleicht ringt es Bach ein Lächeln ab, wenn er mitbekommt, was ich schreibe. Aber, lieber Herr Bach, in aller Bescheidenheit und Bewunderung Ihnen gegenüber, würde mich das sehr freuen.



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sam25

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Bach hatte wenig Grund ein Gloria auf seinen Arbeitgeber zu hieven. Der Klerus war mehr hinderlich als fördernd und die Kirche musste schon im Dorf bleiben. Bei den Lutheranern war das nicht anders als bei den Katholiken. Aber eigentlich ist das überall so. Keine Regeln sind auch Regeln. Einfach anders, wenn auch hoffnungsvoll, endlich vom Alten befreit zu sein. Das wusste auch Bach und das weiss ich. Es gibt nicht keine Regeln, es gibt nicht keine Vorgaben. Schon nur aufstehen ist eine Regel, sich waschen, den morgendlichen Kaffee, arbeiten. Die künstlerische Freiheit ist im besten Fall das, was man eine gut bezahlte Arbeit nennt. Das Pendant zur Oberetage der Wirtschaft. Bach wäre kein Schreiner geworden. Zufälligkeiten und sein solides Handwerk haben ihn letztlich dorthin gebracht, wo er bis zum Lebensende wirkte. Aber gegen die Zeit konnte auch er nicht anrennen. Die Unruhen und Kriege gingen an ihm nicht spurlos vorbei und vielleicht ist das Teil dieser Messe. „Mit dem Heiligen Geist in die Herrlichkeit. Gottes des Vaters. Amen“.



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sam25

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Bach hat seine H-Moll Messe wohl nie live gehört. Selbst aufgeführt hat er sie bestimmt nicht. So wie Beethoven seine 9. Sinfonie ebenfalls nicht. Viele Menschen aus den Nordtälern war Locarno fremd. Sie hatten schlicht kein Geld und keine Zeit sich den Städtern zu widmen. Und von der Musik von Bach hatten die Talbewohner wohl keine Ahnung. Wie auch? Vergnügen gab es keines, dafür umso mehr Arbeit.
Ein Stück weit habe ich den Eindruck, dass sich das Gloria auch auf seine eigene Musik bezieht. Alt und halb blind merkte er wohl, dass er nicht mehr so lange leben würde. Populär war er nicht mehr. Sein Sohn, Carl Philipp hat ihn überrundet. Und da gab es den aufkommenden Mozart, Haydn und andere, welche mit neuen Ideen die Musikwelt prägten.




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sam25

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Bachs H-Moll Messe ist sein Abschluss. Eine Zusammenfassung von seinem Leben in Tönen. Bewundernswert und eindringlich, reduziert auf knapp zwei Stunden.
Und doch ist sie kontrovers. Das sind die Nordtäler des Tessins auch. Es gibt eigentlich keinen Grund, sie zu besiedeln. Heute vielleicht etwas mehr als früher. Meine heutige Freude an den frei herumlaufenden Ziegen ist für andere Arbeit. Harte Arbeit. Bachs Auftrag an der Kantorei war es auch. Nur dass er sich nicht mit Ziegen sondern mit Noten und Unterricht beschäftigten musste. Und das noch mit Vorgaben.




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sam25

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Beim Viehhüten ist der Chef die Natur. Das Wetter. Sie beide bestimmen den Ablauf der Aufgabe und wer die Zeichen des Alltags nicht verstand, ging vor die Hunde. Es gibt kaum eine niedergeschriebene Geschichte von Menschen hier in den Nordtälern. Nur wenige Familien berichten über sich selbst. Die Zeit musste für anderes genutzt werden. Alt wurde man hier ohnehin nicht. Noten schreiben ist etwas anderes als hier in den Tälern zu leben.
Aber das Gloria ist dasselbe. Bach, wie die Menschen hier, waren auf ein Einkommen angewiesen. Erstmals auf der Welt, gibt’s kein Zurück mehr. Ausser man beendet es vorzeitig selbst oder hofft auf ein schnelles Ableben. Und vielleicht darum dieses Gloria, diese Huldigung, dieser Ruf nach Erbarmen. Ich verstehe es.




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sam25

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Dem Credo hat sich Bach sehr intensiv gewidmet. Die Taufe, dem Heiligen Geist, der Kirche. Bach war ja ein Stück weit privilegiert. Immerhin brachte er es zu einer festen, meistens gut bezahlten Anstellung. Andere hingen am Hungertuch und schlugen sich die Köpfe für die Elite ein. Wohl kaum ein Jahrzehnt verging, ohne dass die geistreichen Oberen nicht Jemanden dem Krieg erklärten. Heute ist das nicht anders. Nur haben wir mehr Möglichkeiten.



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