Siegfried Hansen, Pia Parolin. Mit offenen Augen

Buchbesprechung zu "Mit offenen Augen" von Siegfried Hansen und Pia Parolin

Artikel Details

Für Einsteiger in die Fotografie empfohlen​

Buchcover Mit offenen Augen von Siegfried Hansen und Pia Parolin aus dem dpunkt.verlag


Heute geht es um das Buch „Mit offenen Augen“ von Siegfried Hansen und Pia Parolin. Vom dpunkt.verlag wird das Buch in etwa so beworben: „Eine Wahrnehmungsschule für die Streetfotografie. Bessere Streetfotos mit dem PILOT-System. Motive in der Streetfotografie erkennen und gekonnt fotografieren. Kognitive Fotoschule mit zwei erfolgreichen Fotoprofis anhand des PILOT-System. Visuelle Kompositionen mit Formen, Flächen, Linien und Farben des Alltags fotografisch darstellen. Wonach hältst du Ausschau, wenn du auf Fototour gehst? Wie erkennst du Motive, die es sich zu fotografieren lohnt, und wie richtest du deine Wahrnehmung auf die Dinge aus, die du fotografisch festhalten willst? Siegfried Hansen und Pia Parolin zeigen dir, wie dir ausdrucksstarke und originelle Streetfotografien gelingen. Sie geben dir eine Anleitung an die Hand, wie du deine Wahrnehmung schärfst, das Besondere im Alltäglichen erkennen lernst und auf spannungsreichen Bildern pointiert festhältst.“ Nach diesen etwas vollmundigen Vorankündigungen war ich sehr gespannt auf das Buch.

Nachdem ich das Buch Anfang Januar dann auf dem Tisch hatte, habe ich mich gleich daran gemacht, es zu lesen, da mich die Themen „fotografische Wahrnehmung“ und auch „Streetfotografie“ sehr interessieren. Und tatsächlich, das Buch beginnt damit zu erklären, was Wahrnehmung ist (Kapitel 1), um dann in Kapitel 2 davon zu erzählen, wie man seine Wahrnehmung ändern kann.

Zwei Seiten des Buchs Mit offenen Augen, Kapitel 2.1 Wahrnehmung ändern - geht das überhaupt?


Dann verlassen die Autoren den allgemeinen, fototheoretischen Teil und führen den Leser in das von Hansen schon 2005 kreierte PILOT-System ein (Kapitel3). Den Begriff PILOT konstruiert Hansen als Akronym aus den Anfangsbuchstaben seiner fünf Schlagworte, die das System bilden:
  • P = Places (Plätze)
  • I = Inspiration
  • L = Layers (Ebenen)
  • O = Objects (Objekte)
  • T = Themes (Themen)
Zwei Seiten des Buchs Mit offenen Augen, Kapitel 2.8 Die Wahl des richtigen Ortes


Hansen selbst bezeichnet PILOT als: „Kernpunkt, unseres Buches (…). Nach diesem System sind fast alle seine bekannten Bilder entstanden“. Hier führt Hansen dann auch einen seiner Hauptbegriffe, den Trigger, ein. Dieser Einführung folgen in Kapitel 4 zahlreiche Anwendungsbeispiele, die dem Leser anhand von Bildbeispielen das PILOT-System erklären sollen. Darüber hinaus sollen die Beispiele den Leser anregen, selbst einmal „andere Wege“ zu gehen. In diesem Kapitel kommen dann auch noch kurzgefasste, technische Aspekte zu Wort. Am Ende des 4. Kapitels streifen die Autoren noch ganz kurz die Themen gute und schlechte Bilder, und wie man seine Bilder eigentlich auswählt und für die Präsentation editiert. Auch den Hinweis, dass das Sprechen über Bilder an sich sehr wichtig ist, bringen sie noch unter.

Fazit​

Grundsätzlich mag ich Fotobücher sehr, da diese unsere Fotografie aus dem Digitalen herauslösen. Sie helfen damit zumindest ansatzweise, das klassisch Haptische der Fotografie wieder erfahrbarbar machen und so z.B. eine Fotoausstellung nach Hause holen zu können. Auch können Fotobücher dazu dienen, über Fotografie zu diskutieren.

Bei fotografischen Ratgeber-Büchern tue ich mich dagegen im Allgemeinen schwer. Das neue Buch „Mit offenen Augen“, von Hansen/Parolin ist natürlich kein Bildband, sondern den Ratgeber-Büchern zuzuordnen und hier speziell der Streetfotografie. Unter diesen Ratgebern sticht das Buch allerdings durch seinen hier eher selten anzutreffenden theoretischen Ansatz zur fotografischen Wahrnehmung heraus. Das, und der Hinweis auf die Streetfotografie, waren die Hauptgründe für mich, das Buch zu lesen, da ich mich seit längerer Zeit mit diesem Thema beschäftige.

Leider liefert das Buch zu diesem wichtigen Aspekt nur Schlagworte, ohne diese dann wirklich zu erläutern und zu hinterfragen. Auch bleiben die Autoren hier viel zu vage, um mit ihren Ausführungen zur fotografischen Wahrnehmung die Neugier beim Leser zu erzeugen, die ihn anregt, sich weiter damit zu beschäftigen. Zwar vertreten die Autoren wohl den Standpunkt, dass die Welt in unseren Köpfen entsteht, und “jeder sein eigenes Bild dieser Welt entwickelt“ - aber bezogen auf die Fotografie arbeiten sie den Punkt, dass die Bilder im Kopf entstehen nicht gründlich genug heraus. Darüber hinaus vermisse ich auch eine Einordnung, was denn Streetfotografie eigentlich ist oder sein könnte.

Dem PILOT-System dagegen widmen sie sehr viel Raum und viele Beispiele, die mir oftmals willkürlich erscheinen. Das wird auch dadurch verstärkt, dass die Autoren es schaffen, die Dinge kompliziert zu erklären und doch oberflächlich zu bleiben. Darüber hinaus heben sie ihre eigenen Thesen gleich wieder auf, indem sie immer wieder nachschieben, dass man es auch anders machen könnte. Ab Kapitel 3 erinnert mich das Buch daher doch stark an so glorreiche Ratgebertitel wie „Drehbuch schreiben in drei Tagen gelernt“, oder “Werde Millionär in einem Jahr“.

Natürlich kann auch das PILOT-System dabei helfen, etwas dazuzulernen, wie etwa die Eigenschaften von Triggern. Und auch der Hinweis, alte Meister bzw. bekannte Fotografen zu studieren. ist im Ansatz richtig. Doch fehlt der Hinweis, dass auch Streetfotografie-Meister wie Henri Cartier-Bresson, Robert Capa oder Bruce Gilden heute mit einer Digitalkamera gewiss andere Bilder machen würden als damals. Speziell darüber, dass natürlich auch das technische Equipment, sprich Kamera- und Entwicklung (heute natürlich das Digitale), die Fotografie und damit die Bilder stetig verändern, findet man wenig.

Zwei Seiten des Buchs Mit offenen Augen, Kapitel 3.3 Layers


Positiv finde ich im Buch, dass die Autoren zeigen, dass moderne Streetfotografie auch farbig funktioniert. Diese Frage wird allgemein leider immer noch sehr zurückhaltend behandelt! Auch der Teil, der sich der besonderen Situation für die Streetfotografie in Deutschland widmet, ist gelungen. Denn eigentlich kann man, zumindest wenn man die Gesetze beachtet, in unserem Land keine „klassische“ Streetfotografie mehr betreiben.

Zwei Seiten des Buchs Mit offenen Augen, Kapitel 4 Die Meister studieren


Den wichtigen Punkten des Auswählens und Editierens der eigenen Bilder und der alle umtreibende Frage, was ein gutes oder schlechtes Bild ist, widmen die Autoren gerade mal eine dreiviertel Seite, das ist leider viel zu wenig. Richtig schwierig wird es für mich dann, wenn die Autoren z.B. sagen: „Zu den allgemeingültigen Kriterien für Schönheit können wir nicht viel sagen. Was ist schön?“. Dieser kleine Teil am Ende des Buches negiert die durchaus positiven Ansätze im Buch fast völlig. Schade, denn eigentlich gibt es doch nur einen Ansatz für die Frage, ob ein Bild gut oder schlecht ist: Entweder gefällt mir ein Bild oder nicht. Und wenn es mir gefällt, ist es (für mich) ein gutes Bild. Darüber hinaus weiß man inzwischen, dass unser Gehirn gerade mal 0,8 Sek. für diese Entscheidung benötigt.

Bei aller Kritik möchte ich trotzdem eine Empfehlung zum Kauf für dieses Buch aussprechen. Als Zielgruppe sehe ich allerdings eher den fotografischen Anfänger, der sich eventuell mit der Schnappschuss-Fotografie beschäftigen will. Aber auch deshalb, weil Bücher über Fotografie auch immer die Grundlage für eine theoretische Auseinandersetzung mit derselben sind! Und erst recht, weil in den sogenannten „Amateurkreisen“ so wenig über Fototheorie geredet (und geschrieben) wird - was leider auch für unser Forum zutrifft. Es gilt auch hier: Lesen bildet – immer!

Ich vergebe deshalb bezogen auf die Zielgruppe 4 Sterne.

Die Daten​

Siegfried Hansen / Pia Parolin. Mit offenen Augen. Eine Wahrnehmungsschule für die Streetfotografie erschien am 14.12.2021 im dpunkt.verlag. 212 Seiten, komplett in Farbe, Festeinband, 19.1 x 2 x 24.8 cm. Auch als E-Book (PDF) erhältlich.
ISBN: 978-3-86490-855-2
Preis: 32,90 €

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Bewertung​

4 von 5 Sternen


Rezension: Dieter Doeblin

© Dieter Doeblin. Jedwede Art der Veröffentlichung, auch auszugsweise, bedarf der Genehmigung. Text: Dieter Doeblin Fotos: Hansen, Parolin, dpunkt.verlag

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